Franz Klammer über Lindsey Vonn: "Bin kein Freund von Comebacks"

AZ: Herr Klammer, am Freitag ist es genau ein halbes Jahrhundert her, dass Sie am Patscherkofel bei Innsbruck Olympia-Gold geholt haben, vor dem Schweizer Bernhard Russi, Ihrem ewigen Rivalen. Wie präsent ist Ihnen diese Fahrt noch?
FRANZ KLAMMER: Ich sehe sie sehr oft, da ich oft mit Firmen beim Skifahren bin, und da gibt es immer einen Abend, an dem ich erzähle, wo ich bei der Abfahrt was gemacht habe. Das ist jetzt 50 Jahre her, und ich kann es mir nach wie vor nicht erklären. Unglaublich!
Haben Sie noch Kontakt zu Russi? Er hat ja eine zweite Karriere als Architekt von Abfahrts-Strecken hingelegt...
Wir haben sehr viel Kontakt, sind wirklich Freunde geworden. Wir sehen uns nicht oft, aber wenn dann haben wir so viel zu reden, auch mit dem Gustav Thöni, Michi Veith und Peter Fischer aus Oberstdorf. Die sind alle bei der Tour de Franz dabei. Das ist mit das Schönste, was ich aus dem Skisport rausgeholt habe.
Klammer organisiert jedes Jahr die "Tour de Franz"
Immer im August laden Sie zur "Tour de Franz" zugunsten notleidender Kärntner Familien ein. Wie kam es dazu?
Das mit dem Radeln für den guten Zweck haben wir schon in den 90ern in den USA angefangen, mit dem Weber Franz (mehrfacher Weltrekordhalter im Speed-Skifahren, d. Red.) und dem Heidegger Klaus (fünffacher Weltcupsieger in Slalom und Riesenslalom). Sechs Tage sind wir durch Kalifornien geradelt, von San Francisco bis Mendocino und zurück, rechts aufi über die Golden Gate. Der Veith Michi (Vize-Weltmeister 1978) ist auch mitgefahren. Dann haben wir das in Kärnten gemacht, als Tour de Franz, immer eine andere Strecke. Am Anfang gab‘s immer eine Bergankunft, aber jetzt schaffen wir das nicht mehr und bleiben lieber im Tal.

Gab es damals nicht viel Rivalität, gerade mit Schweizern und Deutschen?
Unter uns Läufern nicht, auch mit den Deutschen nicht. Wir haben uns super verstanden, mit den Südtirolern sowieso.
Ihr Ski-Hersteller Fischer hatten Ihnen für Olympia einen speziellen Loch-Ski gebaut, den Sie dann doch nicht hergenommen haben. Gibt‘s das Modell noch?
Bei mir jedenfalls nicht. Ich hab‘ nicht mal den Ski bekommen, mit dem ich Olympiasieger geworden bin. Den wollte Fischer nicht hergeben.
Nach der Ski-Karriere waren Sie in den 80ern eine Weile Autorennfahrer, wurden sogar österreichischer Tourenwagen-Meister, mit einem Chef namens Helmut Marko...
Doktor Einauge! Er ist ja früher Formel 1 gefahren, hatte einen Ferrari-Vertrag, weil er viel schneller war als Niki Lauda. Er war der Schnellste überhaupt, hat Le Mans gewonnen, alles niedergefahren. Nach dem 1970 in Monza verunglückten Jochen Rindt wäre er DER Mann gewesen. Aber dann hat er irgendwo in Frankreich einen Stein ins Auge gekriegt – die sind ja damals nur mit Skibrillen gefahren! Irgendwann ruft er an und sagt: ‚Ich hab‘ gehört du willst Autorennen fahren – ich hätt‘ ein Auto für dich!‘ Erst Alfa Romeo, dann Mercedes. Der Münchner Peter Oberndorfer war mein Teamkollege. Skifahren war mein Leben, Autorennen war ein Erlebnis. Aber anders als beim Skifahren hat man einen Motor, mit dem man Fehler kompensieren kann.
Klammer über seinen schlimmsten Sturz: "Mit 100 in einen Gegenhang, 50 Meter weit, bumm"
Fehler auf Skiern musste man auch zu Ihren Zeiten vermeiden, angesichts der drei Heuballen, die da als so genanntes Sicherheitskonzept in der Gegend herumstanden. Unlängst fuhr nun ein italienischer Rennläufer in einen Holzzaun und starb. Wie kann das sein?
Natürlich sind das Pseudo-Netze, die man da zum Training aufstellt – weil der italienische Verband nicht das Geld hat. Die Fis müsste wie im Weltcup gesicherte Pisten für alle Nationen zur Verfügung stellen. Wir haben in Schladming mal im Herbst trainiert. Am 29. September hat es geschneit, die Piste wurde präpariert, bevor im Oktober der Schnee wieder wegschmolz und nur noch ein zehn Meter breites Band übrig blieb, ringsum nur Steine und Wiesen – da sind wir mit 120 runter gefahren. Danach war jede Abfahrt leicht. Da ging es um Mut: Wer sich getraut hat, ist schnell gefahren, wer sich nicht getraut hat, ist langsam gefahren. Das ist jetzt das Problem: dass alles geht, alles perfekt hergerichtet ist - und dann fährt man manchmal zu schnell. Geschwindigkeit ist halt gefährlich, aber das ist der Reiz. Zudem ist das Material so aggressiv geworden. Wir konnten noch die Ski quer stellen – das geht heute nicht mehr.
Ihr schlimmster Sturz?
Im letzten Trainingslauf in Chamonix wollte ich riskieren, hab‘ aber die Rechts-Kurve und eine Welle versäumt – und bin in die falsche Richtung weggesprungen, mit 100 in einen Gegenhang, 50 Meter weit, bumm. Danach hab‘ ich nicht mehr springen können.
Am Samstag steht in Bormio mit der Abfahrt der Saisonhöhepunkt der Downhiller an...
In Bormio bin ich 1985 noch Fünfter bei der WM geworden, als der Wasi gewonnen hat. Für uns war das keine so schwierige Abfahrt, weil wir nicht ganz so viele Kurven gefahren sind. Und wir haben Kraftausdauer gehabt – jetzt haben sie nur Kraft, keine Ausdauer. Du brauchst ja Kraft, um den Ski durchzubiegen, und wenn dieser riesige Oberschenkelmuskel mal leer ist, bist du nur noch Passagier. Wer genug Kraft hat, fährt den anderen in Bormio unten noch eine Sekunde weg.
Klammer über Olympia-Favorit Odermatt: "Wie der fährt, das ist einfach gigantisch, sehenswert"
Wie sehr verfolgen Sie noch das Renngeschehen im Weltcup?
Wenn ich irgendwie Zeit habe, schaue ich jedes Skirennen an, Damen und Herren - wenn ich nicht gerade mit den fünf und sieben Jahre alten Enkeln beim Skifahren bin. Das ist noch wichtiger als Skirennen schauen. Ich pushe die überhaupt nicht, wir tun nur skifahren - und das lernen sie eh von allein.
Bei den Männern zählt sicher Marco Odermatt zu den Favoriten, korrekt?
Wie der fährt, das ist einfach gigantisch, sehenswert. Eine Freude, ihm zuzuschauen! Aber es sind gerade viele gute Rennfahrer draußen.
Lindsey Vonn hat mit 41 ein spektakuläres Comeback hingelegt. Im Vorfeld hatten Sie eher kritische Worte gefunden...
Der Satz, der da zitiert wurde, war nicht für die Presse bestimmt. Das habe ich einem Journalisten, der früher mein Ghostwriter war, in einem privaten Gespräch gesagt - und der Trottel schreibt das am nächsten Tag in die Zeitung! Den ganzen Winter über musste ich erklären, wie das zustande kam. Aber ich bin kein Freund von Comebacks. Warum muss man das mit 40 nochmal probieren? Oder wie Marcel Hirscher mit 36? Ich sehe nicht den Sinn dahinter. Wenn er jetzt noch ein Rennen gewinnt, hat er 68 Siege statt 67. Irgendwann muss man den Sport sein lassen und weiter gehen im Leben.
Sie haben damals mit 32 aufgehört. Warum?
Keine Ahnung. Im April hab‘ ich noch nicht gewusst, dass ich aufhören werde. Ich bin in Aspen, Colorado, aufgestanden, hab‘ mich wie vor jedem Rennen eingefahren, bin zum Start und sage zum Starter: ‚Was tu ich da überhaupt noch? Da ist nicht mehr meins. Da hab‘ ich nix mehr verloren.‘ Bin runter gefahren und hab‘ aufgehört. Das letzte Rennen bin ich gar nicht mehr gefahren. Und hab‘ nie mehr zurück geschaut. Genau so wollte ich aufhören. Pirmin Zurbriggen hat mit 28 aufgehört.
2021 gab es den Film "Chasing the line" über Ihr Olympia-Duell 1976 mit Russi. Wie fanden Sie den?
Sehr gut. Es gab ja viele Film-Ideen, meist Chronologien, was ich nicht wollte. Aber diese intensive Woche in Innsbruck: Das war interessant.
"Mailand, Cortina und Bormio: Das ist schon sehr stimmig"
Könnte man bei Ihnen in Kärnten auch olympische Winterspiele veranstalten? 2034 ist noch zu haben…
Wir hatten uns für 2006 beworben, mit dem ersten grenzüberschreitenden Konzept, mit Friaul und Slowenien. Die Alpin-Bewerbe der Damen wären in Tarvisio gewesen, wo gerade der Weltcup war, die Herren-Bewerbe in Österreich, Eishockey in Ljubljana. Aber das wollte der Samaranach (der damalige IOC-Chef) nicht. So ist es Turin geworden, was so schade war, weil wir in dem Jahr einen sensationellen Winter hatten. Aber Mailand, Cortina und Bormio: Das ist schon sehr stimmig.
Glauben Sie an eine weitere Bewerbung?
Vielleicht für eine Ski-WM, mit einem ähnlichen Konzept. Olympia ist schon ein extrem hoher, schwieriger Aufwand und für kleine Länder kaum zu stemmen.
München hat sich nun für die Sommer-Spiele beworben…
Wenn Turin das kann, kann das München erst recht! Ihr habt ja schon alles da!