Interview

Frank Stäbler: "Jeder Tag waren Schmerzen"

Frank Stäbler war zu gut, als dass seine Teilnahme an Big Brother an ihm haften geblieben wäre. Der Ringer holte trotz großer Widerstände Bronze in Tokio. Gerade organisiert er seinen großen Abgang.
| Martin Wimösterer
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"Tausende Ketten gesprengt": Frank Stäbler erfüllte sich doch noch den großen Traum.
"Tausende Ketten gesprengt": Frank Stäbler erfüllte sich doch noch den großen Traum. © imago images/Sven Simon

AZ-Interview mit Frank Stäbler: Der Ringer (32) ist dreifacher Weltmeister, zum Abschluss der internationalen Karriere gewann er bei Oympia in Tokio Bronze.

AZ: Herr Stäbler, die Mission Olympia-Medaille haben Sie erfolgreiche beendet. Wie sieht das Leben nun aus? Stehen wieder Kühe im heimischen Stall?
FRANK STÄBLER: Mein Vater hat auf Landwirtschaft ohne Tiere umgestellt. Die Halle, die übrigens zuletzt ein Hühnerstall war, steht allerdings nicht leer. Die Trainingsmöglichkeiten sind noch drin, obwohl ich derzeit kürzer trete.

Sie hatten phasenweise mit Blick auf Olympia darin trainiert, nach Meinungsverschiedenheiten mit dem Ex-Verein.
Ja. Erst habe ich ein Jahr im ehemaligen Kuhstall überbrückt. Das war allerdings sehr schwierig im Winter bei Minus zwei Grad. Und ich musste wegen Verletzungen aufpassen. Im Jahr darauf sind wir in einen ehemaligen Hühnerverschlag umgezogen, den wir im Rocky-Style umgebaut haben. In den Ställen habe ich mir die Form geholt, mit der ich Europameister und Weltmeister geworden bin und bei Olympia die Bronzemedaille gewonnen habe.

Plötzlich wurde Stäblers Gewichtsklasse aus dem Wettbewerb geworfen

War Rocky ein Vorbild für Sie?
Zu 100 Prozent. Ich kann mich sehr gut mit Rocky identifizieren. Ich habe diese Underdog-Geschichte geliebt. Wie er aus der Gosse kam und nach ganz oben marschiert ist. Ich habe die Filme hin und wieder vor meinen Kämpfen angeschaut. In Deutschland hat man es schwer in einer Randsportart. Ich hatte alle Gründe hinzuschmeißen. Aber das war nicht in meiner Essenz, ich sagte mir: Euch zeig ich's!

Ist Bronze in Tokio die Medaille, die Ihnen am meisten am Herzen liegt - mehr als die WM-Goldmedaillen? Es gab die Verschiebung von Olympia, Sie infizierten sich mit Corona, büßten 20 Prozent Ihrer Leistungsfähigkeit ein, hatten eine schwere Schulterverletzung...
...und Probleme mit den Trainingsräumen. Unter diesen Gesichtspunkten war es die wertvollste Medaille. Ich habe in drei unterschiedlichen Gewichtsklassen den Weltmeistertitel gewonnen: Das ist historisch, aber ich hatte mit fünf riesigen Widerständen zu kämpfen. Das extreme Abnehmen haben wir noch vergessen. Meine Gewichtsklasse wurde aus dem olympischen Programm geworfen (weswegen Stäbler von 72 kg auf 67 kg runter musste; d. Red). Die 14 Monate vor den Spielen waren unglaublich schwer. Jeden Tag Schmerzen und Überwindung. Tief im Inneren habe ich mir Motivation geholt. Der Weg hat noch nie so weh getan. Am Ende habe ich Gold mehr als umstritten verloren.

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Sie gewannen Bronze und traten dann im Stil eines Champions ab. Hatten Sie sich das Ende überlegt?
Ich habe es seit eineinhalb Jahren im Kopf gehabt. Ich habe einen Deal mit meinem Körper gemacht und mit meiner Familie. Die Szene, in der ich die Schuhe ausziehe, war sehr emotional. Gefühlt tausend Ketten hat es von mir gesprengt, von der Erwartungshaltung. Am Ende war es aber extrem anders als ich es mir vorgestellt hatte. Was ich nicht im Kopf hatte, war die Anerkennung von außen.

Stäbler tritt nun in der Bundesliga für Heilbronn an

Sie waren kürzlich im "Club der Besten" eingeladen.
Ja, die Medaillengewinner trafen sich in Malaga und haben ihren Besten gewählt. Es freut mich umso mehr, dass es Aline Rotter-Focken wurde. Ich durfte die Laudatio halten. Sie ist meine beste Freundin. Wir fahren privat zusammen in Urlaub, ihr Mann ist einer meiner besten Freunde. Aline und ich haben gemeinsam den Traum von einer Medaille gelebt.

Mit Ringer-Freundin Aline Rotter-Focken: Frank Stäbler.
Mit Ringer-Freundin Aline Rotter-Focken: Frank Stäbler. © picture alliance/dpa/Team Deutschland/Picture-Alliance

Der Bronzekampf in Tokio war Ihr letzter internationaler. Jetzt treten Sie in der Ringer-Bundesliga für Heilbronn an.
Ja, am 20. Oktober werde ich einsteigen. Ich hatte zuletzt viele Events und habe seit zwei Monaten kaum trainiert. Aber zwei Wochen Training müssen erstmal für den Einstieg reichen. (lacht) Mein letzter Kampf wird aber nicht in der Bundesliga sein, das ist dort nicht planbar. Ich habe mir überlegt, dass ich meine Medienpräsenz nutze und trete selbst als Promoter auf. Das wird Deutschlands größte Ringer-Veranstaltung. Am 5. März tritt die deutsche Nationalmannschaft gegen eine Weltauswahl mit Weltmeistern und Olympiasiegern an. 5.000 Leute in der MAP-Arena in Ludwigsburg - ausverkauft, das ist mein Wunsch und Ziel. Dort wird der letzte Kampf meines Lebens sein.

Hält die Eventisierung im Ringen Einzug?
Ich habe das Gefühl, dass es nur so funktionieren kann. Das sieht man in den USA: UFC und MMA sind Milliardenunternehmen.

In der Ringerszene sind die Prämien dagegen niedrig.
Ein Beispiel: 2015 wurde ich erstmals Weltmeister. Als Prämie bekam ich vom Verband 1.500 Euro - und die musst du versteuern. Ich habe eine Party geschmissen, dann war ich im Minus. Meine Erwartungen waren ganz andere. Ich habe den Schritt in die Medien gewagt, dadurch konnte ich viele Partner an die Seite bekommen und als Profi leben. Ich bin da eine Ausnahme. Und POTAS...

Wegen Promi Big Brother gab es großen Gegenwind

...ein Bewertungssystem für die Fördermittelvergabe...
...ist eine Katastrophe. Ringen ist als 17. von 26 Sportarten eingestuft. Dabei sind wir seit einem Vierteljahrhundert der erfolgreichste Verband. In Tokio waren wir erfolgreicher als die große Leichtathletik - und als Belohnung werden uns die Zuschüsse gekürzt. Das ist Sport-Deutschland.

Übernehmen Sie nun den Hof?
Nein, ich bin als Speaker und Motivationscoach unterwegs. Es sind viele Türen aufgegangen, ich habe mein Netzwerk genutzt. Ich wollte eben keinen Job, der mir keinen Spaß macht.

Sie sind 2016 weithin bekanntgeworden durch "Promi Big Brother". Bereuen Sie das?
Nein, das war Gold wert. Ich hatte damals ein Jahr zuvor meine erste Weltmeisterschaft gewonnen und dachte, dass ich eine hohe Anerkennung erhielte. Aber die war im Land von König Fußball nach zwei Tagen weg. Ich bin durch Big Brother auf extremen Gegenwind gestoßen, von vielen Seiten. Auch mein Trainer fragte, ob ich das wirklich machen will. Ich sagte ihm: Ich werde wieder Weltmeister, und dann ist das nicht nur für 50.000 Leute interessant, sondern für Millionen. Ich habe dadurch drei große Hauptsponsoren gewonnen und den Schritt aus dem Schatten gemacht. Das halbe Jahr nach Big Brother war brutal. Das hat mich ziemlich genervt. Auf der Straße bin ich erkannt worden: "Hey, du bist der aus Big Brother. Können wir ein Foto machen?" Leute, ich bin Weltmeister, Mann! Wenn ich danach nicht wieder Weltmeister geworden wäre, wäre das an mir haften geblieben.

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