Interview

Formel-E-Star Wehrlein: "Der erste WM-Triumph bleibt etwas ganz Besonderes"

Pascal Wehrlein spricht vor dem entscheidenden Formel-E-Wochenende im AZ-Interview über seine Chancen auf den WM-Titel, die Vorbereitung auf das Finale in London und seinen Rivalen Jake Dennis.
von  Dietmar Gessner
Formel-E-Star Pascal Wehrlein.
Formel-E-Star Pascal Wehrlein. © IMAGO/Eibner

Herr Wehrlein, 2024 gingen Sie mit zwölf Punkten Rückstand ins letzte Renn-Wochenende der Saison in London. Nun liegen Sie nur fünf Zähler zurück. Wie optimistisch sind Sie, dass es klappt mit ihrem zweiten WM-Titel?
PASCAL WEHRLEIN: Wir als Porsche haben bereits den Hersteller-Titel gewonnen und kämpfen noch um die beiden Titel in der Fahrer- und in der Teamwertung. So gesehen läuft die Saison eigentlich sehr gut und wir können eigentlich zuversichtlich sein.

Eigentlich?
Ja. ‚Eigentlich‘ sage ich aus dem Grund, weil die WM eigentlich schon für mich, für uns entschieden sein könnte. Kleine Details hätten wir anders oder besser machen können. Aber hier und da hatten wir auch einfach Pech. Zum Beispiel: Kommt zum Auftakt in Brasilien nicht das Safety-Car zu genau diesem Zeitpunkt raus, hätten wir gewonnen. In Berlin hatte ich einen Plattfuß. Bleibt es beim zweiten Rennen in Shanghai länger trocken, dann gewinne ich dort vermutlich auch. Kurzum: Vom Potenzial, von den Möglichkeiten war mehr drin, als wir herausgeholt haben. Und trotzdem haben wir nun noch alle Chancen.

Wie lief die Vorbereitung auf das Finale in London?
Ziemlich intensiv. Ich war drei Tage im Simulator. Da werden verschiedene Dinge getestet. Das Energiemanagement, aber auch, wie man die Zeit für eine Runde optimiert. Es ist nicht nur permanentes Sitzen in Simulator und irgendwie seine Runden abspulen, sondern es ist viel Austausch mit dem Team. Auch im Vergleich mit London vor einem Jahr. Wir sprechen ab, was hätte man dort besser machen können. Oder anders reagieren können. Und man versucht, dann immer so ein bisschen auch zu antizipieren. Wie könnte es denn dieses Jahr werden? Trotzdem war auch noch Zeit für eine Sitzprobe für den Wagen für die nächste Saison. Und dann bin ich Mittwoch hier in London angekommen.

Mit Familie? Ihre Tochter ist doch so gerne mit Ihnen auf dem Siegerpodest.
Mein Vater wird wieder mit dabei sein. Frau und Kind aber nicht. Denn in London sind unsere Garagen in einer großen Halle. Da sieht man über vier Tage nicht so viel Tageslicht. Das ist nicht so ideal. In Berlin zum Beispiel wird da mehr geboten.

Für Formel-E-Fans wird aber ein dramatischer WM-Kampf geboten. WM-Spitzenreiter Jake Dennis hat 146 Punkte, Mitch Evans 144, Sie 141 und Titelverteidiger Oliver Rowland 132 Punkte. Haben Sie mit einem derart engen Endspurt gerechnet?
29 Punkte sind pro Rennen möglich, also in London 58 insgesamt. Das zeigt, wie eng es ist. Ich hatte vor der Saison auch schon erwartet, dass eventuell sogar fünf, sechs Fahrer noch WM-Chancen haben. Das ist das Besondere an der Formel E, hier wird Dramatik geboten und das Feld ist extrem eng zusammen.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass Sie und der WM-Führende Jake Dennis nicht die besten Freunde sind. Wir würden Sie ihr Verhältnis beschreiben?
Als neutral. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Wenn wir uns sehen, sagen wir ‚Hallo‘. Wenn es etwas zu besprechen gibt, dann machen wir das. Das ist auch absolut in Ordnung so. Jake fährt ja mit Andretti auch einen Porsche, er hatte in letzter Zeit ziemliches Momentum und hat gut gepunktet. Aber generell ist mir ziemlich egal, gegen wen ich fahre.

Welche Rolle spielt im WM-Showdown ihr Teamkollege Nico Müller?
Nico ist in seiner ersten Saison bei uns und hat das top gemacht. Er ist ein sehr starker Rennfahrer und ein ganz feiner Mensch. Auf Nico kann man sich verlassen. Auch dank seiner Leistung haben wir bereits den Hersteller-Titel gewonnen und haben noch gute Chancen auf den Gewinn der Team-WM.

Es sind schwierige Zeiten in der Automobil-Branche, auch für Porsche. Welche Bedeutung hat der Erfolg in der Formel E generell, welche Bedeutung hätte ein Wehrlein-WM-Titel für Porsche?
Wir sind nur ein kleiner Teil von Porsche. Aber wir geben alle, um erfolgreich zu sein. Für uns selbst. Aber auch für die Marke, für das Unternehmen. Die Formel E bietet herausragenden Motorsport. Aber sie ist auch ein Testlabor. Wir probieren Dinge aus, die unseren Serienfahrzeugen zugute kommen. Es findet sehr viel Austausch statt zwischen Motorsport und der Entwicklung in der Serie. Wir helfen, wir bringen neue Ideen.

Selbst viel Pech gehabt einerseits, andererseits sehr starke Rivalen. Wäre daher der WM-Sieg in dieser Saison der größte Triumph Ihrer Karriere?
Ich denke, der erste WM-Triumph bleibt etwas ganz Besonderes. Ich schaue mir normalerweise nur immer das Rennen der Vorsaison noch mal an. Nun habe ich mir London von 2024 auch noch mal angesehen. Mit den ganzen Emotionen, die da zu erkennen waren, einschließlich der Tränen in den Augen meiner Frau. Also: aktuell sage ich, der WM-Titel 2024 bleibt mein größter Sieg. Aber wer weiß – wenn es nun wieder klappt, vielleicht sehe ich das dann anders.

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