Herbert Hainer über Bayerns Basketballer: "Eine Saison ohne Titel ist eigentlich ein No-Go"

AZ: Herr Hainer, ist die Enttäuschung über die verlorene Meisterschaft schon ein wenig abgeklungen seit Sonntag?
HERBERT HAINER: Die Enttäuschung wird noch eine Weile anhalten, denn eine Saison ohne Titel ist für den FC Bayern Basketball alles andere als zufriedenstellend. Ich war schon sehr frustriert am Sonntag, nachdem wir das Spiel verloren hatten, nach einer tollen ersten Halbzeit mit 20 Punkten Vorsprung. Aber gut, so ist nun mal der Sport, das gehört leider auch dazu. Jetzt gilt es, nach vorne zu schauen und wir sind bereits dran, die nächste Saison zu planen. Wir werden wieder angreifen, darauf kann sich jeder verlassen.
Aufgearbeitet werden muss die Spielzeit dennoch. Wo sehen Sie die Gründe für die erste titellose Saison seit 2022?
Ich glaube, in der Rückschau ergibt sich ein vielfältiges Bild. Wir benötigen keine Ausreden, aber manche Dinge sind durch Erklärung besser zu verstehen. Wenn ich mal ganz vorne anfange: Unser Ziel war es, einen der besten Point Guards in Europa zu verpflichten – und das ist uns mit Rokas Jokubaitis gelungen. Leider hat er sich bei der Europameisterschaft verletzt und bisher keine Minute für uns gespielt. Jo Voigtmann kam lädiert von der EM zurück und wir hatten im vergangenen Sommer insgesamt neun Spieler international beschäftigt, die ohne Pause zu uns kamen, ohne Erholung und Regeneration. Man hat es jetzt doch am Ende vor allem Andi Obst angemerkt, der mehr oder weniger seit vier Jahren durchgespielt hat. Und der Ausfall von Rokas hat ohne Frage ein Ungleichgewicht in den geplanten Kader gebracht.
Hainer: Am Saisonende hat die mentale Frische gefehlt
Dass man auszugleichen versuchte …
Ja, wir haben nachverpflichtet, konnten aber dieses Ungleichgewicht nicht wirklich ausgleichen, das muss ich ganz klar einräumen. Und weiter: Wir haben 86 Spiele gehabt, auch der Spielplan der Euroleague mit einer Phase von neun Auswärtsspielen am Stück war ungewöhnlich. Das kam alles zusammen, dass uns zum Schluss nach meinem Dafürhalten einfach die mentale Frische fehlte. Wir haben ja in Berlin geführt beim vierten Spiel, wir haben zu Hause mit 20 Punkten zur Halbzeit vorn gelegen – und haben es einfach nicht über die Ziellinie gebracht.
Es ist schon ungewöhnlich, dass der Gegner, in dem Fall Alba Berlin, offensichtlich mental stärker war als ein FC Bayern.
Ja, ihre Mentalität, einfach weiterzuspielen, war beeindruckend. Berlin hatte Pi mal Daumen 20 Spiele weniger als wir in der gesamten Saison, auch das macht sich vielleicht am Ende bemerkbar. Die Strapazen einer langen Saison wirken sich nicht nur physisch aus. Dazu hat Berlin sichtbar das Momentum genutzt, dass sie zweimal das fünfte Spiel gewonnen hatten, im Viertelfinale und im Halbfinale. Sie sind auch in Berlin zurückgekommen in Spiel 4 und ich glaube, dass das einfach viel Motivation und Zutrauen erzeugt hat, während uns vor allem die mentale Frische fehlte.
Es wirkte, als ob das Spiel am Ende etwas zu sehr auf Andi Obst zugeschnitten war.
Auch richtig. Wie gesagt, das Ungleichgewicht in unserer Offense haben wir nicht wirklich beheben können. Andi ist unser Top-Schütze, er hat wirklich sein Bestes gegeben, wollte Verantwortung übernehmen und hat gekämpft bis zum Schluss. Und wenn es so eng ist, vertraut man wohl immer demjenigen, dem man es am ehesten zutraut. Unser Spiel war ohne Frage zu eindimensional.
In der Pause war die Überzeugung noch da, auch Uli Hoeneß hat sich noch positiv geäußert und sich zudem ziemlich sicher gezeigt, dass Anton Gavel Trainer des FC Bayern in der kommenden Saison wird. Gehen Sie ebenfalls davon aus?
Ich bin ja direkt in die operativen Gespräche involviert und kann auch bestätigen, dass ich mit Herrn Stoschek mehrmals telefoniert habe. Die Situation mit Bamberg hat sich deutlich beruhigt. Wir sind in sehr konstruktiven und aussichtsreichen Gesprächen und ich gehe davon aus, dass wir in den nächsten Tagen eine einvernehmliche Lösung finden werden.

Haben die Äußerungen von Herrn Stoschek diese gütliche Einigung mit Bamberg, die jetzt offensichtlich auf dem Weg ist, erschwert?
Das würde ich nicht sagen. Ich schätze Herrn Stoschek, was er in seinem Leben geleistet hat, mit Brose sowohl im Basketball als auch mit seinem Unternehmen. Mich hat, das kann ich auch sagen, etwas überrascht, dass und wie er an die Öffentlichkeit gegangen ist. Aber wie ich schon gesagt habe: Wir haben sehr konstruktiv miteinander gesprochen und so wollen wir es auch halten unter Kollegen.
Die Bayern-Basketballer drehen an vielen wichtigen Stellschrauben
Also ist auch die Tatsache ausgeräumt, dass er Anton Gavel schon heftig angegriffen hat, ihm Vertragsbruch vorgeworfen hat?
Wie ich schon sagte, hat mich der Gang an die Öffentlichkeit verwundert. Weiter möchte ich das hier nicht bewerten.
Es wird nun definitiv eine neue sportliche Führung die Geschicke übernehmen. Aus Ulm kommt Thorsten Leibenath und als neuer Trainer eben Anton Gavel aus Bamberg, wenn jetzt alles gut geht. Welche Erwartungen haben Sie denn an die beiden und welche Impulse sollen oder müssen aus Ihrer Sicht kommen?
Ich verfolge Thorsten Leibenath und seine Arbeit in Ulm schon seit vielen Jahren, das wirkte alles sehr positiv und innovativ angesichts der Möglichkeiten dort. Ihm ist es gelungen, immer wieder eher unbekannte Spieler zu verpflichten, die sich dann hervorragend entwickelt haben. Er hat offenkundig ein gutes Auge, ist sowohl national wie auch international sehr, sehr gut vernetzt. Das habe ich in den ersten Gesprächen mit ihm auch sofort gemerkt. Wir sind ja, wenn ich den Euroleague-Vergleich heranziehe, budgetmäßig höchstens im Mittelfeld, eher sogar in der zweiten Hälfte der Klubs. Das heißt: Wir müssen innovativ handeln und Nischen finden. Das traue ich ihm auch in München zu.
Zum Beispiel?
Wir wollen Qualität aufspüren, die noch nicht jeder entdeckt hat. Bei Harry Kane wusste auch ich, dass er ein guter Fußballer ist. Dafür benötige ich keinen Scout. In diesem Zusammenhang möchten wir außerdem die jungen Spieler, die wir mit viel Arbeit und Aufwand bei uns im Nachwuchs ausbilden und die etwa für uns in der ProB spielen, noch stärker in die erste Mannschaft integriert bekommen. Wenngleich das mit der neuen finanziellen Attraktivität der Colleges in Amerika leider deutlich schwieriger geworden ist. Letztes Jahr war Ivan Kharchenkov so ein Beispiel und jetzt geht in Nikolas Sermpezis ein weiteres Eigengewächs in die USA. Nichtsdestotrotz wollen wir weiter unseren Talenten die Chance geben, sich im Kader der Profis zu zeigen und diese Luft zu schnuppern. Auch In dieser Hinsicht hat sich Leibenath in Ulm bewiesen. Klar ist allerdings auch, dass er jetzt in München bei einem Euroleague-Klub natürlich auf einem anderen Anforderungslevel arbeiten wird.
Was glauben Sie, wie viel personellen Input braucht die Mannschaft?
Zunächst ist festzustellen, dass unser Kader sehr gut mit deutschen Spielern bestückt ist. Sie sind das Gerüst. Aber natürlich werden wir weitere hochwertige Zugänge benötigen. In der ersten Analyse ist schon klar geworden, dass uns auf mancher Position die nötige Qualität gefehlt hat. Ich komme zur ersten Frage zurück: Eine Saison ohne Titel ist eigentlich ein No-Go für uns. Deswegen müssen und wollen wir uns zur nächsten Saison deutlich verbessern.
Das deutet darauf hin, dass es vorwiegend um die Ausländerpositionen geht.
Ja, aber das heißt nicht, dass wir uns nicht auch bei den deutschen Spielern umsehen. Unser Ziel ist immer, die besten deutschen Spieler außerhalb der NBA bei Bayern zu haben.
Hainer sieht die Entwicklung der Bayern-Basketballer positiv
Einer ist seit einer Weile schon im Gespräch. Können Sie schon etwas dazu sagen, ob Welt- und Europameister Johannes Thiemann definitiv kommt?
Johanens Thiemann ist erwiesenermaßen ein sehr guter Spieler, ein verdienstvoller deutscher Nationalspieler. Er hat mehr als 100 Mal in der Nationalmannschaft gespielt. Mit ihm haben wir uns schon vor einigen Monaten geeinigt: Er wird in der nächsten Saison bei uns spielen und wir freuen uns auf ihn.
Er ist auch jemand, der viel Routine, viel Erfahrung auf allen möglichen internationalen Ebenen mitbringt. Kommen dann auch ein paar junge Wilde sozusagen, damit die Mischung stimmt?
Am Ende des Tages muss immer die Balance in der Mannschaft stimmen. Wir wollen auf der einen Seite erfahrene Leute haben, die die Euroleague kennen, das internationale Basketballgeschäft; auf der anderen Seite wie erwähnt aber auch junge Spieler, die hungrig sind und beweisen wollen, dass sie ein hohes Level haben. Diese Balance haben wir diese Saison nicht im gewünschten Maß gehabt, das muss man ganz klar sagen. Das soll sich in Zukunft ändern und ein so erfahrener Spieler wie Johannes Thiemann tut uns gut.
Sie haben Rokas Jokubaitis vorhin schon angesprochen, der jetzt einen langen, langen Rehaweg hinter sich hat. Er sollte der Königstransfer sein, jetzt kommt er mit einer Verspätung. Wie hoch können die Erwartungen an ihn sein?
Wir haben ja, und das steht außer Zweifel, beim FC Bayern eine der besten medizinischen Abteilungen. Sie hat auch Rokas enorm geholfen. Er trainiert und alles, was ich höre, ist sehr positiv. Er wird uns nächste Saison auf jeden Fall helfen. Er ist einer der besten Point Guards in Europa und hat eine super Europameisterschaft gespielt, bis er sich eben verletzte. Wir müssen uns aber im Klaren sein, dass er jetzt ein Jahr lang nicht gespielt hat. Das wird nicht von null auf 100 gehen, sondern es wird seine Zeit brauchen. Und diese Zeit kriegt er bei uns.
Sie haben auch die Belastung gerade bei Andi Obst und anderen in den letzten Jahren angesprochen. Erhoffen sich auch dadurch eine Erleichterung, dass diesen Sommer mal kein großes Turnier stattfindet?
Definitiv. Wie schon besprochen haben wir in den letzten Jahren etliche Spieler gehabt, die mehr oder weniger permanent durchspielten. Wir holen die Nationalspieler zu uns und in die Bundesliga, ihr Verschleiß ist eine Kehrseite, das bringt der leidige Kalender des Basketballs mit sich. Doch jetzt sind sie endlich alle in Urlaub gegangen und nutzen die Zeit, sich zu regenerieren. So eine Ruhephase von vier bis sechs Wochen tut allen gut.
Der FC Bayern hat zuletzt immer auf eher erfahrene, renommierte Trainer gesetzt. Kontinuität ist dadurch zuletzt nicht entstanden. Warum ist das nicht gelungen?
Natürlich würden wir auch gerne auf der Trainerposition Kontinuität haben und einen Trainer langfristig bei uns halten. Doch letztlich geht es immer auch um die Performance. Wenn sie fehlt, muss man sich als ambitionierter Klub überlegen, was man tut. Wir spielen inklusive Euroleague in zwei Ligen, Bayern misst sich auch im Basketball immer auf höchstem Niveau. Kein anderer BBL-Klub bewegt sich in diesem Spannungsfeld. Bei Pablo Laso war es aber beispielsweise so, dass er aus privaten Gründen wieder zurückwollte nach Spanien. Es lag nicht daran, dass wir unzufrieden waren. Doch prinzipiell würden wir schon gerne Kontinuität auf der Trainerposition haben, das ist doch klar.
Ist es auch deswegen ein aufstrebender Coach, auf den die Wahl fiel, mit dem man etwas gemeinsam über die Jahre entwickeln will?
Wir kennen Anton Gavel sehr lange, er ist Spieler bei uns gewesen und wir haben ihn auch als Trainer intensiv verfolgt. Er hat Ulm zum ersten Titel geführt und wieder etwas aus Bamberg gemacht. Wir schätzen ihn allein als Person, doch ich muss sagen, dass auch seine bisherigen Leistungen als Trainer mir wirklich Respekt abnötigen. Ich glaube, dass er sehr, sehr gut zu uns passen würde, auch mit seinem Spielstil und seinen Prinzipien.
Ist es für ihn sogar gut, dass er nach einer Saison ohne Titel startet?
Das kann man von zwei Seiten sehen. Natürlich kann jetzt ein neuer Trainer erfolgreicher sein. Auf der anderen Seite ist es so, dass eine Mannschaft nach einem Erfolg wieder mit einem gewissen Selbstwertgefühl zurückkehrt.
Er folgt auf einen der wahrscheinlich Größten, die im Basketball an der Seitenlinie standen. Svetislav Pesic hat zuletzt in der AZ den wirtschaftlich kontinuierlichen Weg des FC Bayern gelobt und sieht den Klub auch mit diesem Budget klar als Playoff-Kandidaten, der auch ein Final Four erreichen kann. Teilen Sie seinen Optimismus?
Ja, absolut. Und wenn Sie zurückblicken, sind wir doch gar nicht so weit weg. Vor vier Jahren und vor fünf Jahren waren wir jeweils in den Playoffs und sind zweimal ganz knapp im fünften Spiel an der Qualifikation für das Final Four gescheitert. Im letzten Jahr fehlte uns ein Sieg zu Platz fünf, dieses Jahr hatten wir mit Svetislav Pesic eine positive Bilanz, es wäre also eigentlich mehr möglich gewesen. Wir haben die Infrastruktur, wir haben die Begeisterung beim FC Bayern für Basketball und wir haben auch das Know-how, eine Mannschaft zusammenzustellen, die in die Playoffs und irgendwann auch mal in Final Four kommen kann. Das ist und bleibt unser Ziel: Wir wollen nicht nur in Deutschland Spitze sein, sondern auch in die europäische Spitze vorstoßen.
Im vergangenen Sommer gab es geradezu ein Wettrüsten in der Euroleague mit Spielern, die bis zu sechs Millionen Euro pro Saison verdient haben. Erwarten Sie das wieder ähnlich?
Es wird nicht einfacher, das muss man ganz klar sagen. Dadurch, dass neue, finanzstarke Klubs dazugekommen sind in der Euroleague mit jetzt 20 Klubs, wie Dubai oder Hapoel Tel Aviv, ist noch mehr Bedarf da an Spielern. Und Angebot und Nachfrage erhöhen oder regeln den Preis. In dem Fall erhöhen sie die Preise erheblich – das merken wir auch in der jetzigen Phase wieder. Aber dennoch hat Bayern so viele Vorzüge mit dem SAP Garden, mit der Marke FC Bayern und auch mit der rasanten Entwicklung des FC Bayern Basketball. Sie wird nicht durch eine verlorene Finalserie gebremst. Es wird uns gelingen, auch gute internationale Spieler zu holen, davon bin ich überzeugt. Und das spüren wir aktuell auch: Das Interesse an uns ist nach wie vor sehr, sehr groß.
Dass die BBL die Budgetzahlen veröffentlicht hat, kam bei Bayern nicht gut an
In Europa ist es so, dass der FC Bayern kreative Wege suchen muss, um konkurrenzfähig zu sein. In der Bundesliga ist es anders, da steht der FC Bayern wirtschaftlich über den anderen Teams. Die BBL hat vor ein paar Monaten die Budgetzahlen veröffentlicht, pauschal, ohne sie irgendwie zu erklären. Das kam bei Ihnen nicht gut an.
Das stimmt, das habe ich auch schon mal gesagt, dass wir damit überhaupt nicht einverstanden waren. Es hat jetzt auch diese Woche eine Schiedsgerichtsverhandlung dazu gegeben. Diese hat hervorgebracht, dass die Veröffentlichung der Zahlen durch die BBL rechtswidrig war. Deswegen hat die BBL sie auch sofort von ihrer Webseite genommen und darf sie auch in der Zukunft nicht mehr veröffentlichen. Trotz Ergebnisses in unserem Sinne wollen wir aber konstruktiv mit der BBL zusammenarbeiten und haben deshalb für die Zukunft gemeinsam beschlossen, die Governance der BBL gemeinsam zu überarbeiten. Damit solche Dinge nicht mehr passieren.
Sind Sie denn prinzipiell dagegen und nur in dieser Form?
Wir sind prinzipiell dagegen, weil hier Äpfel mit Birnen verglichen werden und das keinen Mehrwert bringt. Sondern vor allem dazu führt, zu polarisieren.
Um Geld geht es die ganze Zeit im Profisport und die NBA drängt als nächster Player auf den Basketballmarkt in Europa. Sie proklamiert einen Start der NBA Europe für 2027. Dazu: Sehen Sie das einerseits als realistisch nach an, andererseits zeichnet sich mehr als noch in der Vergangenheit eine Kooperation ab. Es wird mehr miteinander denn übereinander geredet.
Genauso ist es. Wir als FC Bayern sind in konstruktiven Gesprächen mit der NBA, ebenso ist die Euroleague in konstruktiven Gesprächen mit ihr. Daran haben wir auch ein Interesse, denn wir sind ein Shareholder der Euroleague und es wäre meiner Meinung nach das Vernünftigste, wenn es – in welcher Art auch immer – eine Kooperation zwischen ihr und der NBA gäbe. Den Zeitraum 2027 sehe ich aber als nicht realistisch an. Das ist zu früh und ich habe auch von der NBA gehört, dass es ihr wichtiger sei, wie gestartet wird – und nicht, wann.