Interview

"Wurde vorgeführt": Adler mit klaren Worten über Vorgehen gegen DFB-Keeper

WM-Countdown: Ex-DFB-Keeper René Adler wird im AZ-Interview beim Thema Marc-André ter Stegen emotional und spricht sich für eine Nominierung von Jonas Urbig aus.
Kilian Kreitmair
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Bekommt er ein WM-Ticket? Bayern-Keeper Jonas Urbig zeigte zuletzt starke Leistungen.
Bekommt er ein WM-Ticket? Bayern-Keeper Jonas Urbig zeigte zuletzt starke Leistungen. © IMAGO

AZ: Herr Adler, die XXL-WM mit 104 Partien steht an. Sie als Experte müssen über nahezu alle Spiele Bescheid wissen: Welche Taktik haben Sie sich dafür zurechtgelegt? 
RENÉ ADLER: Über alle Spiele und Spieler komplett Bescheid zu wissen, ist schlicht unmöglich. Ich werde mich bestmöglich vorbereiten und mich tief in die Materie einarbeiten – wohl wissend, dass der Fokus klar auf der deutschen Mannschaft und ihren Gegnern liegen wird. Da ist es mein Anspruch, die entscheidenden Themen verständlich und prägnant zu vermitteln.

Adler sieht DFB-Team nicht als Favorit 

Für das DFB-Team würden in der Theorie acht Spiele bis zum Finale anstehen. Trauen Sie ihr das zu? 
Aus Fan-Sicht würde ich es bejahen, aus Experten-Sicht muss ich es eher verneinen. Die Gruppenphase müssen wir allerdings auf jeden Fall überstehen. Im Sechszehntel- sowie Achtelfinale sollten wir auch noch eine sehr gute Chance auf das Weiterkommen haben, aber im Viertelfinale könnte es schon eng werden. Heißt: Sind wir einer der Favoriten? Nein. 

Welche Mannschaften sehen Sie im Favoritenkreis? 
Wenn wir das DFB-Team mit Frankreich oder Spanien vergleichen, haben wir zwar auch super Einzelspieler, aber in der Breite ist bei uns nicht jede Position dreifach auf Weltklasse-Niveau besetzt. Das ist der entscheidende Unterschied. Nichtsdestotrotz kannst du bei so einem Turnier über die mannschaftliche Dynamik, das Wir-Gefühl kommen. Dazu müssen die Spieler eine krasse Resilienz gegen das Klima und die Reiserei an den Tag legen. Da darf niemand anfangen zu jammern. Wenn wir da besser als andere Nationen sind, können wir das Defizit an individueller Klasse wettmachen.

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Da darf niemand anfangen zu jammern. Wenn wir da besser als andere Nationen sind, können wir das Defizit an individueller Klasse wettmachen.

René Adler

Ex-DFB-Keeper zeigt Verständnis für späteren Zeitpunkt der Kaderbekanntgabe

In der Gruppenphase trifft Deutschland auf Curacao, Ecuador und die Elfenbeinküste. Welcher Gegner kann der DFB-Elf am ehesten wehtun? 
Das sind alles unbeschriebene Blätter in der Gruppenphase. Da kann man viele Spieler nicht wirklich einschätzen, weil man gegen sie nur selten spielt. Aber gegen Ecuador muss sich die Nationalmannschaft auf ordentlich Körperlichkeit einstellen. Das wird von der Gesamtkonstellation das schwerste Spiel. Aber auch die Elfenbeinküste ist ein körperlich starkes Team. Da musst du dagegenhalten. 

Welches Team für Deutschland antritt, wird am 21. Mai verkündet. Bundestrainer Julian Nagelsmann hat das Datum nochmal neun Tage nach hinten verschoben, um den letzten Spieltag abzuwarten. Ein kluger Schachzug? 
Ich kann das schon verstehen. Es kann am letzten Spieltag immer noch viel passieren. Sollte sich zum Beispiel ein Spieler verletzen, musst du womöglich den Kader nochmal umwerfen. Und jede Nominierung wird in den Medien wieder diskutiert und Nagelsmann muss sich rechtfertigen. Das ist alles Energie, die er für andere Themen braucht. 

Sollte die WM 2010 als Nummer eins bestreiten, fiel dann aber verletzt aus: René Adler.
Sollte die WM 2010 als Nummer eins bestreiten, fiel dann aber verletzt aus: René Adler. © IMAGO

Adler mit emotionalen Worten über ter Stegen

Wenn wir auf Ihre ehemalige Position schauen. Die Diskussionen um eine Neuer-Rückkehr reißen nicht ab. Zurecht? 
Die Gerüchteküche brodelt, aber ich finde die Diskussion nicht zielführend. Es ist auch gegenüber Oliver Baumann nicht fair. Dass wir jetzt schon Wochen vor dem Turnier anfangen, seine Position infrage zu stellen, ist kontraproduktiv. Wir fangen damit jetzt schon an, unsere Mannschaft gezielt zu schwächen. Das ist typisch deutsch. Aber wir wollen doch am Ende alle die bestmögliche Mannschaft auf dem Platz sehen. Wir sollten deshalb endlich dazu übergehen, die Spieler wertzuschätzen, die wir haben.

Das ist nicht einfach zu verarbeiten, weil es ein Lebenstraum ist.

René Adler

Ursprünglich sollte Marc-André ter Stegen sein erstes großes Turnier für den DFB-absolvieren, er ist aber verletzt. Sie selbst haben sich 73 Tage vor der WM 2010 die Rippen gebrochen, mussten das Turnier deshalb absagen. Wie verarbeitet man das? 
Das ist nicht einfach zu verarbeiten, weil es ein Lebenstraum ist. Sowas tut brutal weh. Er war so lange als loyale Nummer zwei dabei und hat sich nichts zu Schulden kommen lassen. Er hätte diese WM mehr als verdient. Aber das hat sich über die letzten Jahre so angebahnt. Ich weiß, was Stressfaktoren auf unterschiedlichen Ebenen mit dem Körper machen. Gerade wie mit ihm in Barcelona umgegangen wurde, hat ihm zugesetzt. Er ging dort jahrelang als Kapitän voran, verzichtete auf Gehalt, damit der Verein wirtschaften kann, und wurde dann so vorgeführt und musste den Klub verlassen. Dazu kommen die Veränderungen im Privaten. Das war nicht einfach. Der Körper ist da im Endeffekt nur der Ausdruck deiner Seele. So habe ich das zumindest bei mir erlebt. Dass er sich dann im zweiten Spiel bei Girona verletzt, zeigt genau das. Und diese Ohnmacht, jetzt verletzt zu sein und nichts machen zu können, nicht um den Platz kämpfen zu können, das ist brutal für einen Menschen.

Durchlebt eine schwere Zeit: Marc-André ter Stegen.
Durchlebt eine schwere Zeit: Marc-André ter Stegen. © IMAGO

Urbig sollte bei der WM teilnehmen 

Zu ihrer Zeit setzte Bundestrainer Joachim Löw auf den jungen Manuel Neuer. Jonas Urbig könnte bei dieser WM herangeführt werden. Gehört ihm die Zukunft bei der Nationalmannschaft? 
Ich bin von Urbig schwer beeindruckt. Aber, dass er sich so entwickelt hat, ging auch durch die Unterstützung von Neuer. Neuer legt mittlerweile eine andere Gelassenheit an den Tag, von der auch Urbig profitiert. Auch aufgrund von Verletzungen hat Urbig wichtige Einsatzminuten bekommen. Diese Kombination, lernen von einem Weltklasse-Keeper wie Neuer plus die Spiele bei Bayern auf höchstem Niveau, hat ihm ein oder gar zwei Schritte in der Entwicklung gebracht.

Und jetzt bei der WM? 
Ich würde dazu tendieren, ihn als einen von drei Torhütern mitzunehmen. Er kann eines, was die anderen nicht können: Er kann kalt von der Bank kommen. Das hat er bei den Bayern geübt. Und wenn man nach der Rollenverteilung von Nagelsmann geht, kann er meiner Meinung nach die Rolle haben, dass er von der Bank ins Spiel kommt, wenn Baumann verletzt ist oder einen Platzverweis sieht.

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