"Warum aufhören?": Kompany will mit dem FC Bayern neben der Meisterschaft einen Rekord für die Ewigkeit
Der Klassiker ist kein Duell mehr auf Augenhöhe. Höchstens dann, wenn sich ein Bayern-Profi zu einem Dortmunder Spieler, der betrübt am Boden liegt, herunterbeugt und ihn tröstet. Laut Kapitän Joshua Kimmich hätten seine Bayern am Samstagabend im Signal Iduna Park "nicht unser bestes Spiel“ geliefert. Reichte zu einem knappen, aber verdienten 3:2-Erfolg. Beim ärgsten Verfolger. Beim Tabellenzweiten. Der Klassiker? Ist die Meisterfeier der Münchner im Mai. Alle Jahre wieder. So sicher wie Harry Kane beim Elfmeter.
Kompany: "Das ist einfach auch ein Moment für mich"
Ist Kritiker Kimmich daher Perfektionist oder eher Realist? Ein Sieg nach 0:1-Rückstand durch Nico Schlotterbeck (26.) und spätem Ausgleich durch Daniel Svensson (83.) sei, so Kimmich, "wichtig für die Mentalität, für den Zusammenhalt - das schweißt zusammen". Für größere Aufgaben als die Meisterschaft, für den Titel in der Champions League etwa. Im März geht es im Achtelfinale gegen Atalanta Bergamo.
Das 3:2 beim einstigen Rivalen BVB war das Meisterstück der Bayern, das konnte man auch am ausgelassenen, emotionalen Jubel von Trainer Vincent Kompany nach dem Siegtor ablesen. Und nach Ende der Partie, als sich der 39-Jährige kurz mit den Spielern vor die Fankurve, den ohne die Anwesenheit der Ultras dezimierten Block (siehe Seite 19), schlich. "Ich wollte einmal kurz spüren, was die Spieler hier erfahren", erklärte der frühere Weltklasse-Innenverteidiger hinterher und meinte: "Das ist einfach auch ein Moment für mich. Dann bin ich aber auch schnell wieder weg. Denn diese Zeiten sind vorbei für mich."

FC Bayern hat elf Punkte Vorsprung
Sein Glück, seine Zufriedenheit sind Matchpläne, die aufgehen. Der Lohn sind Trophäen. Wann der Belgier die zweite Bundesliga-Meisterschaft auf seine Visitenkarte drucken lassen kann, ist nur noch eine Frage der Zeit. Elf Punkte Vorsprung zehn Spieltage vor Schluss, die Titelverteidigung ist (bald) perfekt. "Das war ein sehr, sehr großer Schritt", sagte Sportvorstand Max Eberl und untertrieb, während Sportdirektor Christoph Freund lediglich Glückwünsche zum Erfolg in Dortmund, nicht zur Meisterschaft annehmen wollte.
Einzig Kimmich, mit der Erfahrung von neun gewonnenen Meisterschaften, sprach – wenn auch indirekt – vom Titel. "Jetzt haben wir elf Punkte Vorsprung. Das werden wir nicht mehr abgeben", sagte der 31-Jährige bei Sky. Dass keine Mannschaft bisher ein solches Polster noch verspielt habe, werde "so bleiben“, vollendete er den Satz voller Überzeugung.
Münchner wollen 101-Tore-Rekord knacken
Die Gratulationen kamen vom Gegner, etwa aus dem Munde von BVB-Sportdirektor Sebastian Kehl, der glaubt: "Die Meisterschaft ist den Bayern nicht mehr zu nehmen." Auch Dortmunds Trainer Niko Kovac, 2019 Meister in Münchner Diensten, gibt bereits auf, sagte vielsagend: "Wir haben noch ein Ziel. Wir wollen jetzt als Zweiter in die Champions League. Es sind zwar elf Punkte, da kann im Fußball alles passieren, aber ich bin nicht blauäugig. Wir wollen zusehen, dass wir den Rückspiegel weiterhin im Auge behalten beziehungsweise, dass die Jungs hinter uns kleiner werden." Den Blick an die Spitze? Gibt’s nur noch im Fernglas.
Doch der 35. Meistertitel der Vereinsgeschichte (von den bisher 34 gelangen 33 seit Einführung der Bundesliga 1963) ist den Bayern, allen voran Chefcoach Kompany, nicht genug. Sie wollen weiter machen, immer weiter. 88 Tore haben sie nun auf dem Konto, der legendäre 101-Tore-Rekord aus der Saison 1971/72 unter Trainer Udo Lattek.

"Es ist mir manchmal egal, ob wir hinten liegen"
Nur noch 13 zur Einstellung der Bestmarke, 14 zum neuen Rekord. Kompany findet: "Wir haben 88 Tore geschossen. Warum sollten wir jetzt aufhören? Ich freue mich einfach auch auf diese letzten zwei, drei Monate in der Bundesliga." Könnte legendär werden. Das nächste Opfer? Borussia Mönchengladbach am Freitag (20.30 Uhr).
"Eines kann ich sagen, was meine Mentalität ist, seit ich aufgewachsen bin", sagte Kompany und erklärte: "Es ist mir manchmal egal, ob wir hinten liegen oder führen." Hauptsache, seine Jungs steuern das nächste Tor an. Für den Dreisatz. Ein Tor, ein Titel, eine Trophäe.
