Unnötig oder clever? Was Kimmich und Olise nach ihren Gelben Karten zu erwarten haben
Ärgerlich. Das war das Adjektiv, das Joshua Kimmich benutzte. Tja mei, kann man halt nichts machen. Doof. Blöd gelaufen.
Der Kapitän des FC Bayern hatte in der 83. Minute eine Gelbe Karte bekommen – wegen Zeitspiels. Am Mittelkreis. Bei der Ausführung eines Freistoßes, für den er aufreizend viele Anläufe benötigte und diese abbrach. Der norwegische Schiedsrichter Espen Eskas tat, was er tun musste. Er verwarnte Kimmich. Ob der Übeltäter sich beschwert hätte, wenn der Referee das nur mündlich getan hätte? Nun ja. Und das alles nicht beim Stand von 1:0 in einem Rückspiel, wenn es während der Sturm-und Drangphase des Gegners um jede Sekunde Verschnaufpause geht, nein: es stand bereits 6:0 für die Münchner im Achtelfinal-Hinspiel bei Atalanta Bergamo.
"Generell bin ich jemand, der jedes Spiel machen möchte"
Nun ist der Mittelfeldspieler nach seiner dritten Gelben Karte in dieser Champions-League-Saison am nächsten Mittwoch im nahezu bedeutungslosen Rückspiel in der Allianz Arena gesperrt, kann sich auf der Tribüne eine 90-minütige Verschnaufpause gönnen. Im April, wenn es dann im Viertelfinale gegen die Großkaliber Real Madrid oder Manchester City ernst wird, kann Kimmich unvorbelastet antreten. Ohne eben im Hinspiel eine Gelbe Karte und damit eine Sperre fürs Rückspiel vermeiden und fürchten zu müssen. Wie auch der überragende Flügelspieler Michael Olise, der sechs Minuten zuvor wegen eines verzögert ausgeführten Eckstoßes (!) Gelb gesehen hatte. Seine dritte. Bingo. Ärgerlich.
"An sich war es unnötig", begann Kimmich seine Verteidigungsrede am Mikrofon von Prime Video und erklärte: "Ich habe nach einer passenden Anspielstation gesucht, man will nicht ins Pressing reinspielen. Ich glaube, wenn jetzt nicht der gegnerische Spieler auf mich zustürmt, gibt er auch nicht die Gelbe Karte. Ich wollte den Ball gerade rausspielen. Am Ende war es zu spät. Es ist ärgerlich." Hm, ja. Ob er denn traurig sei, dass er nun das Rückspiel verpasse, wurde Kimmich später von Reportern gefragt. Er musste sich das Lachen verkneifen und antwortete diplomatisch-sachlich: "Generell bin ich jemand, der jedes Spiel machen möchte. Aufgrund des guten Ergebnisses im Hinspiel, glaube ich, schaffen wir das auch so." Also ohne den Mittelfeld-Chef. Ob er die Karte gewollt, also provoziert habe? "Nee!"
Zweiter Fall Ramos zu erwarten?
Und was ist mit dem Fall Sergio Ramos? Im April 2019 hatte sich der damalige Innenverteidiger von Real Madrid beim 2:1-Auswärtssieg im Achtelfinal-Hinspiel gegen Ajax Amsterdam ebenfalls mittels einer Gelben Karte eine Sperre eingehandelt und später zugegeben, dass dies Absicht gewesen sei. Ärgerlich. Und unnötig. Die Uefa sperrte Ramos daraufhin wegen eines Verstoßes gegen Artikel 15 ihrer Disziplinarregularien für ein weiteres Spiel – also eins plus eins. Klassisches Eigentor. So etwas fürchtet Kimmich nun nicht? "Nö", antwortete dieser, und meinte: "Also, warum? Eine Gelbe Karte ist ja jetzt nichts Strafbares." Höchstens, es zuzugeben. Also waren sie gut beraten, dies nicht zu tun. Letzte Nachfrage im Verhör. Also wirklich keine Absicht, weder von Kimmich noch von Olise? "Nee!" Ob die Disziplinarkommission der Uefa Ermittlungen einleitet, ließ sich offen. Ist aber nach AZ-Informationen unwahrscheinlich.

Unterm Strich stellt sich die Frage: War das clever oder etwa unsportlich? Eine Absprache oder gar ein Zeichen an seine Spieler habe er nicht gegeben, versicherte Trainer Vincent Kompany und betonte: "Das war für mich kein Thema. Es ging nur um das Spiel." Im Rückspiel kann er zwei Schlüsselspieler schonen. "Es ist eine super Möglichkeit für andere Jungs zu zeigen, dass sie in den anderen Runden eine Chance haben zu spielen. Wir werden das nutzen in jedem Fall." Klingt nach einem Plan. Also natürlich nur fürs Rückspiel.
Was war eigentlich mit Dayot Upamecano. Der Innenverteidiger war der dritte im Bunde, der vorbelastet ins Spiel ging. Er blieb ohne Gelbe Karte. Ärgerlich? Unnötig? Oder eben clever?
