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Triple-Held Luiz Gustavo in der AZ: "Ein Angebot vom FC Bayern lehnst du nicht ab"

Triple-Held Luiz Gustavo spricht exklusiv in der AZ über seine erfolgreiche Zeit beim FC Bayern, den Wechsel nach Wolfsburg und schwärmt von seinem ehemaligen Mitspieler Bastian Schweinsteiger.
von  Moritz Fuß
Ehemaliger Bayern-Spieler: Luiz Gustavo.
Ehemaliger Bayern-Spieler: Luiz Gustavo. © imago sportfotodienst

Luiz Gustavo war einer der stillen Chefs im Mittelfeld des FC Bayern und holte 2013 unter Jupp Heynckes das Triple. Mit 38 Jahren spielt er heute wieder in Brasilien, an ein Karriereende denkt er (noch) nicht. In seiner neuen Heimat São Paulo erzählt er, wer ihn an der Säbener Straße am meisten geprägt hat, wie er heute auf sein Aus unter Pep Guardiola blickt – und warum es schwieriger ist, beim FC Bayern zu bestehen, als den Wechsel dorthin zu schaffen.

AZ: Guten Tag, Luiz Gustavo, Ihr Vertrag beim FC São Paulo ist Ende des Jahres ausgelaufen. Wie geht es jetzt weiter?
LUIZ GUSTAVO: Ich möchte noch ein Jahr dranhängen. Ich habe aber bereits ein Management-Diplom von der UEFA und auch eine Trainerlizenz. Das heißt, ich bin für alles bereit.

Den FC São Paulo haben Sie als Kapitän vergangene Saison auf den 8. Tabellenplatz geführt. Zufrieden?
Die Saison war sehr schwierig für mich, ich war lange verletzt. Jetzt fühle ich mich wieder sehr gut und spüre vor allem noch die Liebe zum Fußball.

 Ich habe aber bereits ein Management-Diplom von der UEFA und auch eine Trainerlizenz. 

Luiz Gustavo

Schwierige Phasen kannten Sie auch in München. Vor allem nach dem verlorenen "Finale dahoam" 2012 gegen den FC Chelsea.
In dieser Saison haben wir alles verloren. Nicht nur die Champions League, auch die Deutsche Meisterschaft und den DFB-Pokal. Das hat sehr wehgetan.

Die Mannschaft ist daran nicht zerbrochen, im Gegenteil. Nur eine Saison später holen Sie und das Team das Triple. Wie war das möglich?
Trotz der bitteren Niederlagen haben wir den Glauben an uns nicht verloren. Wir wussten, dass wir wieder so weit kommen können und dass wir genug Qualität haben, die Titel zu holen.

Aktuell in seiner Heimat am Ball: Ex-FC-Bayern-Spieler Luiz Gustavo.
Aktuell in seiner Heimat am Ball: Ex-FC-Bayern-Spieler Luiz Gustavo. © IMAGO

Gustavo: Sammer war für die Triple-Saison ein wichtiger Bauchstein

Matthias Sammer kam nach dieser "Alles-verloren"-Saison zum FC Bayern. Inwiefern hat er euch beeinflusst?
Matthias war ein wichtiger Baustein. Er ist ein Typ mit starkem Charakter und hat uns geholfen. Aber noch wichtiger und das Entscheidende war, dass wir als Gruppe dieses Comeback unbedingt wollten – und dass wir daran geglaubt haben.

Sie kamen im Champions-League-Finale 2013 in Wembley erst in der 90. Minute ins Spiel – unmittelbar nach Robbens entscheidendem Treffer. Wie groß war Ihre Enttäuschung darüber, nicht von Beginn an auf dem Platz zu stehen?
Ich war nicht enttäuscht. In unserer Mannschaft herrschte unglaublich großer Respekt untereinander. Es war egal, wer auf dem Platz stand. Jeder wusste, dass auch ein anderer Spieler hätte beginnen können, und genau das hat uns stärker gemacht. Dieses Wir-Gefühl und das gegenseitige Vertrauen waren der Schlüssel zum Erfolg.

Dieses Wir-Gefühl und das gegenseitige Vertrauen waren der Schlüssel zum Erfolg.

Luiz Gustavo

Die Mannschaft hatte das Trauma von 2012 im Kopf. War das Druck oder extra Motivation?
Der Druck war riesig, aber in unseren Köpfen gab es eigentlich nur eine Richtung: Wir wollten dieses Finale unbedingt gewinnen. Wir sind nach London gefahren, um den Titel zu holen. 

Gustavo vor dem Champions-League-Finale: "Musst versuchen, so normal wie möglich zu bleiben"

Beschreiben Sie mal die Woche vor so einem Champions-League-Finale. Wie fühlt sich das wirklich an?
So eine Woche ist natürlich alles andere als normal. Du weißt genau, was dieses Spiel bedeutet – für dich, für den Verein, für die Fans. Trotzdem musst du versuchen, so normal wie möglich zu bleiben: gut schlafen, gut essen, deinen Rhythmus halten.

Gab es in der Triple-Saison den einen entscheidenden Moment für Sie?
Es ist schwer, einen einzigen Moment herauszupicken. Aber für mich war die Phase besonders wichtig, nachdem wir die Meisterschaft schon früh sicher hatten. Danach musst du ja trotzdem noch den DFB-Pokal und die Champions League gewinnen. In dieser Zeit fokussiert zu bleiben, nicht nachzulassen, nicht satt zu werden, das war entscheidend.

Luiz Gustavo spielte vor seinem Wechsel zum FC Bayern für die TSG Hoffenheim.
Luiz Gustavo spielte vor seinem Wechsel zum FC Bayern für die TSG Hoffenheim. © IMAGO

Lassen Sie uns einmal zurückspulen: 2007, sechs Jahre vor dem Triumph in Wembley, landen Sie mit 20 Jahren in der Provinz, in Sinsheim. Wie war das für Sie?
Alles war komplett neu für mich. Deutschland ist ein großartiges Land, aber es ist nicht leicht, dort zu leben oder die deutsche Mentalität direkt zu verstehen. Für einen Brasilianer war ich allerdings schon ziemlich diszipliniert, was mir vieles erleichtert hat. Und mir war klar: Ich bekomme im Leben nur wenige Chancen. Also wollte ich jede davon nutzen – und bin deshalb nach Hoffenheim gegangen.

Gustavo über Bayern-Wechsel: "So eine Chance darfst du nicht verstreichen lassen"

Sportlich hat es für Sie in Deutschland direkt funktioniert. Erst der Aufstieg in die Bundesliga, dann die Herbstmeisterschaft als Bundesliga-Neuling. 
Wir hatten eine unglaubliche Mannschaft: Demba Ba, Chinedu Obasi, Vedat Ibisevic, Sejad Salihovic und all die anderen. Und dann natürlich Carlos Eduardo. Wir waren alle neu in Hoffenheim, niemand wusste, was ihn hier erwartet. Trotzdem haben wir sehr guten Fußball gespielt und hatten vor allem viel Spaß miteinander.

In der zweiten Saisonhälfte sind Sie dann eingebrochen. Warum?
Ich glaube, der Knackpunkt war der Kreuzbandriss von Vedad Ibisevic. Wir haben danach deutlich weniger Tore geschossen. Am Ende wurden wir 7. Siebter in der Bundesliga. Für das erste Jahr war das immer noch super.

Sie sind von einem kleinen Klub in Brasilien über die 2. Liga bis oben in die Bundesliga gekommen. Dann klopft im Winter 2010 der FC Bayern an. Was war Ihr erster Gedanke?
Nach dreieinhalb Jahren in Deutschland bietet sich mir plötzlich die Chance, zu dem größten Verein des Landes zu wechseln. Ich war in Hoffenheim zwar glücklich, der Verein hat mir unglaublich viel gegeben. Aber ich hatte in meinem Leben nie viele Chancen, deshalb musste ich jede Möglichkeit nutzen und so eine Chance darfst du nicht verstreichen lassen. Also habe ich zusammen mit meinen Leuten versucht, diesen Traum wahrzumachen. Ein Angebot vom FC Bayern lehnst du nicht ab.

Ich hatte in meinem Leben nie viele Chancen, deshalb musste ich jede Möglichkeit nutzen und so eine Chance darfst du nicht verstreichen lassen.

Luiz Gustavo

Gustavo: Unter van Gaal "noch einmal ein anderes Niveau erreicht"

Wie sind Sie diesen Schritt angegangen? Vom Dorfklub zum großen FC Bayern.
Ich bin immer mit beiden Füßen auf dem Boden geblieben und wusste genau, dass der Schritt zum FC Bayern ein gewaltiger Sprung ist. Da musst du ruhig bleiben und dich langsam herantasten. In meinem Leben war es mir immer wichtig, die Menschen zu respektieren. Wenn du respektiert werden willst, musst du selbst Respekt zeigen. So habe ich immer gehandelt, und deshalb habe ich diesen Respekt auch in der Bayern-Kabine zurückbekommen. 

Hatten Sie das Gefühl, Sie müssen sich Ihren Status als Bayern-Spieler erst erarbeiten?
Bei Bayern kommst du in eine Mannschaft voller großer Namen und großer Karrieren. Der Kader war unglaublich: Robben, Ribéry, Schweinsteiger, Thomas Müller. Aber auf dem Platz zählt nur Leistung.

Wie wichtig war für Sie Louis van Gaal, der Sie unbedingt aus Hoffenheim nach München holen wollte?
Sehr wichtig. Unter ihm habe ich noch einmal ein anderes Niveau erreicht, vor allem was Taktik betrifft. Er und Ralf Rangnick waren zwei der wichtigsten Trainer auf meinem Weg zum Topspieler.

Schweinsteiger für Gastavo "ein echter Kapitän"

Haben Sie noch Kontakt zu ehemaligen Mitspielern aus Ihrer Bayern-Zeit?
2023 haben wir uns zum Zehnjährigen des Triples wieder in München getroffen. Dieses Gefühl von damals war sofort wieder da. In dem Moment wird dir klar: Genau deshalb haben wir damals alles gewonnen – wegen dieses Charakters und dieses Respekts untereinander.

Wiedersehen der Triple-Helden: Rafinha, Luiz Gustavo und Dante.
Wiedersehen der Triple-Helden: Rafinha, Luiz Gustavo und Dante. © IMAGO/Eibner-Pressefoto/Heike Feiner

Ihr Partner im Mittelfeld war Bastian Schweinsteiger. Er der Stratege, Sie der Zerstörer. Ein kongenialer Partner?
Basti war nicht nur ein super Spieler, sondern ist auch ein überragender Mensch mit einem unglaublichen Charakter. Ein echter Kapitän. Ich hatte immer den Wunsch, von guten Spielern zu lernen, und bei ihm ging das jeden Tag.

Sie waren auf dem sportlichen Höhepunkt Ihrer Karriere im Sommer 2013.
Richtig! Ich war in einer sehr guten Phase, hatte nicht nur das Triple, sondern auch den Confed-Cup mit Brasilien geholt. Dazu war meine Frau schwanger – privat und sportlich lief es eigentlich hervorragend.

Gustavo über Verhältnis mit Guardiola: "Nur kurz miteinander gesprochen"

Pep Guardiola beerbt dann Jupp Heynckes. Und plant nicht mehr mit Ihnen.
Er galt damals als der beste Trainer der Welt. Und hatte dann eine andere Idee, eine andere Vorstellung von der Mannschaft. So ist Fußball. Ich musste seine Meinung respektieren, so wie ich generell die Menschen respektiere, mit denen ich arbeite. Wir haben nicht oft und wenn, nur kurz knapper miteinander gesprochen.

Wie schauen Sie heute auf Ihr Bayern-Aus?
Am Ende hatte er seine Sicht, ich meine. Für mich ist das Thema längst Vergangenheit. Ich schaue auf meine Bayern-Zeit mit Dankbarkeit zurück, auch wenn sie kürzer war, als ich es erwartet hatte. Ich hatte damals noch mehrere Jahre Vertrag, aber Gott wollte es anders und ich bin nach Wolfsburg gegangen. Keine schlechte Entscheidung.

Sie hätten auch sagen können: "Ich bleibe hier, ich habe noch Vertrag." Warum haben Sie das nicht gemacht?
Mir ging es nie darum, aus Ego-Gründen zu sagen: "Ich bleibe hier, weil es Bayern ist." Das bin ich nicht. Ich liebe es Fußball zu spielen. Und ich wollte meinen Stammplatz bei der brasilianischen Nationalmannschaft vor der WM im eigenen Land nicht verlieren. Spielpraxis war wichtig. 

Wurden nicht die besten Freunde beim FC Bayern: Pep Guardiola und Luiz Gustavo.
Wurden nicht die besten Freunde beim FC Bayern: Pep Guardiola und Luiz Gustavo. © IMAGO

WM-Halbfinale 2014: "Darüber zu reden, fällt mir schwer"

Von München nach Wolfsburg. Wie groß war der sportliche Unterschied?
Wolfsburg ist ebenfalls ein großartiger Klub. Wir haben sogar den DFB-Pokal geholt. Keine Selbstverständlichkeit. Aber vieles war dort anders. Bei Bayern spielst du ein kleines Trainingsspiel 15 oder 30 Minuten, und der Ball ist quasi nie im Aus, das Tempo ist permanent hoch.  

Stichwort WM im eigenen Land. Wir müssen die Frage stellen. Halbfinale gegen die DFB-Elf: Was ist da in Belo Horizonte damals passiert?
Darüber zu reden, fällt mir schwer und ich schaffe es bis heute nicht, eine richtige Erklärung dafür zu finden. 

Ihr Ex-Mitspieler Dante hat erzählt, dass Thomas Müller später im Bayern-Training Witze gemacht hat, was ihn sehr verletzt hat. Wie war das bei Ihnen? 
Nein, meine Mitspieler waren sehr respektvoll. Ich hatte nie das Gefühl, dass sich jemand darüber lustig macht, auch nicht hinter meinem Rücken. Dass ich nicht ständig damit konfrontiert wurde, hat mir geholfen, diese schwierige Phase durchzustehen. 

Guastavo: "Um nach vorne zu kommen, muss ich kämpfen"

Mit welchen Emotionen blicken Sie heute über ein Jahrzehnt später auf das Turnier zurück? 
Ich bin unglaublich dankbar, dass ich das erleben durfte. Als Kind war das mein Traum. Ich kam aus dem Nichts und 20 Jahre später spielte ich eine Weltmeisterschaft im eigenen Land. Das ist etwas unfassbar Besonderes und dieses Turnier wird trotz des 1:7 immer ein besonderer Teil meines Lebens bleiben. 

Dieses Turnier wird trotz des 1:7 immer ein besonderer Teil meines Lebens bleiben. 

Luiz Gustavo

Welcher brasilianische Nationalspieler war Ihr eigener Kindheitsheld? 
Ronaldo, Ronaldo Fenômeno. Er hatte einfach das komplette Paket. Besonders beeindruckend fand ich, dass er dreimal schwer verletzt war und jedes Mal zurückgekommen ist. Damit habe ich mich sehr identifizieren können. Für mich ist er bis heute der Beste von allen. 

Das dürfte ihr Ex-Teamkollege Cristiano Ronaldo nicht gern hören. Hand aufs Herz: Wer ist ehrgeiziger? Sie oder CR7? 
Leider er. Cristiano ist noch mal ein anderes Level. Deshalb hat er auch wirklich alles verdient, was er erreicht hat und noch erreichen wird. 

Woher kommt Ihr Ehrgeiz und die Disziplin?
Das kommt zu 100 Prozent von meiner Familie, von meinem Vater und meiner Mutter. Das habe ich sehr früh gelernt. Mein Vater war immer sehr pflichtbewusst, meine Mutter genauso. Zum Glück habe ich das von zu Hause mitbekommen. Wir hatten nie viel, aber haben immer das Beste daraus gemacht. Ich war immer bodenständig und habe früh verstanden: Um nach vorne zu kommen, muss ich kämpfen.

Luiz Gustavo (22, Wolfsburg) hielt lange den Rekord für die meisten Platzverweise in der Bundesliga.
Luiz Gustavo (22, Wolfsburg) hielt lange den Rekord für die meisten Platzverweise in der Bundesliga. © Joachim Sielski (imago sportfotodienst)

Hat das den Unterschied ausgemacht, sich gegen andere durchzusetzen?
Richtig. Ich konnte mein Talent immer richtig einschätzen und wusste: Ich bin gut bis zu einem gewissen Punkt, aber wenn ich noch besser werden will, muss ich weiterkämpfen. Und genau das habe ich getan: Ich war diszipliniert und fokussiert und immer wieder Training, Training, Training. Dieses kleine Extra an Einsatz hat am Ende den Unterschied gemacht. Talent bringt dich nur bis zu einem bestimmten Punkt. Danach hängt alles von dir selbst ab. Du musst hungrig sein, dass war ich ohne Ende. 

Waren Sie manchmal zu hungrig? Sie hielten lange Zeit den Rekord für die meisten Platzverweise in der Bundesliga. Dominik Kohr hat Ihnen den Rekord vor wenigen Wochen weggeschnappt.
Echt? Ich wusste gar nichts von diesem Rekord. Ich nutze keine sozialen Netzwerke und bekomme deshalb oft gar nicht mit, was gerade passiert oder was über mich gesagt wird. 

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