Interview

Thomas Broich: "Bayern spielt mit einer Wahnsinns-Intensität"

Der Ex-Profi und ARD-Experte Thomas Broich spricht in der AZ über Geisterspiele, die Ausnahmestellung der Bayern und warum er die Liga heute längst nicht mehr so kritisch sieht wie zu seiner aktiven Zeit.
| Krischan Kaufmann
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Ex-Fußballspieler Thomas Broich
dpa/Horst Galuschka Ex-Fußballspieler Thomas Broich

München - AZ-Interview mit Thomas Broich: Der gebürtige Münchner und ehemalige Profi (u. a. für Gladbach und Köln) hatte seine beste Zeit in Australien, wo er mit Brisbane dreimal Meister wurde. Demnächst trainiert der 39-Jährige die U15 von Eintracht Frankfurt, aktuell ist er als Taktik-Experte für die ARD tätig.

AZ: Herr Broich, haben Sie sich schon darauf eingestellt, zukünftig Geisterspiele zu analysieren?
THOMAS BROICH:
Ja, ich habe fürs ausländische Fernsehen die Partie Mönchengladbach gegen Köln (das letzte Bundesliga-Spiel vor der Pause, ohne Zuschauer, Anm. d. Red.) kommentieren dürfen. Deshalb weiß ich ungefähr, wie es sich anfühlt. Das war irgendwie total absurd und auch grenzwertig.

Kommentator über Geisterspiele: "Absurd und auch grenzwertig"

Warum?
Es war so still. Oft wirkt ja Stille erst so dominant, weil es vorher so laut war. Mein Co-Kommentator und ich hatten zudem das Gefühl, dass wir deshalb viel mehr reden müssen. Ich glaube aber, dass es nur bei den ersten Spielen seltsam sein wird und sich Spieler wie Kommentatoren schnell auf diese Situation einstellen werden.

Und wie steht’s um den berühmten Heimvorteil?
Das ist natürlich ein wichtiger Punkt. Wenn ich als Gegner die Wahl hätte, spiele ich in Dortmund mit oder ohne Zuschauer? Dann doch lieber ohne. Wenn in Dortmund die Fans die Mannschaft unterstützen, entsteht so eine Welle, die über die Gegenspieler drüberschwappt – wenn das fehlt, das könnte schon einen gewaltigen Unterschied ausmachen. Heimspiel bleibt natürlich Heimspiel. Du kennst die Ausmaße deines Rasens, kennst die Abläufe im Stadion. Aber diese geballte Wucht der Fans, die fällt weg.

Ihre generelle Meinung zur Fortsetzung der Saison mit Geisterspielen?
Ich kann mich in beide Seiten gut hineinfühlen, Gegner wie Befürworter. Wahrscheinlich werden wir erst am Ende wissen, ob die Fortsetzung richtig war. Da unterscheidet sich der Fußball nicht von anderen gesellschaftlichen Maßnahmen.

Große Turniere geben immer einen Ausblick, welche Art von Fußball uns zukünftig erwartet. Welche Neuerung haben wir mit der EM 2020 verpasst?
Bei der letzten WM haben wir ja die Renaissance des Mittelstürmers gesehen und diese extreme Fokussierung auf Standards. Aber ich glaube, dass sich die großen taktischen Neuerungen mittlerweile eher im Klubfußball abspielen. In den Vereinen gibt es diese Superbrains, also die Guardiolas, Klopps und Nagelsmanns dieser Welt, die aktuell stilprägend sind.

Was war vor Corona der große Taktik-Trend?
Da gibt es nie nur den einen. Ich finde, dass wir in der Liga generell ein wahnsinnig hohes Niveau haben. Wenn man sich einfach nur alle Dortmund-, alle Gladbach- oder alle Leipzig-Tore anschaut, wie diese Mannschaften Überzahlsituationen erzeugen, Räume besetzen. Das sind bei aller individuellen Klasse der Spieler häufig auch richtige Trainer-Tore. Da sind unheimlich clevere Menschen am Werk – regelrechte Fußball-Architekten.

Thomas Broich über den FC Bayern

Jetzt haben Sie die Bayern bewusst ausgelassen?
Nein, überhaupt nicht. Bei Bayern finde ich es ganz extrem, wie hoch sie pressen. Das ist für mich im Moment die höchste Linie im Weltfußball. Wie sich ihre Innenverteidiger teilweise weigern, sich fallenzulassen, um die Räume maximal zu verengen. Bayern spielt mit einer Wahnsinns-Intensität in des Gegners Hälfte – das ist sensationell. Und bei Ballbesitz sind sie unberechenbar, weil sie permanent rotieren. Du weißt bei keinem Verteidiger, bei keinem Sechser, Achter oder Flügelspieler, ist der in der Halbposition oder außen, steht der tief oder hoch in der letzten Linie? Jeder kann überall auftauchen. Das kreiert permanente Übergabe-Probleme beim Gegner.

Wann haben Sie festgestellt, dass Sie Fußball so gut erklären wie spielen können?
Ich weiß gar nicht, ob ich das über mich selber sagen würde. Aber ich kann erklären, woher meine Faszination kommt. In erster Linie durch meinen Trainer bei Brisbane Roar, Ange Postecoglou. Ich hätte niemals gedacht, dass ich während meiner Zeit in Down Under so ein Taktik-Genie kennenlernen würde. Er war in der Lage, mir zum ersten Mal den Fußball schlüssig zu erklären. Aber auch die Medien haben mich beeinflusst. Wir haben in Australien immer die Premier-League-Show „Monday Night Football“ geschaut. Die Ex-Profis Jamie Carragher und Gary Neville haben da Spielzüge auf eine Art und Weise erklärt, dass ich wirklich einen Lerneffekt hatte. Ein ähnliches Format hat Matthias Sammer in Deutschland bei Eurosport gemacht. Schade, dass es seine Sendung nicht mehr gibt.

Stört es Sie, dass viele Menschen Sie mehr mit der Doku "Tom meets Zizou – Kein Sommermärchen", für die Sie der Filmemacher Aljoscha Pause über sieben Jahre begleitet hat, verbinden als mit Ihren Spielen für Gladbach, Köln und Nürnberg?
Das liegt wohl daran, dass es eben doch nicht so viele Bundesliga-Spiele waren (lacht). Aber nein, es stört mich nicht. Mittlerweile bin ich mit dieser ganzen Zeit im Reinen. Ich habe nicht so viel gespielt, war aber trotzdem über zehn Jahre Teil der Bundesliga.

Dieser Film geriet zur Abrechnung mit Ihrer eigenen Karriere – aber auch mit der Bundesliga. Sehen Sie Ihre damaligen Aussagen heute kritisch?
Ich stand mir zu dieser Zeit oft selbst im Weg, war ein junger Mensch, der den Erfolg nicht bekommen hat, den er gerne gehabt hätte. Das, was ich über die Bundesliga und einige Akteure gesagt habe – ich glaube, dass es im Nachhinein mehr über mich selbst aussagt. Damals habe ich mit dem Finger auf andere gezeigt und so getan, als wüsste ich schon, wo es lang geht. Aber eigentlich hätte ich mich selbst ändern müssen, mich fragen, was muss ich machen, um besser mit Menschen klarzukommen und erfolgreicher Fußball zu spielen.

Sie haben sich selbst als "Bundesliga-geschädigt" bezeichnet. Nun sind sie wieder ein Teil des Systems.
Ich denke heute anders darüber. Was in der Bundesliga aktuell an Fußball-Intelligenz und Talent unterwegs ist, das begeistert mich regelrecht. Natürlich gibt es Entwicklungen, die man kritisch hinterfragen muss. Andererseits – meine Ansichten haben sich da gewandelt – sollte man auch nicht dauernd über die Bundesliga schimpfen. Denn durch das viele Geld und die Strukturen, die dadurch geschaffen wurden, hat der Fußball hierzulande einen Quantensprung gemacht.

Lesen Sie auch: Die AZ erklärt Bayerns Comeback-Plan für die Bundesliga

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