Tah-Tor gegen Paraguay: Schiedsrichter-Experte überrascht mit klarer Einordnung
AZ: Herr Wagner, Bundestrainer Julian Nagelsmann bezeichnete das nichtgegebene Tor von Jonathan Tah in der Verlängerung gegen Paraguay als Vollskandal. Wie sehen Sie die Situation?
LUTZ WAGNER: Es gab zwar im Fünfmeterraum einen Zweikampf zwischen dem Torwart und Waldemar Anton, allerdings orientieren sich beide zum Ball. Auch ist es für mich kein klares Vergehen, wie ein Stoßen oder Umreißen, sondern ein tolerables Zweikampfverhalten. Beide Spieler arbeiten in der Situation mit den Armen. Zudem gilt es in diesem Zusammenhang auch eins noch einmal festzuhalten: Der Torwart besitzt keinerlei Sonderrechte in puncto Zweikampf im Torraum beziehungsweise Strafraum. Schiedsrichter Jalal Jayed hat es zunächst auch nicht gepfiffen. Damit war es für mich ein Tor. Der VAR hat dann eingegriffen. Und eigentlich soll sich dieser nur melden, wenn der Referee einen gravierenden Fehler macht. Den gab es aus meiner Sicht aber nicht. Entsprechend hätte der VAR nicht eingreifen dürfen.
VAR machte bei Tah-Treffer auch einen Fehler
Wie kann es zu der Verkettung an Fehlern gekommen sein?
Der VAR war wohl der Meinung, dass etwas nicht in Ordnung sein könnte. Aber er sollte sich eben nicht melden, wenn etwas gewesen sein könnte, sondern nur bei klaren Fehlern. Der Schiedsrichter hätte dann aber weiterhin sagen müssen, dass die Bilder kein klares Foulspiel hergeben und er sich in seiner ursprünglichen Entscheidung bestätigt fühlt.

Warum ist er Ihrer Meinung nach eingeknickt?
Die Schiedsrichter sind alle mit den gleichen Szenen vorbereitet. Aber jetzt kommt eines dazu: Ein Schiedsrichter, der ständig in der Champions League pfeift und permanent mit kritischen Situationen sowie dem Druck umgehen muss, ist in einem ganz anderen Flow, was solche Entscheidungen angeht, als ein Schiedsrichter, der ab und an ein größeres Spiel pfeift.

Schiedsrichter fehlte die Routine
Ihm fehlte also womöglich die Erfahrung auf dem höchsten Niveau?
Ihm fehlten die Routine und der Umgang mit Druck. Gerade in der Situation hat sich das gezeigt. Ein erfahrenerer Schiedsrichter wäre wohl eher bei seiner Entscheidung geblieben. Man hat die fehlende Routine übrigens schon im ersten Gruppenspiel der DFB-Elf gegen Curacao gesehen. Da war zwar von den Entscheidungen alles in Ordnung, aber er stand den Spielern sehr oft im Weg. Das zeigt, dass er nicht das Spielverständnis für ein schnelles und modernes Spiel hat. Er war es nicht gewohnt, sich schnell aus den Räumen zu entziehen und hat nicht oder auch zu spät antizipiert. Das unterscheidet ihn von den Top-Schiedsrichtern.

