Schiedsrichter-Experte überrascht mit Aussage zum möglichen FC-Bayern-Strafstoß
AZ: Herr Wagner, es war, was die Schiedsrichterentscheidungen betrifft, ein ereignisreicher Abend in der Allianz Arena. Wie bewerten Sie die Leistung von João Pinheiro?
LUTZ WAGNER: Wenn eine Aktion bleibt, die im Nachhinein nicht korrekt war, ist ein Schiedsrichter nicht mit seiner Leistung einverstanden. Und Pinheiro hat in diesem Spiel nicht irgendeinen Fehler gemacht, sondern er hat einen Fehler mit einer entscheidenden Wirkung gemacht. Das ist natürlich nicht nur für die Bayern, sondern auch den Schiedsrichter ärgerlich. Ich meine da vor allem das Handspiel von Nuno Mendes. Zumal die gleiche Szene in 28. Minute natürlich eine ganz andere Wirkung als in der 85. Minute gehabt hätte. Das liegt natürlich nicht am Schiedsrichter.
Handspiel von Mendes hätte Platzverweis zur Folge haben müssen
Das Handspiel von Mendes wäre regeltechnisch also eine Gelb-Rote Karte gewesen?
Ja. Ich glaube auch, dass Pinheiro diese gegeben hätte, wenn er zuvor nicht das Handspiel von Konrad Laimer gepfiffen hätte, das keines war. Denn in dem Moment, in dem er das Handspiel von Mendes pfeift, muss er ihm auch die Ampelkarte geben. Und das nicht nur, weil es ein absichtliches Handspiel war, sondern weil er einen klaren, aussichtsreichen Angriff über die rechte Seite verhindert hat.
Er hat ein mögliches Nicht-Abseits direkt tot gemacht und wir werden nie genau wissen, ob es Abseits war.
Es war nicht die einzige strittige Szene, über die sich die Bayern beschweren.
Bevor wir auf die mögliche Strafstoßentscheidung kommen, gibt es für mich da noch eine Szene, die man hätte anders lösen können. Und zwar die Abseitsentscheidung gegen Harry Kane zu Spielbeginn. Da wäre Pinheiro gut beraten gewesen, die Situation bei dieser knappen Entscheidung laufen zu lassen. So hat er ein mögliches Nicht-Abseits direkt tot gemacht und wir werden nie genau wissen, ob es Abseits war.

Strafstoßentscheidung von Pinheiro ist nachvollziehbar
Kommen wir nun zur Strafstoßszene. War es ein Handstrafstoß von Vitinha?
Hier hat Pinheiro die Regelauslegung auf seiner Seite. Denn es hat nicht der FC Bayern auf das Tor geschossen, sondern Paris hatte klar den Ball. Sie haben versucht, den Angriff aufzubauen. Welche Intention sollte da Vitinha haben, die Spieleröffnung mit der Hand aufzuhalten? Das wäre paradox. Deswegen kommen hier zwei Begriffe zum Einsatz. Wenn der Ball die Box verlässt, spricht man von Clearing the Box. Dazu kommt, dass der Ball vom eigenen Mann kommt. Das nennt man Teammate to Teammate. Entsprechend ist die Entscheidung von der Argumentation durchaus nachvollziehbar.
Es gibt dafür keinen Regeltext oder ein Buch, das die Situation genau abdeckt.
Zahlreiche Menschen haben ein Regelwerk gegoogelt, in dem genau das steht, wurden aber selbst auf den einschlägigen Uefa-Seiten nicht fündig. Wo steht sie?
Es gibt dafür keinen Regeltext oder ein Buch, das die Situation genau abdeckt. Man bräuchte ansonsten ein Buch, in dem jede Situation mit allen Eventualitäten abgebildet werden müsste. Das Regelwerk wäre dann kein Buch mehr, sondern wir hätten ganze Bände. Deshalb gibt die Fifa mitgeltende Unterlagen wie zum Beispiel ein Q & A und auch Videos mit den wichtigsten Szenen und internationalen Entscheidungen in den Umlauf. Diese haben dann einen Vorbildcharakter. Daraus leiten die Schiedsrichter ihre Linie ab.

