Rubens und die Frage nach der Dispersionsfarbe

Der AZ-Sportchef erinnert sich an sein erstes Bayern-Trainingslager in Pula –  und  vor allem an die Begegnung mit Otto Rehhagel.
| Gunnar Jans
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Der AZ-Sportchef erinnert sich an sein erstes Bayern-Trainingslager – mit Otto Rehhagel

München - Januar 1996 in Pula, wir saßen zu zweit auf einer sardischen Terrasse, als der ältere Herr im rotblauen Trainingsanzug plötzlich seinen Arm um meine Schulter legte und in väterlichem Ton zu mir sprach. „Junger Mann, sind Sie denn überhaupt schon verheiratet?”, fragte Otto Rehhagel, und als ich verneinte, hielt er einen Vortrag über die Bedeutung der Ehe in unruhigen Zeiten und gab auch nicht Ruhe, als ich einwilligte, meine Freundin irgendwann einmal heiraten zu wollen. „Jetzt verrate ich Ihnen noch das Wichtigste”, erklärte der Fußball- und Beziehungslehrer, „Sie dürfen Ihre Lebenspartnerin nie belügen. Denn die Lüge zerstört die Liebe.”
Es war ein Abtasten, dieses Trainingslager des FC Bayern auf Sardinien, und dass er der AZ ein Interview „gewährte”: ein erster Annäherungsversuch. Gerade hier in der sardischen Ferienanlage, wo sich der Bayern-Trainer weigerte, bei den Presserunden im Speisesaal am Tisch der Reporter Platz zu nehmen. Die saßen im Kreis und stellten ihre Fragen, während Rehhagel daneben stand, aufrecht, und beim Antworten in die andere Richtung blickte. Die Bitte, Platz zu nehmen, überhörte er.
„Ich mache viel für den Verein. Aber ich lasse mich nicht verbiegen und verkaufe mich für kein Geld der Welt”, erklärte er mir später. Sich gemein zu machen, das war in seinem Gehalt nicht inbegriffen. Zu groß war die Abneigung, auch gegenseitig (okay, außer bei Rolf Töpperwien). „Die Leute, die diese Rubens-Geschichte erfunden haben, das war der Irrsinn”, sagte Rehhagel im Interview, „mit denen rede ich gar nicht mehr.”

„Rubens” stand auf dem Klingelschild der Dachgeschosswohnung, die Otto und Beate Rehhagel in der Schellingstraße bewohnten, und als das rauskam, dass er, der gelernte Anstreicher, unter dem Namen des berühmtesten Malers des Barock firmierte, da wurde der Rehhagel den Rubens nicht mehr los. Dabei hatte doch der Bauträger das Klingelschild schon vor dem Erstbezug angebracht – und Rehhagel es lediglich nicht abgeschraubt.

Es war (zu) leicht, sich über ihn zu belustigen, auch weil er auf seinem Arbeitsweg von Schwabing zum FC Bayern nach Harlaching stets einen Schlenker über die Maximilianstraße machte, die er für seine Welt hielt. Und wie er dann betonte, dass er „immer alle Antennen ausfahre”, sobald er in der Säbener Straße angekommen war.

Die Presserunden waren ihm ein Gräuel, das Private erklärte er zum Tabu. „Fachfragen, nur Fachfragen”, befahl Rehhagel – bis ein altgedienter Reporter den einstigen Malerlehrling brüskierte: „Ich muss morgen das Kinderzimmer meiner Tochter streichen. Welche Dispersionsfarbe würden Sie mir empfehlen?”

Rehhagel spürte das Misstrauen, auch bei den Spielern, die sich längst mit ihm überworfen hatten. Unverhohlen hatte Mehmet Scholl („Er oder ich”) schon im Herbst die Ablösung des Trainers gefordert, der einfach nicht nach München passen sollte, im Laufe der Monate kamen andere Stars dazu; und als Präsident Beckenbauer ihn an einem Samstag im April nach einem 0:1 gegen Hansa Rostock einbestellte („Otto, komm, wir müssen reden!”), da sagte Rehhagel: gar nichts mehr. Vier Tage vor dem Hinspiel des Uefa-Cup-Finals gegen Bordeaux hatte ihn Bayern entlassen, in den Finalspielen saß dann der Kaiser selbst auf der Bank – und holte den Pott.
„Ich habe meine Beate noch nie belogen”, rief er mir im Januar ’96 auf Sardinien noch hinterher. Ich habe Otto Rehhagel damals nicht geglaubt. Heute vermute ich: Er meinte es ernst – mit den Bayern und der Liebe. Auch wenn er sich da selbst belogen hat. Die „Otto – find ich gut!”-Kappe, die Rehhagel gern mal im Training aufsetzte, die hat halt nie nach München gepasst.

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