Paul Breitner: Einige Spieler werden befreiter auftreten

Die Bayern-Ikone spricht über den Re-Start im deutschen Fußball, wer von den Geisterspielen profitiert und die Signalwirkung: "Der Fußball will sich nun aus sich selbst heraus heilen."
| Patrick Strasser
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Paul Breitner spricht im AZ-Interview über den Re-Start der Bundesliga.
Andreas Gebert/dpa Paul Breitner spricht im AZ-Interview über den Re-Start der Bundesliga.

München - Paul Breitner im AZ-Interview: Der 68-jährige Welt- und Europameister spielte von 1970 bis 1974 und 1978 bis 1983 beim FC Bayern. 1981 wurde er zu Deutschlands Fußballer des Jahres gewählt.

AZ: Herr Breitner, nach 66 Tagen Pause, bedingt durch die Ausbreitung des Coronavirus, nimmt die Bundesliga am Wochenende wieder ihren Betrieb auf. Ganz prinzipiell: Gut so oder nicht?
PAUL BREITNER: Im Moment nicht, nein. Ich hätte es befürwortet, noch zwei oder drei Wochen zu warten. So hätten alle ein besseres Gefühl gehabt, wenn der Wiederbeginn des Fußballs mit weiteren Lockerungen des täglichen Lebens einhergeht. Und vielleicht hätten wir bei einem Abflachen der Infektionskurve nicht rund 1.000, sondern nur noch 500 Neuinfektionen täglich gehabt. Im Moment können wir nicht wissen, wie sich die Epidemie entwickelt und ob Ende des Jahres oder im nächsten Jahr die Bundesliga überhaupt noch existiert. Bei weiteren 14 Tagen Abwarten wäre die Akzeptanz für die Rückkehr des Fußballs sicher größer gewesen.

Breitner über Auswechslungen: "Drei reichen, basta"

Die Profivereine entgegnen, dass sie die Saison unbedingt bis zum 30. Juni beenden wollen, um Streitigkeiten und Prozesse wegen der auslaufenden Spielerverträge zu vermeiden.
Es wird doch möglich sein, dass die Verträge bis zum 31. Juli gelten. Und was den Spielplan betrifft: Es sind nur zwei Englische Wochen angesetzt – warum? Warum zieht man die Spiele nicht alle drei, vier Tage durch? Für Spieler gibt es doch nichts Schöneres – besser als Training.

Damit die Spieler nicht überlastet werden. Mediziner warnen vor erhöhter Verletzungsgefahr. Daher sollen nach Vorschlag des Weltverbandes Fifa auch fünf Auswechslungen möglich sein.
Drei reichen, basta. Da fehlt mir jegliches Verständnis, was soll das bringen? Mit einem Hinausschieben des Starts und vielen Englischen Wochen am Stück wäre vielleicht sogar die Zulassung von einigen Fans in den Stadien möglich gewesen.

Wie stellen Sie sich das vor? Großveranstaltungen sind bis Ende August ganz untersagt.
Wenn in ein paar Wochen sukzessive die Grenzen wieder geöffnet werden und wir – natürlich unter Beachtung der Hygiene-Maßnahmen – ab nächster Woche in Bayern wieder in den Biergärten sitzen, hätte man auch eine fußball-ähnlichere Situation in den Stadien schaffen können. Mit einigen tausend Zuschauern, die im vorgeschriebenen Abstand zueinander sitzen. Zum Vergleich: Selbst wenn im Flugzeug der Mittelplatz frei bliebe, wäre der Abstand doch auch viel geringer, selbst zum Vorder- und Hintermann.

Breitner überzeugt: Qualität der Spiele wird steigen

Aber wie soll die Anreise der Fans kontrolliert werden?
Ohne Auswärts-Fans, nur mit Heim-Fans. Wenigstens die kämen dann in den Genuss eines Live-Spiels. Nehmen wir das Beispiel FC Bayern, der 35.000 Dauerkarten-Besitzer hat. Bei noch vier Heimspielen und dem Pokal-Halbfinale käme jeder Fan noch bei einem Spiel ins Stadion. 7.000 pro Partie, ohne Streit. Analog könnte man das, entsprechend der Größe der Stadien, bei den anderen Vereinen handhaben. Wir Deutsche sind doch Weltmeister im Reglementieren und Organisieren, wir würden das locker hinbekommen!

Momentan muss man sich mit Geisterspielen abfinden. Wird der Fußball ohne Fans anders?
Mit Sicherheit. Die Qualität des Spiels steigt.

Wieso das?
Einige Spieler werden befreiter auftreten, sich mehr zutrauen. Ohne die Fans, ohne die Emotionen von den Tribünen im Stadion ist der Druck geringer, die Nervosität sinkt. Viele Spieler werden sich freuen und durchschnaufen: Ach, ist das schön, mal nicht ausgepfiffen oder gar beleidigt zu werden. Öffentlich zugeben können sie das natürlich nicht.

Breitner: Top-Teams bei Geisterspielen im Vorteil

Haben nun spielstärkere Mannschaften Vorteile gegenüber den Teams, die über die Emotion kommen und sich sonst durch die Wechselwirkung mit den Fans pushen?
Natürlich. Die Mannschaften, die ihren Angriffsfußball durchsetzen können, sind klar im Vorteil. Wir werden nicht so viele Fouls sehen, kein Gehacke. Die spielintelligenten, dominanten Mannschaften, die aktuell in der Tabelle oben stehen, sind auch am Ende der Saison dort zu finden.

Der FC Bayern tritt am Sonntag (18 Uhr/Sky und im AZ-Liveticker) bei Union Berlin an. Das Stadion "An der Alten Försterei" wird kein Hexenkessel sein wie sonst, sondern ein gespenstischer Ort der Ruhe.
Der Heimvorteil fällt weg. Normalerweise kommst du als Spieler eines Favoriten in so ein kleines, enges Stadion und willst eigentlich nur noch weg. Manche Spieler können ihre Leistung nicht abrufen, weil sie gehemmt sind. Für die großen Teams sind Geisterspiele ein Riesenvorteil.

Also wird der FC Bayern wieder Meister?
Na, sicher. Daran führt kein Weg vorbei – auch ohne Corona hätten die Bayern den Titel geholt.

Wie hoch ist das Risiko, das die DFL geht?
Sehr hoch. Wenn die Bundesliga gestoppt werden muss, weil sich auch nur einer in den nächsten Wochen während eines Spiels ansteckt und dann ganze Mannschaften in Quarantäne geschickt werden, lösen sich die Pläne der Liga in Luft auf. Außerdem blicken alle anderen Ligen nun gespannt nach Deutschland. Vor allem Länder wie England oder Frankreich, wo Corona noch massiver aufgetreten und momentan präsenter ist.

Was auch eine große Chance bedeutet.
Es wäre eine einmalige Gelegenheit, die Bundesliga weltweit zu präsentieren, auch für die Sponsoren. Aber dann biete ich der Welt doch etwas, fange mit dem ersten Spiel um 12 Uhr mittags an und zeige übers Wochenende ein Spiel nach dem anderen. Ein ganzes Wochenende Fußball, als Spektakel für unseren Fan und die ganze Welt. So hätte man trotz Zeitverschiebung in den verschiedenen Erdteilen attraktive Anstoßzeiten.

Breitner: Bundesliga "hält den Schädel hin für andere"

Freuen Sie sich schon, dass man ab dem Wochenende wieder über Dinge wie den Videobeweis diskutiert?
Endlich! Das brauchen wir dringend. Wir erleben eine Wiedergeburt, eine Befreiung. Corona wird uns weiter beschäftigen, aber bitte nur noch mit einer Sondersendung pro Woche – und nicht täglich. Kehrt der Fußball erfolgreich zurück, hat das auch eine Streuwirkung auf andere Sportarten.

Es herrscht jedoch Neid, weil der Fußball eine Sonderrolle beanspruche.
Verstehe ich nicht. Die Bundesliga macht nun einen Testlauf, geht volles Risiko. Sie hält den Schädel hin für andere. Und das ganz ohne Steuergelder, ohne Subventionen wie sie milliardenschwere DAX-Konzerne eingefordert haben. Der Fußball hat gelitten, war demütig und will sich nun aus sich selbst heraus heilen. Das ist eine großartige Leistung aller Klubs mit Christian Seifert (DFL-Geschäftsführer, d.Red.) an der Spitze, der ein hervorragendes Krisenmanagement betreibt. Die DFL hat ein Arbeitsmodell entwickelt, das Vorbildcharakter haben kann für andere Wirtschaftsbereiche, in denen mit Körperkontakt gearbeitet werden muss. Ein Modell der Branche Fußball, aus der Mitte der Gesellschaft heraus – das ist doch wunderbar.

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