Neuer im Kreuzfeuer der Journalisten: FC-Bayern-Keeper wehrt sich nach Gegentor

Beim entscheidenden 1:2 gegen Ecuador sieht Manuel Neuer nicht gut aus. Der Keeper des FC Bayern äußert sich zum Gegentor.
von  Patrick Strasser
Im Spiel gegen Ecuador gingen Manuel Neuer zwei Bälle ins Tor.
Im Spiel gegen Ecuador gingen Manuel Neuer zwei Bälle ins Tor. © IMAGO/MB Media (www.imago-images.de)

Da stand er, dieser Riese und drückte den Rücken durch. Seine braune Ledertasche für seine persönlichen Utensilien hatte Manuel Neuer neben das Podium gestellt. Er trug eine kurze Hose und ein türkisfarbenes Shirt, nickte den Journalisten zu à la: Kann losgehen.

Und gleich bei der ersten Frage in der Interview-Zone in einem klimatisierten Zelt vor dem WM-Stadion in New Jersey musste Neuer sich wehren. Es ging um die Situation, die das dritte Gruppenspiel der deutschen Nationalmannschaft für Ecuador entschied. Nach einer Ecke verlängerte Kevin Rodríguez den Ball vor David Raum mit dem Kopf Richtung Fünfmeterraum. Neuer schien bereit, wollte sich den Ball in die Arme fallen lassen, griff jedoch ins Leere. Gonzalo Plata kam von der Seite reingespritzt und hielt gedankenschnell den Fuß rein – die Kugel flitschte unter die Latte – das 1:2 (78.).

Das sagt Neuer zum Gegentor: "Sicherste Lösung"

Zu spät reagiert? Zu langsam, zu passiv? Ob er sich den Gegentreffer ankreide, wollte ein Reporter wissen. Bei der Antwort reagierte Neuer schnell, ging in die Offensive: "Nee!" Schließlich sei es "eine ganz normale Kopfballverlängerung" gewesen. Die ausführliche Erläuterung des Bayern-Torhüters: "Jeder, der schon mal im Tor gespielt hat, weiß, dass ich mich genau so zum Ball hinstellen muss und versuchen muss, den auch so zu fangen." Neuer vergleicht die Szene mit einem Zweikampf bei Feldspielern: "Es ist, wie wenn einer zum Ball geht und ein anderer mit der Fußspitze drankommt." Eben, weil dieser schneller handelt, den berühmten Schritt voraus ist. Neuer war das nicht, reagiert zu zögerlich, nicht konsequent genug.

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Für Neuer, der sich Zeit seiner fantastischen Karriere immer damit schwertat, einen Fehler zuzugeben, plädierte auch nach seinem 127. Länderspiel auf unschuldig, sagte: "Ich muss auf das schauen, was vor mir passiert, auf die Kopfballverlängerung, wo der Ball ist und was mit dem Ball passiert. Deshalb wollte ich ihn einfach nur fangen. Das wäre auch die sicherste Lösung gewesen."

Ecuadors Trainer Sebastián Beccacece und Gonzalo Plata cfeiern ihren Sieg gegen Deutschland.
Ecuadors Trainer Sebastián Beccacece und Gonzalo Plata cfeiern ihren Sieg gegen Deutschland. © IMAGO/Sebastiao Moreira (www.imago-images.de)

Neuer rechtfertigt sich nach Gegentor

Alternative Lösungen? In den seitlich von hinten anstürmenden Mann gehen? "Ich sehe ihn von hinten natürlich auch gar nicht", rechtfertigte sich Neuer. Den Ball mit einem gewissen Risiko wegfausten? "Wenn ich anfange, im Fünfmeterraum die Bälle auf Brustwarzenhöhe rumzupatschen, wäre es womöglich ein Eigentor gewesen." Der WM-Rekordtorhüter mit nun 22 Einsätzen schloss, um das nochmal klarzustellen, mit: "Auf gar keinen Fall. Ich treffe die Entscheidung in Millisekunden." Für ihn war die Diskussion in dem Moment beendet.

Manuel Neuer geht der zweite Ball von Ecuador ins Netz.
Manuel Neuer geht der zweite Ball von Ecuador ins Netz. © IMAGO/Shaquan Woody (www.imago-images.de)

Dabei sah der 23 Monate nach seinem Rücktritt aus der Nationalelf zur WM-Endrunde zurückgekehrte Neuer in der Szene ziemlich alt aus. Gegen Außenseiter Curacao (7:1) zum Auftakt und im zweiten Gruppenspiel gegen die Elfenbeinküste (2:1) konnte sich der Weltmeister von 2014 nicht auszeichnen. Er habe "eigentlich nur zwei Bälle bisher aufs Tor bekommen und die waren drin", hatte Julian Nagelsmann gesagt. Im Sinne der Spielpraxis für Neuer verzichtete der Bundestrainer trotz des bereits feststehenden Gruppensieges auf eine Dankeschön-Aufstellung von Oliver Baumann für das Ecuador-Spiel. Der 36-Jährige hatte sämtliche WM-Qualifikationsspiele meist sehr ordentlich bestritten. "Beim Blick aufs große Ganze", so Nagelsmann vor der Partie gehe es um "Rhythmus" – und eben nicht um Geschenke für Loyalität.

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Bei Neuers Patzer sieht Nagelsmann eine Kollektivschuld

Gegen Ecuador konnte Neuer in der 62. Minute immerhin seine erste Parade des Turniers zeigen – beim Schuss von Enner Valencia. Bei Neuers Patzer sah Nagelsmann eine Kollektivschuld: "Wir müssen die Höhe halten, müssen im Sandwich bleiben." Das ging an Raum, der sein Kopfballduell verlor. Verständlich, dass Nagelsmann den schützt, den er zurückholte und eine Torwartdiskussion vermeiden will.

Trainer Julian Nagelsmann sieht eine Kollektivschuld.
Trainer Julian Nagelsmann sieht eine Kollektivschuld. © IMAGO/elyxandro cegarra (www.imago-images.de)

Das alles hätte der Bundestrainer sich ersparen können. Eine schöpferische Pause für Neuer, der stattdessen in einer intensiven Trainingseinheit hätte gefordert werden können, und ein Einsatz für Baumann – wäre das nicht der Königsweg gewesen? Hätte Baumann stark gehalten, wäre er bis ans Ende seiner Tage happy und dankbar über das WM-Erlebnis gewesen. Hätte Baumann gepatzt, wäre es nicht weiter schlimm gewesen und alle hätten gesagt: Gut, dass Neuer in der K.o.-Runde wieder spielt.

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