Interview

"Nach Ihrem Tod war eine große Leere": Die emotionalen letzten Monate von Ex-FC-Bayern-Spieler Ziege mit seiner schwerkranken Frau

Vor dem Spiel seiner Borussia in München spricht Ex-Bayer Ziege in der AZ über seinen langen und emotionalen Weg zurück in den Fußball nach dem Tod seiner Frau.
von  Patrick Strasser
Pflegte seine Frau Pia bis zum letzten Tag: Christian Ziege.
Pflegte seine Frau Pia bis zum letzten Tag: Christian Ziege. © IMAGO

AZ: Herr Ziege, seit Januar sind Sie nach insgesamt fünf Jahren wieder zurück im Fußball-Business, arbeiten bei Borussia Mönchengladbach als Co-Trainer der U17. Zuvor haben Sie Ihre Frau Pia während Ihrer schweren Krankheit begleitet und betreut. Im November 2024 ist sie verstorben. Sie haben sich die Zeit genommen, diesen schweren persönlichen Verlust zu verarbeiten. Wie kam es nun zur Rückkehr?
CHRISTIAN ZIEGE: Ich bin selbst auf die Borussia zugegangen und habe nachgefragt, ob es eine Möglichkeit gibt. Wenn sie irgendeinen Job haben, würde ich gerne zurückkommen. In welchem Bereich auch immer.

Ziege stellte nach dem Tod seiner Frau keinerlei Forderungen 

Und das als ehemaliger Spieler sowie späterer Assistenz- und Cheftrainer der Profi-Mannschaft, als Sportlicher Leiter. Kein alltäglicher Vorgang.
Ich habe keinerlei Forderungen gestellt, sondern einfach nur gefragt, ob es was gibt, womit ich der Borussia helfen könnte. Als das Angebot kam als Co-Trainer bei der U17 arbeiten zu können, habe ich sofort zugesagt und mich richtig darüber gefreut. Und freue mich bis heute. Ich habe eine lange Zeit hinter mir, in der ich aus verständlichen Gründen nicht arbeiten konnte und habe ein bisschen gebraucht, um da wieder rauszukommen. Aber ich wollte auf jeden Fall wieder zurück in den Fußball. Das ist ja das einzige, wo ich mich ein bisschen auskenne (lacht).

Hatten Sie auch überlegt, auf andere Vereine zuzugehen? Also beispielsweise auf Ihren Ex-Verein FC Bayern, für den Sie von 1990 bis 1997 gespielt haben?
Ich wollte mich nicht bei vier, fünf, sechs, sieben verschiedenen Mannschaften gleichzeitig anbieten. Mir war klar: Mein erster Ansprechpartner ist die Borussia, weil ich da gearbeitet habe. In verschiedenen Positionen sind noch eine Menge Leute hier, die ich kenne. Aber es war natürlich auch schwierig, wenn man so lange raus ist. Es wartet keiner auf dich. Die Leute kommen auch gar nicht auf dich, weil du ja nicht mehr in Erscheinung trittst.

 Ich wollte mich um sie kümmern und das habe ich dann auch getan. Sieben Tage, 24 Stunden, alleine. 

Christian Ziege

Ziege pflegte seine Frau zu Hause

Wie sehr hat Sie die Zeit an der Seite Ihrer schwer erkrankten Frau geprägt?
Als meine Frau zum Pflegefall wurde, haben wir gemeinsam entschieden, dass sie auf keinen Fall in irgendeine Einrichtung kommt. Ich wollte mich um sie kümmern und das habe ich dann auch getan. Sieben Tage, 24 Stunden, alleine. Erst später kam dann zwei- bis dreimal pro Woche kam eine Pflegekraft zu uns nach Hause, die mich unterstützt hat. Bereits während Pias Krankenhausaufenthalt habe ich mich darauf vorbereitet.

Wie kann man sich das genau vorstellen?
Als die Fragen aufkam, wie es nach dem Krankenhaus weitergehen soll und klar war, dass ich meine Frau zu Hause pflegen würde, kam von Seiten der Klinik das Angebot mich sozusagen "auszubilden", damit ich das nötige Wissen habe, was ich zu tun und zu lassen habe. Für zehn Monate war ich dann praktisch Praktikant auf der Station.

Mittlerweile in der Jugend von Borussia Mönchengladbach Co-Trainer: Christian Ziege.
Mittlerweile in der Jugend von Borussia Mönchengladbach Co-Trainer: Christian Ziege. © IMAGO

Ex-Bayern-Spieler brauchte Zeit nach dem Tod seiner Frau

Der Fußball war in dieser Zeit sehr weit weg, nehme ich an.
Richtig. Ich hatte überhaupt keine Zeit und keinen Kopf für Fußball. Das hat mich nullkommanull interessiert. Und nach Ihrem Tod war da erstmal eine große Leere und eine gewisse Planlosigkeit. Damit muss man sich erst mal zurechtfinden. Nach etwa vier, fünf Monaten habe ich gemerkt, dass mich das Ganze langsam wieder interessiert. Ich habe mal wieder ein Spiel im Fernsehen angeschaut - auch wirklich bis zum Ende. Nach und nach habe ich gespürt, dass ich wieder in den Fußball zurück möchte.

Wie gut tut es Ihnen, nun wieder auf dem Platz zu sein, mit den Jungs zu arbeiten, eine Aufgabe zu haben? Um für einen kurzen Zeitraum nicht an Ihre Frau und das, was Sie mit Ihr gemeinsam erlebt und durchgestanden haben, denken zu müssen?
Jetzt wieder auf dem Platz zu stehen, ist einfach schön. U17-Cheftrainer Denis Hauswald und das ganze Team haben mir den Wiedereinstieg sehr leicht gemacht. Ich bin wieder voll drin und es macht riesigen Spaß. Meine Entscheidung, in den Fußball zurückzukehren, war richtig. Und trotzdem ist Pia natürlich jeden Tag in meinem Herzen präsent. Das vergeht nicht.

Ich muss nicht derjenige sein, der im Vordergrund steht und den Zampano macht. 

Christian Ziege

Ziege lebt seit Januar wieder in Nordrhein-Westfalen

Aufgrund dessen, was alles passiert ist: Gefällt Ihnen die Rolle im Hintergrund nun besser?
Ich fühle mich sehr wohl damit, habe bis Sommer 2027 unterschrieben. All die Jungs um mich herum sind wesentlich jünger als ich, könnten meine Kinder sein (lacht). Das hält mich selbst jung. Ich muss nicht derjenige sein, der im Vordergrund steht und den Zampano macht. Aber natürlich, wenn man das früher einmal gemacht hat, merkt man, dass es in einem steckt. Da ich in verschiedensten Positionen gearbeitet habe und im In- und Ausland viele Erfahrungen sammeln durfte, kann ich mir für die Zukunft alles vorstellen. Ich bin immer offen für alles - das ist etwas, das man sich bewahren sollte. Ich bin viel rumgekommen, habe viel gesehen. Aber jetzt widme ich alles dieser tollen Aufgabe bei der Borussia.

Samt Umzug aus dem salzburgischen Saalfelden ins Rheinland.
Ja, seit 2018 haben wir in Österreich gelebt, seit Januar bin wieder zurück in Nordrhein-Westfalen. Ganz anders, ohne Berge. Ich mag die Art der Menschen hier, die sind direkt und super nett. Und die Berge muss ich mir dazu denken (lacht).

Christian Ziege auf dem Bankett der Meisterfeier des FC Bayern im Jahr 1994 mit Polizeimütze. Daneben Bruno Labbadia und Thomas Helmer (von links).
Christian Ziege auf dem Bankett der Meisterfeier des FC Bayern im Jahr 1994 mit Polizeimütze. Daneben Bruno Labbadia und Thomas Helmer (von links). © IMAGO

FC Bayern bekommt Sonderlob von Ziege

Am Freitagabend treffen Ihre beiden Herzensvereine FC Bayern und Mönchengladbach in der Bundesliga aufeinander. Übersteht die Borussia den Abstiegskampf?
Ich kenne die Situation aus meiner Zeit als Sportdirektor bei der Borussia ab März 2007. Wenn die Mannschaft im Keller der Liga ist, sind die Leute nicht besonders locker und frei - verständlich. Da hängt für alle Beteiligten eine Menge dran. Gerade in so einer Situation sollte man möglichst die Ruhe bewahren, einen klaren Kopf haben, mit Überzeugung weiterarbeiten und alles daransetzen, es aus eigener Kraft gewuppt zu bekommen. Das Spiel am Freitag bei den Bayern ist ein schwieriges Spiel, ich betrachte es als Bonusspiel. Wir alle wissen, dass die Bayern unfassbar stark sind und eine unfassbar hohe Qualität haben. Falls sie keinen so guten Tag haben und man selber einen Sahnetag erwischt, dazu noch ein bisschen Spielglück hat, kannst du vielleicht etwas holen - aber es wird verdammt schwierig.

Aus Trainer-Sicht: Wie erleben Sie die Arbeit von Vincent Kompany?
Mich freut sein Erfolg für ihn ungemein. Da ist die Art und Weise, wie er sich gibt. Immer ausgeglichen, wenn er spricht - egal, um welches Thema es geht. Er bleibt total souverän, ob in Pressekonferenzen oder an der Seitenlinie. Und egal, wie es steht, hat man nie das Gefühl, er verliert die Contenance. Kompany weiß genau, was er will. Spielerisch-taktisch hat er ein Novum bei Bayern eingeführt - gegen den Ball komplett über den ganzen Platz eins gegen eins zu spielen. Unterm Strich alles beeindruckend. Man muss ja nur zuhören, wie die Spieler über ihn reden und was die, die in diesem Top-Kader mal nicht zum Zuge kommen, eben nicht sagen. Weil sie alle wissen, warum und wofür sie es tun.

Bayern gegen Arsenal - das wäre ein tolles Finale. Das wünsche ich den Bayern, weil es einfach Spaß macht, ihnen momentan zuzuschauen.

Christian Ziege

Ziege wünscht sich ein Champions-League-Finale zwischen Bayern und Arsenal

Die Meisterschaft ist dem FC Bayern wohl nicht mehr zu nehmen. Was können die Münchner in der Champions League erreichen?
Trotz des irren Punktevorsprungs in der Liga und dieser wahnsinnigen Trefferquote ist das Abschneiden in der Champions League am Ende das, was bei Bayern zählt. Atalanta Bergamo sollten die Bayern, wenn sie ihre Qualität abrufen, packen - aber das wird nicht einfach. Die absolute Top-Mannschaft in Europa, die es zu schlagen gilt, ist für mich Arsenal. Bayern gegen Arsenal - das wäre ein tolles Finale. Das wünsche ich den Bayern, weil es einfach Spaß macht, ihnen momentan zuzuschauen.

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