Behinderung und Übergewicht: Saibaris außergewöhnlicher Weg zum Top-Star

Es war nun wirklich kein leichter Weg, der Ismael Saibari (25) vergangene Woche zum vorläufigen Gipfel seiner Karriere geführt hat. Am Mittwoch machte der FC Bayern die Verpflichtung des marokkanischen Angreifers, die sich schon über Wochen hinweg abgezeichnet hatte, endgültig offiziell. Bei den Münchnern hat Saibari einen Vertrag bis 2031 unterschrieben, rund 55 Millionen Euro an Ablöse sollen an die PSV Eindhoven fließen. Gemessen an den Summen, die mittlerweile auf dem Transfermarkt hin- und hergeschoben werden, ein Schnäppchen.
Dass die Ablöse nicht noch deutlich höher ausgefallen ist, lag daran, dass die Bayern-Verantwortlichen um die sportliche Führung Max Eberl und Christoph Freund sowie Trainer Vincent Kompany den 25-Jährigen schon weit vor Beginn der aktuell stattfindenden Weltmeisterschaft in Nordamerika von einem Wechsel zum deutschen Rekordmeister überzeugt hatten.
FC-Bayern-Bosse holten sich von Saibari schon früh die Zusage
"Wir freuen uns sehr, mit Ismael Saibari einen der spannendsten Offensivspieler dieser WM für den FC Bayern gewonnen zu haben", sagte Sportvorstand Eberl zur Verpflichtung: "Solche Transfers entstehen nicht aus dem Moment heraus, sondern aus vorausschauender Arbeit: Entscheidend war, dass wir uns früh bei ihm positioniert haben, weil wir von Ismaels Fähigkeiten wussten und ihm von Beginn an eine konkrete Perspektive bei uns aufzeigen konnten."
Wären die Bayern nicht schon derart früh an Saibari dran gewesen – ein erstes persönliches Gespräch zwischen dem Spieler und Trainer Kompany soll es bereits nach dem direkten Aufeinandertreffen in der Champions League gegeben haben, bei dem der Angreifer gegen die Münchner ein Traumtor erzielte –, wäre der Angreifer für den Rekordmeister wohl kaum noch zu bekommen gewesen.
Schließlich avancierte der 25-Jährige nach einer starken Saison in Eindhoven (19 Tore und neun Vorlagen in 37 Pflichtspielen) auch bei der WM zu einer der großen Entdeckungen. Drei Treffer steuerte er in fünf Spielen bei, zudem versenkte er im Sechzehntelfinale gegen die Niederlande im Elfmeterschießen den entscheidenden Versuch.
Oberschenkelverletzung: WM-Aus für Neu-Bayer Saibari?
Gestoppt wurde Saibari erst beim 3:0-Sieg im Achtelfinale gegen Co-Gastgeber Kanada – und das von seinem eigenen Körper. Nachdem der Oberschenkel zugemacht hatte, musste der Angreifer bereits nach 22 Minuten ausgewechselt werden. Eine genaue Diagnose steht noch aus. Dass für ihn die WM aufgrund der Verletzung frühzeitig beendet ist, ist aber alles andere als ausgeschlossen. Es wäre ein bitterer Rückschlag. Für ihn selbst und die marokkanische Nationalmannschaft, die das weitere Turnier ohne ihren mit Abstand wichtigsten Angreifer bestreiten müsste.

Saibari wurde mit Fehlstellung in den Beinen geboren
Dass Saibari tatsächlich einmal der große Hoffnungsträger eines ganzen Landes werden würde, hatte sich in jungen Jahren überhaupt nicht abgezeichnet. Im Gegenteil: Der heute 25-Jährige wurde mit einer Fehlstellung in seinen Beinen geboren. Nach seiner Geburt zeigten beide Füße extrem nach innen. Als Einjähriger musste er deshalb gut ein Jahr lang orthopädische Schuhe tragen, um die Fehlstellung zu korrigieren. Ihr Sohn werde womöglich nie normal laufen können, sagten die behandelnden Ärzte damals seinen Eltern. An eine Fußballkarriere dachte seinerzeit niemand.
Warum auch? Die Familie hatte ohnehin mit anderen Problemen zu kämpfen. Als der junge Ismael sechs Jahre war, wanderte sie von der Kleinstadt Terrassa nahe Barcelona, wo Saibari 2001 geboren wurde, aufgrund der Wirtschaftskrise nach Belgien aus. Dort ging der spätere WM-Star auch seine ersten fußballerischen Schritte und landete beim Top-Klub RSC Anderlecht – bis er plötzlich rausflog. "Sie sagten mir, ich sei zu fett. Ich glaube, ich war 14. Das hat wehgetan", erinnert er sich heute: "Anderlecht ist einer der großen Klubs und einen Tag vor Beginn der Saison haben sie es mir gesagt. Das war schmerzhaft."
Nach dem Anderlecht-Rauswurf bekam Saibari seine Rache
Zuspruch gab es von den Eltern. Sie sagten ihm, er könne aufgeben oder noch härter arbeiten. Saibari entschied sich für Letzteres - und bekam seine Revanche. "Ich spielte später für Genk gegen Anderlecht. Wir gewannen 4:3, ich schoss ein schönes Tor und wir wurden Meister. Das war meine Rache", sagt er.
Um Profi zu werden, zog es ihn mit 19 Jahren zur PSV. Über die zweite Mannschaft gelang ihm der Sprung in die Eredivisie. Saibari wurde besser und besser – aber nicht fehlerfrei. Im vergangenen Jahr verpasste er das Achtelfinal-Rückspiel in der Champions League gegen den FC Arsenal. Saibari war suspendiert worden, weil er wiederholt zu spät zu Teambesprechungen erschienen war.
Eine Saison später wurde er zum besten Spieler der Liga gewählt, zeigte im offensiven Mittelfeld herausragende Leistungen. Nun also der Wechsel zum FC Bayern als vorläufiger Gipfel seiner Karriere. Der Weg, der ihn dorthin geführt hat, er war nun wirklich kein leichter.