Klopp verteidigt Kimmich-Verzicht: "Ihr wollt ein Thema aufmachen"

Er war nicht da – und doch präsent. Sie haben ohne ihn gespielt, aber man hat ihn ständig mitgedacht im Spiel. Hinterher hat keiner mit ihm geredet, dafür alle über ihn. Das 2:0 der deutschen Nationalmannschaft in München gegen Serbien wird als erster Erfolg des neuen Bundestrainers Jürgen Klopp im dritten Versuch in die DFB-Geschichte eingehen. "Ein perfekter Abend", freute sich der 59-Jährige geradezu diebisch, "ich fühle mich überragend, bin total happy. Wir haben ein Highlight gesetzt."
In einem Länderspiel ohne den Kapitän, der nicht verletzt und nicht gesperrt war: Joshua Kimmich. Für ihn als Beobachter muss es sich wie ein bittersüßer Sieg angefühlt haben. Weil er dabei sein wollte, aber nicht durfte – na ja, nicht sollte. Und so sah sich der etatmäßige Kapitän die Partie von der Tribüne aus an und gratulierte seinen Teamkollegen nach der Partie in der Kabine.
Kimmich wollte beim DFB-Team bleiben, erhielt aber eine Abfuhr
Endlich wieder zurück auf seiner Lieblingsposition im Zentrum der Macht, im defensiven Mittelfeld, sollte Kimmich mit Felix Nmecha vom BVB gegen den tiefen Block der engmaschig verteidigenden Griechen knacken. Gelang nicht, 0:1. Auch die Einwechslung von Regisseur Florian Wirtz half nichts. Alles war verfahren, Wirtz fand nicht ins Spiel, der Karren steckte fest.
Als redlicher Kapitän wollte Kimmich (31) den DFB-Karren aus dem Dreck ziehen. Er durfte nicht. Der Sonderurlaub ging vor Erster-Hilfe-Maßnahme. Kimmich fragte bei Klopp nach und erhielt eine Abfuhr. "Die Familie Kimmich hat jetzt Familienurlaub. Ich hoffe, er macht den auch, um ehrlich zu sein", witzelte Klopp. Bei "BR24" sagte der Bundestrainer: "Er hat tatsächlich ein paar Mal nachgefragt." Mit einem Grinsen fügte der frühere Meistermacher von Borussia Dortmund und dem FC Liverpool hinzu: "Da kann ich Jo nur sagen: Je öfter man fragt, desto weniger wahrscheinlich bekommt man das, was man will." Der kleine Jo, er wollte doch nur spielen.
Klopp beteuert: "Ich wollte ihm keine Message senden"
Als er die negative Wucht seiner Worte mitbekommen hatte, hörte sich Klopp am Abend vor und nach dem Erfolg gegen Serbien auf Kimmichs Fehlen angesprochen ganz anders an. Im ZDF betonte er: "Es ist überhaupt nicht gegen ihn. Es war von vornherein klar, dass er nicht dabeibleiben wird. Und dass er so unbedingt dabeibleiben wollte, zeichnet ihn aus. Ich wollte ihm keine Message senden." Und an anderer Stelle noch einmal Klopp über den nicht anwesenden Kimmich: "Jo hat einen überragenden Eindruck gemacht. Auch Jo Kimmich – das wünsche ich ihm nicht – kann theoretisch verletzt sein. Wir müssen also gucken, was passiert, wenn er nicht da ist. Und wir müssen auch gucken, wie eine Gruppe funktioniert, wenn die ganz großen Köpfe nicht da sind."

Pavlovic (22) und sein Kumpel beim FC Bayern, Tom Bischof (21), beobachteten den zähen Kick gegen Griechenland in Augsburg von der Tribüne aus. Bester Anti-Anschauungsunterricht. Danach stieg das Duo im Rahmen von Kader zwei mit Galopp ins Training ein, durfte in München erstmals gemeinsam im Mittelfeldzentrum auflaufen. Vor "Bischovic" wirbelte Wirtz. Und alles passte. Wirtz brachte auf seiner Idealposition als Zehner Kreativität ins Spiel, ja Glanz. "Die Art und Weise, wie wir spielen wollen, passt zu Flo", sagte Klopp. Dank seiner flinken Füße fiel das 1:0 von Bischof, im Nachschuss. Das 2:0 erzielte der bei Liverpool so heftig kritisierte Wirtz mit einer beinahe artistischen Bewegung auf dem berühmten Bierdeckel. Oans, zwoa, troffa.
Klopp will das Kimmich-Thema medial klein halten
"Ich habe den Jungs gesagt, dass ich noch nie ein Spiel gesehen habe, das schlecht war, wenn das Gegenpressing durch die Decke ging", meinte Klopp freudestrahlend, der die Balleroberungen und die Positionierung im Strafraum lobte. "Darum geht's, dass wir den Mut dazu haben. Dann können wir uns alle Freiheiten und Risiken leisten - wenn wir gemeinsam die Kugel zurückerobern." Klopp war kaum zu bremsen vor lauter Schwärmerei: "Gegen den Ball war es herausragend, und mit Ball haben wir einfach gut Fußball gespielt. Wenn man das macht und Spaß hat, dann kann das so aussehen. Damit machen wir ein Video." Wenn der Bundestrainer seiner Mannschaft dieses Video, Best-of-Szenen aus dem Serbien-Spiel zeigt, ist einer darauf nicht zu sehen: Joshua Kimmich.
Klopp ist schlau genug, in naher Zukunft nicht das Fass aufzumachen, auf den überragenden Mittelfeldspieler, auf dessen ganz spezielle Fähigkeiten und enormen Führungsqualitäten zu verzichten. Am späten Abend verteidigte er Kimmich vehement und verbat sich, dass die Medien ("Ihr wollt ein Thema aufmachen, das kein Thema ist") die Spieler nun gegeneinander ausspielen. Dennoch hat das Spiel gegen Serbien eine Botschaft gesendet. Sie wird bei Kimmich angekommen sein. Unter Klopp muss sich selbst der Kapitän zur Decke strecken.