Klinsmann enthüllt: Wie aus meinem Intimfeind Matthäus mein Freund wurde
AZ: Herr Klinsmann, Lothar Matthäus ist der Fußballer in Ihrer Karriere, mit dem Sie die meisten Spiele bestritten haben. Ob bei Inter Mailand von 1989 bis 1992 oder beim FC Bayern zwei Jahre ab 1995 sowie in all den gemeinsamen Jahren in der deutschen Nationalmannschaft. Am Samstag wird Matthäus 65 Jahre alt. Lassen Sie uns zurückblicken: Wie gut war der Fußballer, der Mittelfeldspieler Lothar Matthäus?
JÜRGEN KLINSMANN: Ich hatte das Glück, Lothar in seiner besten Zeit als Mitspieler zu haben. Ich bin 1987 Nationalspieler geworden und denke, dass er in den Jahren nach der WM 1986 zum weltbesten Spieler wurde. Diego Maradona hatte 1986 in Mexiko seinen Peak, danach ging es leider langsam bergab - was auch mit seinem Lebensstil zu tun gehabt hat. Als ich 1989 vom VfB Stuttgart zu Inter gewechselt bin, konnte ich miterleben, wie Lothar sich auf den Zenit seiner Leistungsfähigkeit gebracht hat. Er war der beste Mitspieler, den ich in meiner Karriere hatte. Ich fand es bewundernswert, mit welcher Dynamik, mit welcher Entschlossenheit, mit welcher Technik und Übersicht er agiert hat. Lothar war ein perfekter Mittelfeldspieler, ein außergewöhnlicher Fußballer.
"Er hatte einen Antritt, der war jenseits von Gut und Böse"
Was konnte Matthäus, der in einem Spiel oft als Sechser, Achter und Zehner zugleich unterwegs war, besser als alle anderen seiner Zeit?
Lothar vereinte alles in seinem Spiel. Er konnte Tore schießen, mit links, mit rechts. Er konnte lange Bälle spielen, konnte das Spiel langsam machen, konnte es schnell machen. Er hatte einen Antritt, der war jenseits von Gut und Böse. Seine ersten zehn Meter - das war brutal. Und bei all seiner Power hatte er immer den Ball am Fuß, dabei stets den Kopf oben. Faszinierend. Wir hatten in Deutschland einen Kapitän, der absolute Weltspitze war.
Matthäus war in seinen Mannschaften immer derjenige, der vorangegangen ist. Hat sich das schon früh bei ihm gezeigt?
Ich denke, das steckte schon immer in ihm drin. Wir waren eine Generation, die das von der Straße mitbrachte. Die Hierarchie untereinander war wichtig, der interne Wettkampf. Du wolltest dich stets messen, wolltest auch später im Verein nie eine langweilige Trainingseinheit haben, wolltest immer gewinnen. Manchmal war ein Trainingsspielchen wichtiger als die Bundesliga am Wochenende. Versessenheit pur. Und aus dieser Versessenheit wuchs der Anspruch nach Anerkennung innerhalb der Mannschaft. Führungsspieler sein zu wollen, das hat ihn angetrieben. Er wollte der Leader sein, der Chef sein. In all den Jahren, in denen ich ihn erleben durfte, war er das auch - ohne Wenn und Aber. Man kann echt nur den Hut ziehen vor ihm.
Manchmal war ein Trainingsspielchen wichtiger als die Bundesliga am Wochenende.
FC Bayern: Matthäus war Mode immer wichtig
Was war – positiv gemeint – Matthäus' größter Tick, seine größte Macke? Die Mode?
In Sachen Mode ist Lothar immer mit der Zeit gegangen, das fand ich beeindruckend. Er wollte stets wissen: Was gibt es Neues? Gerade in Italien war es besonders wichtig, wie die Spieler sich kleiden – für sie selbst und die Öffentlichkeit. In unserer Mannschaft bei Inter hatten wir Persönlichkeiten wie Walter Zenga, den Torwart. Jeden Donnerstag führte er durch seine eigene TV-Sendung und lud Mitspieler ein, auch vom Stadtrivalen AC Mailand. Da wollte man sich gut präsentieren, gut aussehen. Ich werde nie vergessen, wie Walter mal einen Spruch gemacht hat über meine weißen Sportsocken (lacht).
Für Matthäus damals sicher auch ein No-Go.
Mir waren die Socken absolut egal. Lothar war immer unglaublich neugierig und vor allem offen für Neues. Er hat jeden Trend aufgesaugt. Wie man sich kleidet, wie die Dinge zueinander passen müssen und aufeinander abgestimmt sind. Das hat er auch gelebt. Ich war und bin das Gegenteil, ziehe das Einfache vor. Bei mir waren T-Shirt, Jeans und Turnschuhe angesagt. Heute noch. Für viele sicher total langweilig.

Matthäus und Klinsmann waren bei Inter "gefühlt die Ersten, die ein Handy hatten"
Und dann kamen die ersten Handys. Für Vieltelefonierer Lothar ein Segen.
Stimmt, ab diesem Zeitpunkt klebte das Handy praktisch stets an ihm dran (lacht). Ich glaube, er ist keiner, der sich in E-Mails verliert oder zu lange am Computer sitzt. Wir waren übrigens damals bei Inter gefühlt die Ersten, die ein Handy hatten. Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre war das in Deutschland noch gar kein großes Thema. Als ich nach Mailand kam, hatten dort fast alle schon Handys. Ich habe gesagt, ich kaufe mir doch kein Handy! Ein Dreivierteljahr verging bis ich mir dann so ein Nokia-Ding gekauft habe.
Oh ja, diese Knochen! Auch ich habe mir damals gedacht: Hat doch eh keine Zukunft, das Zeug!
Eben. Und mein Gedanke war: Wenn ich kein Handy habe, kann mich auch keiner erreichen. Lothar war auf dem Gebiet immer an vorderster Front. Er wusste immer, welches das neueste Modell war, wann es auf den Markt kam.

Zu den Bayern-Zeiten schepperte es zwischen Klinsmann und Matthäus
Mitte der 90er Jahre kam es zwischen Ihnen und Matthäus zum großen Zoff. Als der FC Bayern zum FC Hollywood wurde, haben sie sich miteinander verkracht und in den Medien gegenseitig übereinander hergezogen. Wann und wie fand die Versöhnung statt?
Wenn wir zu zweit zusammensaßen und uns unterhalten haben, hatten wir nie Probleme miteinander. Wir haben uns respektiert, vor allem auf dem Platz, hatten aber auch daneben unseren Spaß. Klar, zu unseren Bayern-Zeiten hat es in der Kabine hier und da mal gescheppert. Aber das gehört auch dazu. Dass wir uns wirklich zoffen, das wurde stets von außen herangetragen. Und das hat dann unser Verhältnis gedämpft. Irgendwann im Laufe der Zeit nach der Karriere haben wir uns gefragt: Was war eigentlich damals mit uns los? Was sollte denn der ganze Schmarrn? (lacht) Und plötzlich hat sich das komplett beruhigt, wir schätzen uns gegenseitig sehr.
Heute sind sie regelmäßig in Kontakt, spielen bei den Legenden der Bayern miteinander Hallenturniere für den guten Zweck.
Ja, wir freuen uns immer, wenn wir uns sehen. Wir sind ständig in Kontakt, schicken uns SMS hin und her, sind so auf dem neuesten Stand über das jeweilige Privatleben. Im Nachhinein frage ich mich auch: Was war damals, vor allem in unserer Zeit bei Bayern, eigentlich los, dass es da immer so gebebt hat?
Klar, zu unseren Bayern-Zeiten hat es in der Kabine hier und da mal gescheppert. Aber das gehört auch dazu.
Kinsmann sieht bei DFB-Team viel Qualität
Noch ein Blick Richtung WM im Sommer vor all den Testländerspielen jetzt im März. Was kann die deutsche Nationalelf bei diesem Turnier erreichen?
Wir haben eine hochqualitative Auswahl von Spielern. Eine Mannschaft, die mit allen anderen absolut mithalten kann. Aber es liegt an ihnen. In wieweit wollen sie den ganz großen Coup landen? Können sie sich gemeinschaftlich zusammenraufen? Können sie intern eine gute Stimmung aufbauen? In diesem Team steckt so viel Qualität und die braucht von der Führungsebene her eine starke Hand – wie wir damals bei der WM 1990 als uns Franz Beckenbauer zum Titel geführt hat. Aber ja, das kann was werden. Ich bin davon überzeugt: Wir können Weltmeister werden.
