"Ist für mich nicht einfach zu verkraften": Sprachrohr Kimmich wird auf DFB-Pressekonferenz emotional

Es gibt im Training der Nationalmannschaft keinen Spieler, der so motiviert bei der Sache ist wie Joshua Kimmich. Schon während des Aufwärmens beim Kreisspiel Fünf gegen Zwei jagt der Kapitän jedem Ball hinterher, er jubelt, wenn er ihn erobert hat – und er flucht, wenn er ihn verliert. Oder wenn seine Mitspieler ihn verlieren. "Junge, du schläfst, Mann!", ruft Kimmich dann schon mal über den Platz im Spray Soccer Stadium der Lake Forest University. Das schärft die Sinne, jetzt sind alle bereit für die Einheit. Dank Kimmich, dem Scharfmacher.
Kimmich wohl mit seiner letzten Chance bei einer WM
Das "Gewinnen-Wollen" schätzt Bundestrainer Julian Nagelsmann besonders an seinem Spielführer, zu dem er auch privat einen engen Kontakt sei. Kimmich sei ein "Vorbild für extrem viele Jungen und Mädchen, die Fußball spielen, weil du immer mit positivem Ehrgeiz vorangehst." Das kann anstrengend sein für Kimmichs Teamkollegen, doch es dient letztlich nur einem Ziel: erfolgreich zu sein. Das war der 31-Jährige mit der Nationalmannschaft bislang nicht.
Bei den Weltmeisterschaften 2018 und 2022 schied Kimmich mit dem DFB-Team jeweils schon in der Vorrunde aus, die Blamage in Katar vor vier Jahren war für den Bayern-Star "der schwierigste Tag meiner Karriere", wie er sagte: "Das ist für mich schon nicht einfach zu verkraften, weil ich persönlich mit dem Misserfolg in Verbindung gebracht werde." Umso größer ist bei dieser WM der Druck, es weit zu schaffen – im Idealfall am 19. Juli den goldenen Pokal in die Luft zu heben. Es wäre die Krönung für Kimmich, der mit dem FC Bayern alles gewonnen hat. Und wohl die letzte Chance bei einer WM für Spieler wie ihn, Leon Goretzka oder Antonio Rüdiger.
"Brauchen das Selbstbewusstsein, dass wir jeden schlagen können"
Doch der Kapitän weiß, dass Deutschland diesmal nicht zu den ersten Anwärtern auf den Titel zählt. "International hast du gefühlt Spanien, Frankreich, Portugal, die es in den letzten Jahren konstant sehr gut gemacht haben und auch Turniere gewonnen haben. Da sind wir hintendran, auch im direkten Vergleich haben wir zuletzt gegen sie verloren", sagte Kimmich. Gleichzeitig sei man "in einem Turnier und brauchen das Selbstbewusstsein, dass wir jeden schlagen können – denn das können wir definitiv."
Dafür braucht es Kimmich in Bestform, von seiner Position als Rechtsverteidiger aus ist er der erste Spielmacher, der seine Mitspieler mit klugen Pässen und Flanken bedient. Wie beim 1:0 im Test gegen die USA durch Kai Havertz. Man merkt Kimmich an, dass er auf dieses Turnier brennt, dass er so viel investiert wie noch nie.
Kimmich diskutiert nach dem Training noch 20 Minuten mit Nagelsmann auf dem Platz
Nach dem öffentlichen Training vor 3.000 Zuschauern stand er auf dem Platz noch fast 20 Minuten mit Nagelsmann zusammen, beide diskutierten, gestikulierten, lachten. "Jo ist der Fahnenträger, das Sprachrohr", sagte Sportdirektor Rudi Völler: "Dieser Rolle wird er absolut gerecht." Kimmich sei "bei vielen wichtigen Entscheidungen eingebunden", ergänzte Völler. "Das ist auch richtig so."

Das deutsche Team schwört sich ein auf eine – hoffentlich – erfolgreiche WM. Die braucht Kimmich genauso wie Nagelsmann.