Interview

"Irgendwann muss Schluss sein": FC-Bayern-Legende Augenthaler geht in Rente

Jahrelang hat sich Klaus Augenthaler als Trainer um die Global Academy des FC Bayern gekümmert. Nun geht er in Ruhestand: "Ich habe auch einen kleinen Sohnemann, der gerne Fußball spielt."
von  Kilian Kreitmair
Geht in Ruhestand: Klaus Augenthaler, hier mit Ehefrau Sandra.
Geht in Ruhestand: Klaus Augenthaler, hier mit Ehefrau Sandra. © IMAGO

AZ: Eine der beliebtesten Bayern-Legenden verlässt die Fußballbühne. Wie kam es zu dem Entschluss?
KLAUS AUGENTHALER: (lacht) Ich habe lange überlegt. Aber irgendwann muss auch mal Schluss sein. Ich gehe bald auf die 70 zu. Auch wird mir die Fahrerei einfach zu viel.

Augenthaler wird dem FC Bayern treu bleiben

Worauf freuen Sie sich im Ruhestand am meisten?
Ich lasse alles auf mich zukommen. (lacht) Ich werde dem FC Bayern natürlich treu bleiben und bei Legendenspielen bin ich weiterhin gern dabei. Ansonsten werde ich bei mir daheim ein bisschen trainieren, um mich fit zu halten. Ich habe auch einen kleinen Sohnemann, der gerne Fußball spielt. Mit ihm werde ich sicher viel unternehmen.

Sie waren bis zuletzt Trainer der Global Academy des FC Bayern. Was war die Kernbotschaft, die Sie den Spielern mit auf den Weg gegeben haben?
Dass Fußball ein Mannschaftssport ist. Am Anfang waren immer wieder Spieler dabei, die im Eins-gegen-eins gut waren, aber sie haben es selbst bei vier Gegenspielern alleine probiert. Wir haben die Mannschaft da schon verbessert und zu einem Team geformt. Keiner allein wird ein Spiel gewinnen.

Auf einmal hatte ich Mitspieler wie Franz Beckenbauer, Gerd Müller und Sepp Maier. Die hatte ich vier Wochen zuvor noch im Fernsehen gesehen.

Klaus Augenthaler

Schwan holte Augenthaler zu den Profis

Sie kamen selbst als junges Talent zum FC Bayern. 
Manager Robert Schwan hat mich nach meinem Probetraining damals direkt auf die Bank bei den Profis gesetzt, obwohl ich eigentlich gerne in der A-Jugend gespielt hätte. Ich war damals erst 17 Jahre alt. Auf einmal hatte ich Mitspieler wie Franz Beckenbauer, Gerd Müller und Sepp Maier. Die hatte ich vier Wochen zuvor noch im Fernsehen gesehen. Das muss man sich mal vorstellen.

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Wie kann man sich das Probetraining vorstellen?
Dieses Gefühl kann man gar nicht beschreiben. Auf einmal stehst du mit Beckenbauer, Müller und Maier auf dem Platz. Ich wusste gar nicht, wie ich das geschafft habe. Ich weiß auch noch, dass Co-Trainer Werner Olk nach dem ersten von drei Probetrainingstagen zu mir meinte: „Klaus, so geht es nicht. Du musst schon die Ellenbogen ausfahren, sonst kannst du gleich wieder nach Hause gehen.“ Dann habe ich mal den Jupp Kapellmann ordentlich weggegrätscht. Ich habe danach einen roten Kopf bekommen, weil ich dachte, ich bekomm jetzt einen Anschiss. (lacht) Aber Olk hat den Daumen gehoben. Dann habe ich es zehn Minuten später gleich nochmal gemacht.

Kam als junger Bursche zum FC Bayern: Klaus Augenthaler, hier mit Dieter Hoeneß.
Kam als junger Bursche zum FC Bayern: Klaus Augenthaler, hier mit Dieter Hoeneß. © IMAGO

Augenthaler war eigentlich Stürmer 

Sie spielten auf der Beckenbauer-Position, waren also Libero. 
Dass ich Libero wurde, hat sich erst ergeben. Ich war eigentlich Stürmer. Aber ich habe gemerkt, dass ich an Gerd Müller nicht vorbeikomme. Und das, obwohl ich mich bei jedem Training reingehängt habe.

Haben Sie sich als Libero den Beckenbauer als Vorbild genommen? 
Nein, überhaupt nicht. Mir war klar, dass ich an Franz Beckenbauer nicht rankomme. Selbst im Training habe ich den Zweikampf mit ihm nicht gesucht. Ich habe mich auch nicht getraut, ihn abzuräumen – wobei ich ihn sowieso nicht erwischt hätte. (lacht)

Aber als ich dann beim FC Bayern gespielt habe, habe ich den BVB schnell vergessen.

Klaus Augenthaler

Bayern-Legende war einst BVB-Fan

Können Sie sich noch an Ihr Profidebüt erinnern? 
Das weiß ich noch genau. In der Nacht vor dem Spiel gegen Dortmund kam Dettmar Cramer auf mein Zimmer und hat mir mitgeteilt, dass ich spielen darf. Ich konnte dann gar nicht einschlafen. Ich habe mir nur die ganze Zeit gedacht: Mein Traum wird erfüllt. Ich war großer Dortmund-Fan.

Woher kam das?
Mein Freund hat ausgesehen wie Lothar Emmerich und ich habe ausgesehen wie Siegfried Held. Aber als ich dann beim FC Bayern gespielt habe, habe ich den BVB schnell vergessen. Ich habe sogar in dem Spiel mit meinen 17 Jahren ein Tor geschossen und einen Elfmeter rausgeholt.

Spielten damals für Borussia Dortmund: Sigfried Held (re.) und Lothar Emmerich.
Spielten damals für Borussia Dortmund: Sigfried Held (re.) und Lothar Emmerich. © IMAGO

Lattek ernannte Augenthaler zum Kapitän

Sie wurden 1984 Kapitän des FC Bayern. Wie stolz waren Sie?
Udo Lattek hat bestimmt, dass ich Kapitän werde. Ich habe da anscheinend gute Leistungen gebracht. Ich habe es aber zunächst abgelehnt, weil ich nicht der Älteste war. Ich habe dann aber mit den anderen Spielern gesprochen und die standen mir zur Seite. Am Ende war es schon etwas Besonderes, als ich das erste Mal die Kapitänsbinde tragen durfte.

Sie wollten nie vom FC Bayern weg und Manager Uli Hoeneß wollte Sie immer behalten. Gab es damals überhaupt Vertragsgespräche?
Es gab kaum Gespräche. (lacht) Ich hatte immer einen Jahresvertrag und Hoeneß wollte immer verlängern. Ich musste ihm dann immer meine Vorstellungen mitteilen. Einmal war es der Fall – ich war da schon Kapitän – dass ich ihm meine Forderungen gesagt habe und er meinte dann nur: "Das kannst du gleich vergessen. Dann kannst du dir einen neuen Verein suchen." Ich habe dann anstandshalber drei Tage darüber nachgedacht, aber wusste schon beim Heimfahren, dass ich meine Vorstellungen zurückziehe. Ich wollte ja nicht weg. Am Ende habe ich also immer das unterschrieben, was mir Hoeneß vorgelegt hat.

Am Ende habe ich immer das unterschrieben, was mir Hoeneß vorgelegt hat.

Klaus Augenthaler

Partykeller wurde zum beliebten Ort für den FC Bayern

Was hat den FC Bayern so besonders gemacht, dass Sie nicht wegwollten?
München war von meiner Heimat nicht so weit weg wie Dortmund. (lacht)

Es war die Vorzeit des FC Hollywood. Statt Party im P1 standen bei Ihnen Kartennächte in Ihrem Partykeller in Vaterstetten an. Wie kam es dazu?
Als ich Kapitän wurde, lief es nicht so, wie ich mir das vorgestellt habe. Weil ich ja doch Verantwortung habe, habe ich zwei, drei Spieler gefragt, ob wir uns nicht mal treffen wollen, um die Probleme anzusprechen. Das haben wir dann bei mir im Partykeller ein oder zweimal gemacht. Das war ganz gut für die Jungs. Da sind wir zusammengewachsen.

Auf der Wiesn: Brian Laudrup, Thomas Kastenmaier, Klaus Augenthaler und Raimond Aumann.
Auf der Wiesn: Brian Laudrup, Thomas Kastenmaier, Klaus Augenthaler und Raimond Aumann. © IMAGO

Augenthaler fing während Bayern-Zeit mit dem Rauchen an

Der Partykeller war also die Hauptzentrale?
Für die Mannschaft schon. Da haben wir Tacheles geredet.

Damals waren das Weißbier und die Zigaretten treue Wegbegleiter. Wäre eine solche Karriere ohne möglich gewesen?
(lacht) Doch, sicherlich schon. Ich war eigentlich absolut gegen das Rauchen. Ich habe damit angefangen, als ich zum FC Bayern kam. Wir hatten zwei, drei Spieler bei den Profis, die geraucht haben. Die haben mir immer wieder eine Zigarette angeboten. Ich habe das auch erstmal abgelehnt und irgendwann habe ich eine genommen, dass ich dazugehöre. Sechs Wochen später habe ich mir schon die erste Schachtel gekauft.

Ich wollte eigentlich mit der Mannschaft ein Frustbier trinken.

Klaus Augenthaler

Beckenbauer überredete Augenthaler zu WM-Teilnahme 

Sie wurden unter anderem sieben Mal deutscher Meister, sind Weltmeister. Gab es ein Ziel, das Sie gerne noch erreicht hätten?
Ich denke immer wieder darüber nach. Ich habe es zwei Mal verpasst, den Europapokal der Landesmeister zu holen. Im Finale 1982 in Rotterdam gegen Aston Villa hatte ich zwei oder drei Chancen. Und dann war ich auch noch am 0:1 beteiligt, weil ich einen Stellungsfehler gemacht habe. Wir haben am Ende verloren, obwohl wir die beste Mannschaft waren. Dann wurde ich zur Dopingkontrolle ausgewählt. Ich habe zwei oder drei Stunden gebraucht, bis ich das abliefern konnte. Ich wollte eigentlich mit der Mannschaft ein Frustbier trinken. (lacht) Später haben wir dann einige Bierchen getrunken, bis wir das verdaut hatten.

Was war der größte Erfolg Ihrer Karriere?
Das war die Weltmeisterschaft in Italien. Ich wollte damals eigentlich nicht nach Italien, weil ich noch kleine Kinder hatte und verletzt war. Beckenbauer hat mich überredet. Ich war in der Vorbereitung dann mehr auf der Massagebank als auf dem Trainingsplatz. Aber Beckenbauer hat an mich geglaubt und der Physiotherapeut hat mich hingebracht.

Darf sich Weltmeister nennen: Klaus Augenthaler.
Darf sich Weltmeister nennen: Klaus Augenthaler. © IMAGO

Augenthaler wollte keine Pause einlegen

Sie haben 1991 die Karriere beendet und wurden sofort Jugendtrainer und später Co-Trainer beim FC Bayern. Wollten Sie keine Pause einlegen?
Das war für mich keine Überlegung. Für mich gab es nur den FC Bayern. Ich habe keine Pause gebraucht.

Ihre Cheftrainer waren Jupp Heynckes, Sören Lerby, Erich Ribbeck, Franz Beckenbauer, Giovanni Trapattoni und Otto Rehhagel. Wer hatte die größten Eigenheiten?
Jeder für sich war speziell. Aber um einen Trainer herauszugreifen: Trapattoni war vom Fachlichen her super. Es ist aber nicht so gelaufen, wie er sich das vorgestellt hat. Die Spieler haben dann mehr oder weniger gesagt, dass es daran liegt, dass er nicht gut Deutsch spricht. Aber was er ihnen gesagt hat, haben sie eigentlich schon verstanden. Sie haben ihm einfach die Schuld zugeschoben.

Es lief damals nicht mehr und ich habe versucht, mit der Presse gut auszukommen.

Klaus Augenthaler

Legendäre Pressekonferenz von Augenthaler 

Sie haben beim VfL Wolfsburg eine legendäre 42-Sekunden-Pressekonferenz gegeben. Haben Sie sich das bei Trapattoni abgeschaut?
Nein, das habe ich mir nicht bei Trapattoni abgeschaut. (lacht) Meinen damaliger Co-Trainer hat mich auf diese Idee gebracht. Es lief damals nicht mehr und ich habe versucht, mit der Presse gut auszukommen. Aber sie haben mich mehr oder weniger abgeschossen. Nachdem mir klar war, dass es mein letztes Spiel ist, habe ich dann die Fragen und Antworten selbst gegeben. Es war schon lustig. (lacht)

Werden Sie sich im Ruhestand solche Videos aus den alten Zeiten anschauen?
Nein, sowas mache ich nicht. Ich habe ein paar Erinnerungen, die schön sind, aber ich muss mir nicht mehr alte Videos anschauen. Ab und zu bekomme ich über WhatsApp noch ein Video von Toren. Das finde ich ehrenwert, dass die Leute an mich denken. Ich bekomme auch noch viel Autogrammpost, zum Teil aus China. Das ist eine Wertschätzung.

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