Interview

"In solchen Situationen auch als Mensch gefragt": Weltmeister warnt Kompany vor schwerer Situation beim FC Bayern

Vom designierten Bundestrainer ist Jürgen Kohler schwer angetan. In der AZ spricht der Weltmeister von 1990 über die deutsche Fußballkultur, Verantwortungsträger und Kompanys Vertrauen.
von  Reinhard Franke
Beginnt am 20. Juli die Saisonvorbereitung mit dem FC Bayern: Trainer Vincent Kompany.
Beginnt am 20. Juli die Saisonvorbereitung mit dem FC Bayern: Trainer Vincent Kompany. © IMAGO

AZ: Herr Kohler, Rudi Völler hat nach dem Aus von Julian Nagelsmann offenbar kurz überlegt, ebenfalls hinzuschmeißen - macht nun aber weiter. Wie wichtig ist Völlers Verbleib?
JÜRGEN KOHLER: Das ist ein ganz wichtiges Zeichen. Rudi ist jemand, der den deutschen Fußball lebt. Er hat eine enorme Erfahrung, kennt den DFB, kennt den Druck und weiß, worauf es bei einer Nationalmannschaft ankommt. Gerade in schwierigen Phasen brauchst du Menschen, die nicht weglaufen, sondern Verantwortung übernehmen.

Welche Rolle spielt es, dass sich Völler offenbar auch mit Jürgen Klopp ausgetauscht hat?
Das zeigt, welches Standing Jürgen Klopp hat. Wenn Klopp spricht, hören die Leute zu. Er hat eine besondere Gabe, Menschen mitzunehmen. Solche Persönlichkeiten sind für den deutschen Fußball enorm wertvoll.

Für mich wäre Klopp der perfekte Mann. Er bringt vieles mit, was Deutschland wieder braucht: Leidenschaft, Klarheit und Emotionen. 

Jürgen Kohler

Kohler über Klopp: "Er erreicht Menschen"

Viele Fans träumen von Klopp als Bundestrainer. Für viele wäre er der Wunschkandidat.
Absolut. Für mich wäre Klopp der perfekte Mann. Er bringt vieles mit, was Deutschland wieder braucht: Leidenschaft, Klarheit und Emotionen. Er ist fachlich überragend, aber noch wichtiger: Er erreicht Menschen. Bei einer Nationalmannschaft geht es nicht nur um Taktik. Du musst Spieler begeistern, ihnen eine Idee geben und ein Wir-Gefühl erzeugen. Klopp könnte dieses Feuer entfachen.

Aber nur mit Motivation und Handauflegen wird es auch für einen Jürgen Klopp nicht gehen, oder?
Nein, natürlich nicht. Jürgen ist ein außergewöhnlicher Motivator, aber auch er kann keine Wunder vollbringen. Es geht nicht darum, ein paar Sprüche zu machen - und plötzlich läuft alles wieder. Er müsste eine neue Kultur schaffen. Wir müssen wieder dahin kommen, dass ein Gegner sagt: Gegen Deutschland spiele ich nicht gerne. Früher war das unser Markenzeichen. Du konntest uns schlagen – aber du musstest leiden. Talent haben wir genug. Aber Talent gewinnt keine großen Titel. Charakter, Widerstandsfähigkeit und die Bereitschaft, füreinander Meter zu machen – das entscheidet.

Wurde 1990 mit Deutschland Weltmeister: Jürgen Kohler.
Wurde 1990 mit Deutschland Weltmeister: Jürgen Kohler. © IMAGO

"Aber Talent allein reicht auf höchstem Niveau nicht aus"

Sie sind 1990 Weltmeister geworden. Was fehlt der deutschen Nationalmannschaft aktuell am meisten?
Entscheidend ist, dass wir wieder eine klare Identität entwickeln. Deutschland war immer dann stark, wenn jeder wusste, wofür diese Mannschaft steht: Zusammenhalt, Mentalität, Leidenschaft und die Bereitschaft, alles für den Erfolg zu investieren. Qualität haben wir. Aber Talent allein reicht auf höchstem Niveau nicht aus.

Toni Kroos sagt: "Wir haben aktuell keinen einzigen Weltklassespieler." Lothar Matthäus fordert einen radikalen Umbruch. Teilen Sie diese Einschätzung?
Ich verstehe, was Toni meint. Weltklasse ist kein Talentversprechen. Weltklasse bedeutet: Du entscheidest die größten Spiele gegen die besten Gegner – immer wieder. Das ist ein Unterschied. Aber wir dürfen unsere Spieler auch nicht kleiner machen, als sie sind. Ein radikaler Umbruch klingt immer gut, aber es geht nicht darum, zehn Leute rauszuwerfen. Es geht darum, die richtigen Charaktere zu finden. Wir brauchen Spieler, die Verantwortung suchen und sich nicht verstecken. Spieler, die nach einer Niederlage nicht nur sagen: 'Wir müssen daraus lernen' – sondern die dafür sorgen, dass es nicht wieder passiert. Früher hatten wir nicht elf Künstler auf dem Platz. Aber wir hatten elf Leute, die gewinnen wollten. Diese Gier muss zurück.

Weltklasse bedeutet: Du entscheidest die größten Spiele gegen die besten Gegner – immer wieder.

Jürgen Kohler

Kohler über den Job als Bundestrainer: "Jedes Wort hat Gewicht" 

Rudi Völler hat anklingen lassen, dass auch die Kommunikation eines Bundestrainers eine wichtige Rolle spielt. Wie wichtig ist die Außenwirkung?
Extrem wichtig. Als Bundestrainer geht es nicht nur darum, ein guter Fachmann zu sein. Du bist das Gesicht des deutschen Fußballs. Jedes Wort hat Gewicht. Deshalb muss man ein Gefühl dafür entwickeln, wann man was sagt und welches Signal man damit an Mannschaft, Fans und Öffentlichkeit sendet.

Bei Julian Nagelsmann wurde zuletzt auch über ein privates Foto diskutiert, das ihn beim Radfahren mit seiner Freundin Lena zeigte. Zeigt so etwas, wie sensibel die Außenwirkung eines Bundestrainers in schwierigen Phasen ist?
Natürlich hat auch ein Bundestrainer ein Privatleben, und das muss man respektieren. Darum geht es gar nicht. Aber dieses Amt ist besonders. Du bist nicht nur Trainer, du repräsentierst den deutschen Fußball. Da wird jedes Bild, jede Aussage und jedes Signal wahrgenommen. Gerade wenn es sportlich nicht läuft, entsteht eine andere Sensibilität. Dinge, die bei Erfolg keine Rolle spielen, werden plötzlich diskutiert. Deshalb braucht ein Bundestrainer ein gutes Gespür für den richtigen Moment und die Wirkung nach außen. Am Ende zählt aber immer die Leistung auf dem Platz.

Bleibt dem DFB erhalten: Rudi Völler.
Bleibt dem DFB erhalten: Rudi Völler. © IMAGO

"Einen verschossenen Elfmeter bei einer WM schüttelst du nicht einfach ab"

Ein Bayern-Spieler, der die Enttäuschung direkt mit in die neue Saison nehmen könnte, ist Jonathan Tah. Sein verschossener WM-Elfmeter dürfte ihn noch beschäftigen.
So ein Moment tut natürlich weh, keine Frage. Einen verschossenen Elfmeter bei einer WM schüttelst du nicht einfach ab. Aber Jonathan Tah ist ein gestandener Profi, der schon viel erlebt hat. Wichtig ist, dass man sich nicht über diese eine Szene definiert. Im Fußball bekommst du immer wieder die Chance, eine Antwort zu geben. Solche Rückschläge können einen Spieler am Ende auch stärker machen.

Ist Vincent Kompany jetzt besonders als Psychologe gefragt?
Ja, auf jeden Fall. Der Trainer ist in solchen Situationen auch als Mensch gefragt. Vincent Kompany weiß aus seiner eigenen Karriere, wie man mit Druck und Enttäuschungen umgehen muss. Er muss Jonathan das Gefühl geben: Wir vertrauen dir, du bist wichtig für diese Mannschaft. Manchmal hilft genau diese Rückendeckung mehr als jede taktische Ansprache.

Für große Diskussionen sorgt auch der Fall Balogun. Gianni Infantino hat sich dazu bislang nicht geäußert. Wie bewerten Sie das?
Ich sage ganz klar: Solche Situationen sind gefährlich für den Fußball. Nicht wegen einer einzelnen Karte, sondern wegen der Botschaft, die entsteht. Wir haben heute den VAR, wir haben mehr technische Möglichkeiten als je zuvor. Trotzdem brauchen wir klare Linien und Mut zu Entscheidungen. Wenn Spieler, Trainer und Fans das Gefühl bekommen, dass Regeln unterschiedlich ausgelegt werden, verlieren wir das Wichtigste: Vertrauen. Ich habe mein Leben lang Zweikämpfe geführt. Genau deshalb weiß ich: Spieler akzeptieren harte Entscheidungen - aber sie müssen nachvollziehbar sein. Entscheidend ist, dass der Maßstab für alle gleich ist. Und was die Verantwortlichen betrifft: Wenn man über Fair Play und Respekt spricht, dann muss man auch in solchen Momenten Stellung beziehen. Schweigen hilft dem Fußball nicht weiter.

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