"Idealste Zeitpunkt für mein letztes Spiel": Stadionsprecher Lehmann kann sich 2028 Ende beim FC Bayern vorstellen
AZ: Herr Lehmann, mehr als 1000 Spiele des FC Bayern haben Sie in Ihrer Zeit als Stadionsprecher begleitet. Unzählige Tore angesagt, den Fans Trost ausgesprochen. Gezittert, gejubelt, gelitten. Im August 1996 war es, als Sie Ihre Premiere am Mikrofon feiern durften. An einem Mittwochabend im Olympiastadion – beim Heimspiel gegen den VfL Bochum. Jetzt mal Hand aufs Mikrofon: Wie nervös waren Sie?
STEPHAN LEHMANN: Schon ziemlich (lacht). Markus Hörwick, damals Pressesprecher des FC Bayern, ist mit mir vor die Südkurve gegangen und hat mich vorgestellt. Das war sehr nett von ihm, das hat mir geholfen. Die Fans in der Südkurve haben applaudiert, meinen Namen gerufen. Denn ich war ja – und das war mein großer Vorteil – einer der Ihren.
Mutter von Lehmann hatte nichts mit Fußball am Hut
Sie waren selbst zig Jahre in der Kurve gestanden, als Mitglied des Fanclubs FC Bayern Ottenhofen.
Damals habe ich mit meiner Mutter in Erding gewohnt und war eine Zeit lang im Fanclub Ottenhofen, das liegt da bei Markt Schwaben, wo ich zur Schule gegangen bin. Ich hatte das große Glück, dass ich, 1962 geboren, als Jugendlicher die große Zeit der Bayern Mitte der 70er Jahre mit den drei Triumphen im Europapokal der Landesmeister mitbekommen habe. Das hat mich geprägt. Meine Eltern waren getrennt, und meine Mutter hat mit Fußball überhaupt nichts am Hut, gar nichts. Also bin ich mit ein paar Freunden, wir waren meist zu dritt oder zu viert, ins Olympiastadion, in die Südkurve. Die Stehplatzkarte für Jugendliche hat damals zwei Mark gekostet, zwei! Ich hatte mir die ganze Woche überlegt: Wo kriege ich jetzt zwei Mark her? Ich habe meine Mutter angebettelt und um drei Mark gebeten, damit ich mir am Stadion noch eine Wurstsemmel kaufen konnte. Dann bin ich losgezogen mit einer Jeansweste, auf die meine Mama mir die Bayern-Embleme aufgenäht hat. Eine geile Zeit.
Ich hatte das große Glück, dass ich, 1962 geboren, als Jugendlicher die große Zeit der Bayern Mitte der 70er Jahre mit den drei Triumphen im Europapokal der Landesmeister mitbekommen habe.
Was sich die Leute heute nicht mehr vorstellen können: Das Olympiastadion war Mitte bis Ende der 70er Jahre bei Weitem nicht immer ausverkauft. Man konnte sich am Samstagmorgen beim Frühstück überlegen: Gehen wir heute mal wieder zu den Bayern?
Ja, der Wahnsinn. Du bist hingefahren mit der U-Bahn, hast dich an der Tageskasse angestellt, kurz ein paar Minuten gewartet und hattest dein Ticket für zwei Mark. Das kannst du heute niemandem von den Jüngeren erzählen, glaubt dir ja keiner (lacht). Das hat mich sozialisiert, mir große Freude bereitet. Ich mag einfach Fußball, den Sport und mochte diese Gemeinsamkeit in der Südkurve. Du warst Teil einer großen Clique. Man hat sich auf die Heimspiele alle zwei Wochen richtig gefreut.

Stadionsprecher des FC Bayern war im Pokalfinale gegen Nürnberg dabei
Waren Sie auf Auswärtsfahrten dabei?
Anfangs nicht. Ich war 1982 im Frankfurter Waldstadion beim legendären DFB-Pokalfinale gegen den 1. FC Nürnberg, als Dieter Hoeneß wegen seiner blutenden Platzwunde einen Turban tragen musste und mit diesem Ding das Tor zum 4:2-Endstand geköpft hat. Im selben Monat – und das werde ich nie vergessen – war ich beim Europacup-Finale der Landesmeister in Rotterdam gegen Aston Villa, diese bittere 0:1-Niederlage. Mittlerweile hatten wir alle den Führerschein und sind los mit einem smaragdgrünen Audi 80. Eine Kiste von meinem Freund Xaver, der den Wagen von seinem Papa geliehen bekam. Jeder hatte ungefähr 20 Mark in der Tasche, übernachtet haben wir in Amsterdam in irgendeiner Jugendherberge, wo dir die Kakerlaken über die Bettdecke gelaufen sind. Aber da hat’s halt bloß drei Mark pro Nacht gekostet. Das war uns wurscht – uns ging’s ums Dabeisein.
Wenn man nach etwas aus den alten Zeiten fragt, muss ich nicht googeln.
Aufgrund all dieser Erlebnisse und Geschichten kam die Akzeptanz der Fans in der Südkurve, als der 32-jährige Stephan, früher im Fanclub, plötzlich mit dem Mikrofon vor Ihnen stand.
Ja, ich denke schon. Weil mich viele noch kannten. Wenn man nach etwas aus den alten Zeiten fragt, muss ich nicht googeln. Ich habe vieles selbst erlebt. Das ist natürlich unfassbar viel wert. Ich denke, das macht mich authentisch. Stichwort Glaubwürdigkeit.
Lehmanns Karriere begann mit Moderation einer Morningshow
Wie kam es dazu, dass der Radiomoderator Lehmann zu Bayerns Stadionsprecher wurde?
Im April 1984 ging es los mit den Privatradiostationen in München, der Startschuss für den Beginn der privaten Konkurrenz zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk, dem BR. Ein Pilotprojekt im Münchner Kabelnetz mit Stationen wie Radio 89. Für mich war diese Revolution ein Glücksfall. Wegen meiner Schwester habe ich mich beworben. Eines Tages knallte sie mir einen "Bild"-Zeitungsartikel auf den Frühstückstisch und sagte: 'Du hast so ein großes Mundwerk. Ich glaube, das ist genau dein Ding.' Gesagt, getan. Und ich hab’ den Job bekommen, die Morningshow gemacht. Es herrschte eine unfassbare Aufbruchsstimmung. Jetzt schauen wir mal, jetzt probieren wir mal. Wir kamen quasi mit dem Wasserglas in die Wüste. Es gab ja niemanden, der bisher Vergleichbares gemacht hat. Außer in den USA, dort gab es schon lange private Radiostationen.
Sie wurden 1988 von Antenne Bayern, dem ersten landesweiten Privatsender, abgeworben.
Richtig, das war der nächste große Schritt für mich: Eine Morningshow, zu hören in ganz Bayern. Später haben wir mit Willy Astor die Feuchtgrubers ins Leben gerufen, die eine Kult-Hörspielserie wurden. Wenn du kreativ sein darfst, wenn man dich lässt, kann Großes entstehen. Mit Scheuklappen und Maulkorb kann nie etwas Gutes entstehen.
Als ich im Büro von Uli Hoeneß saß und wir uns unterhalten haben, war das für mich total irre – unwirklich.
Hoeneß wollte Partnerschaft mit Antenne Bayern
Und eines Tages meldete sich der FC Bayern.
Der Hintergrund war: Die Partnerschaft des Vereins mit Radio Gong 96,3 endete. Und Manager Uli Hoeneß wollte Antenne Bayern, den landesweiten Sender als Kooperationspartner, weil die Bayern-Fans ja nicht nur aus München kommen. Als ich im Büro von Uli Hoeneß saß und wir uns unterhalten haben, war das für mich total irre – unwirklich. Ich, der Bayern-Fan. Mitglied seit Juli 1981, früher im Fanclub Ottenhofen. Damals hatte ich schon zwei, drei Jahre lang eine Sitzplatz-Jahreskarte, in Block X3 neben der Südkurve. Und ich war bei jedem Spiel, bei jedem! Aber der Job hat mich gereizt. Meine Güte, das war schon geil. Ich bin damals davon ausgegangen, dass das so zwei, drei, vielleicht vier Jahre läuft. Ich hatte ja keine Ahnung, wie lange die mich da wollen. Ob ich das gut mache oder ob die sagen: 'Jetzt tut’s den Radio-Fuzzi wieder weg!'
30 Jahre später unterhalten wir uns.
Ich hatte Glück. Du brauchst immer Glück, um irgendwo durch eine Tür durchzugehen. Ich war aber auch immer da, immer zuverlässig. Ich habe kein Spiel verpasst in 30 Jahren – bis auf zwei, als ich selbst Corona hatte. Ich bin einfach nur dankbar. Ich war zum richtigen Zeitpunkt einfach am richtigen Fleck. Das ist jetzt mittlerweile ein großer, großer Teil meines Lebens. Und das ist schön.

Lehmann erlebte Tonnentritt von Klinsmann aus der Nähe
Unter den zahllosen Spielen und Erlebnissen will ich zwei herausgreifen. Im Mai 1997 trat Jürgen Klinsmann nach seiner Auswechslung in eine Werbetonne. Sie saßen mit ihrem Moderationstisch genau mittig zwischen beiden Trainerbänken.
Das passierte quasi neben mir. Der Jürgen wird ausgewechselt von Trapattoni. Er brüllt und schimpft auf Italienisch Richtung Trap – richtig übel. Und tritt in diese Tonne. Die Splitter flogen umher und einer auf meine Tischplatte. Ich habe mich geduckt und mir gedacht, ach du Sch…! Nicht, dass der jetzt in seiner Wut noch zu mir rüberkommt (lacht).
Ein schwieriger Moment wird die Trauerfeier für Franz Beckenbauer im Januar 2024 gewesen sein, nehme ich an.
Sehr schwierig. Ich fühlte mich sehr geehrt, als ich gefragt wurde, ob ich die Veranstaltung in der Allianz Arena moderieren wolle. Der Tod vom Franz hat mich sehr berührt, das ging mir sehr nahe. Ich mochte den Franz – wie wir alle. Die Feier wurde im Fernsehen übertragen, alle Größen aus Politik und Sport waren anwesend. Ich habe versucht, es so würdevoll wie möglich zu machen. Auf meine persönliche Art. Mit einem Kloß im Hals.
Der Tod vom Franz hat mich sehr berührt, das ging mir sehr nahe.
Stadionsprecher des FC Bayern schrieb Text und Refrain von "Stern des Südens"
Zwei Erfindungen entstammen Ihrer Kreativität, sind aus Ihrer Feder. "Der Stern des Südens" und das Fan-Ritual "Danke! – bitte!"
Zuvor gab es nur die Ballade "Forever Number One", gesungen von Andrew White. Der Text, der Refrain von "Stern des Südens" ist von mir, die Musik dazu hat Willy Astor komponiert. Eingesungen hat den Song Claus Lessmann, Frontmann der Hardrock-Band Bonfire. Als wir das Stück 1997 Uli Hoeneß vorgespielt haben, meinte er: 'Das ist aber schön, das machen wir!' Da bin ich wirklich stolz drauf. Wie auf den Wechsel-Dialog mit den Fans, das "Danke! – bitte!". Ich habe Fans aus der Südkurve gefragt, ob sie Bock darauf haben und dann haben wir es einfach mal ausprobiert. Das ist mein Vermächtnis.
Kommen nach 30 Jahren auch mal Gedanken an den Abschied? Haben Sie sich ein Limit gesetzt?
Ich bin jetzt 64, werde auch nicht jünger. Der idealste Zeitpunkt für mein letztes Spiel wäre das Champions-League-Finale 2028, das ja jetzt an die Allianz Arena vergeben wurde. Und dann, anders als beim schlimmen Finale dahoam 2012 gegen Chelsea, gewinnen wir. Das wäre perfekt.
Fürs Gespräch ein herzliches: Danke!
Bitte!
