Herr Litti: Probleme mit dem "Du"

Wieso sich Wolfsburgs neuer Cheftrainer Pierre Littbarski plötzlich siezen lässt.
| Interview: Christian Otto
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Pierre Littbarski (r), gestikuliert während seines ersten Trainings in Wolfsburg neben Spieler Diego.
dpa Pierre Littbarski (r), gestikuliert während seines ersten Trainings in Wolfsburg neben Spieler Diego.

Wieso sich Wolfsburgs neuer Cheftrainer Pierre Littbarski plötzlich siezen lässt.

AZ: Herr Littbarski, wie gehen Sie damit um, vom Duzfreund der Spieler zum Cheftrainer befördert worden zu sein?

PIERRE LITTBARSKI: Ich spiele hier beim VfL Wolfsburg eine Rolle, eben noch als Co-Trainer und nun als Cheftrainer. Jetzt muss ich die Mannschaft führen und Respektsperson sein. Deshalb muss ich aber nicht mehr Schwein als vorher sein. Ich habe meine Art, Dinge von Spielern einzufordern, ohne einen Menschen kaputt zu machen. Bei mir hat jeder Profi immer eine Hintertür, durch die es zurückgeht. Der Spieler ist ein Partner, dem man Respekt entgegenbringen muss.

Trotzdem müssen die Spieler einen, der eben noch ihr „Litti” war, nun plötzlich wieder siezen?

Wer „Du” sagt, sagt auch schneller „Arschloch” als wenn er siezen muss. Wir müssen eine neue Distanz aufbauen, weil ich als Cheftrainer andere Dinge erfrage und erwarte. Disziplin zum Beispiel. Als Co-Trainer habe ich darauf geachtet, dass Regeln befolgt wurden. Jetzt gebe ich die Regeln vor. Zum Beispiel, dass beim Essen nicht mit dem Handy rumgespielt wird. Auch dafür brauche ich Distanz. Ich selbst duze die Spieler aber.

Darf auch niemand mehr „Litti” sagen?

Den Namen hat Toni Schumacher damals beim 1. FC Köln herausgebracht. Wenn mich Kollegen von früher so nennen, ist das in Ordnung. Für die Spieler des VfL Wolfsburg ist das im Moment nicht angebracht. Die Lage ist ernst, wenn man die Tabelle sieht. Die Spieler brauchen klare Vorgaben. Es geht für mich aber nicht darum, mich plötzlich als pseudostarker Mann zu produzieren.

Sie haben in Diego Ihren teuersten Spieler für ein Spiel suspendiert und die Arbeit Ihres Vorgängers Steve McClaren kritisiert. Das passt nicht zum Litti-Image.

Die Sache mit Diego ist mit seiner Suspendierung für mich erledigt. Er ist mir nicht vor Begeisterung um den Hals gefallen. Aber ich werde einen unserer besten Spieler nicht auf Dauer aus dem Team nehmen. Mit Diego wurden sehr klare Worte gesprochen. Es geht hier um Akzeptanz und Respekt untereinander. Ich gehe davon aus, dass er bald wieder Vollgas gibt.

Wie fühlt es sich für Sie an, den Job Ihres bisherigen Chefs Steve McClaren übernommen zu haben?

Ich habe Steve McClaren geschrieben, dass er sich entspannen soll und dass ich jetzt den Druck habe. Der Trainerjob ist der zweitbeste der Welt. Nach dem Job als Spieler. Ich wäre gerne nochmal Profi. Aber man darf als Trainer, der das schwächste Glied in der Maschinerie ist, nicht jammern. Mit dem Risiko, schnell entlassen zu werden, muss man leben. Sonst muss man etwas Anderes machen. Ich habe im Finanzamt gelernt, dann müsste ich dahin zurückgehen. Wir Trainer sind Teil einer Leistungsgesellschaft und verdienen viel Geld. Ich habe keine Angst, zu scheitern.

Es wird ganz offen darüber debattiert, dass Sie eine Zwischenlösung sind und im Sommer von Ralf Rangnick als neuem Wolfsburger Cheftrainer abgelöst werden.

Diese Spekulationen werden bleiben. Und wenn wir weiter verlieren sollten, werden es immer mehr. Das wusste ich vorher. Es überrascht mich auch nicht, weil ich informiert war, dass Dieter Hoeneß auch andere Optionen geprüft hat, was normal ist. Meine Vorgabe ist es, Punkte zu holen. Das ist völlig unabhängig davon, ob ich ein Spiel oder fünf oder bis zum Saisonende als Trainer arbeite.

Brauchen die Spieler des VfL Wolfsburg eine härtere Hand?

Ich möchte, dass unsere Profis mehr mitdenken und sich mehr mit dem Verein identifizieren. Wenn ich früher vom Trainingsplatz kam, war so mancher Spieler schon geduscht und saß im Auto. Das wird es jetzt nicht mehr geben.

Wie denken Sie über die heutige Spieler-Generation?

Die heutige Spieler-Generation ist anders. Vor 20, 30 Jahren ist man als junger Spieler angeschrien worden. Das ist heute anders, die Spieler sind ein bisschen feinfühliger.

Und mehr auf ihr Gehalt bedacht? Was sagt Ihnen der Begriff Söldner?

Klar, es gibt Söldner in der Bundesliga. Aber auch aus diesen Spielern muss man versuchen, das Richtige herauszuholen. Am Ende ist die Qualität entscheidend. Sehr gute Leistungen rechtfertigen vieles.

Weiß ein Spieler wie Diego, was Abstiegskampf bedeutet?

Auch Diego, dem seine Mitspieler Führungsqualitäten bestätigen, weiß genau, worum es geht. Ich kann das im Training sehen, ob einer arbeitet oder eine Diva ist. Diego ist keine Diva.

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