"Hat fast schon dieses Ehrfürchtige": Wie schlimm steht es wirklich um FC-Bayern-Keeper Neuer?
Im Kraftraum kann Manuel Neuer schon wieder lachen. Der Torhüter des DFB-Teams, der zu Beginn der WM-Vorbereitung in Herzogenaurach wegen einer Verhärtung in der linken Wade nicht zur Verfügung steht, scherzt auf einem Instagram-Foto mit seinem Bayern-Kollegen Aleksandar Pavlović, während beide auf dem Fahrrad-Ergometer sitzen. Auch bei den leichten Übungen, die Teamarzt Jochen Hahne genau überwacht, wirkt Neuer bestens gelaunt.
Nach außen wird das Bild vermittelt: Keine Aufregung, es läuft alles nach Plan! Aber ist die Situation wirklich so entspannt?
Fakt ist: Neuer verpasst das vorletzte Testspiel vor dem WM-Start gegen Finnland am Sonntag in Mainz (20.45 Uhr/ZDF live), die deutsche Nummer zwei Oliver Baumann steht im Tor. Am Freitag schrieb Neuer bei Partner Adidas Autogramme, während Baumann nach Bällen hechtete. Und das nur zwei Wochen vor dem Auftaktspiel gegen Curacao.

Eine ideale Vorbereitung sieht sicher anders aus. Es bestehe bei Neuer "kein Grund zur Sorge", versicherte Nagelsmann Anfang der Woche, doch Torwarttraining ist für den 40-Jährigen weiter nicht möglich.
WM-Generalprobe gegen die USA als großes Ziel für Neuer
Die Ausfallzeit des Keepers, der am 16. Mai im Heimspiel gegen Köln angeschlagen ausgewechselt werden musste, beträgt somit bereits zwei Wochen. Neuers Ziel: Die WM-Generalprobe gegen die USA am 6. Juni in Chicago. Zuvor ist Baumann, Nagelsmanns "Weltklasse-1b-Lösung", gefordert. "Er hatte keine super-angenehme Zeit", sagte der Bundestrainer über den degradierten Hoffenheim-Torhüter, für den Neuers Comeback als Nummer eins "ein Schlag" gewesen sei.
Doch Baumann lässt sich nichts anmerken. "Das habe ich bei Olli auch nicht anders erwartet", sagte Linksverteidiger David Raum. "Ich kenne ihn sehr lang, er ist sehr professionell, hat auch top trainiert und ist für die Mannschaft da. Das ist das, was einen Top-Torwart und Sportsmann auszeichnet. Genau das ist er."

Im öffentlichen Training am Donnerstag wehrte Baumann einen Schuss aus kurzer Entfernung mit einem sensationellen Reflex ab, Kapitän Joshua Kimmich kam sofort auf ihn zu, bejubelte die Parade mit einem lauten "Ja!" und klatschte mit dem Torhüter ab. Man merkt: Das Team steht hinter Baumann. Und zugleich wird Neuers Rückkehr herbeigesehnt.
Die Aura des Bayern-Stars
"Manu hat eine besondere Ausstrahlung, eine Aura auf und neben dem Platz", sagte Bayern-Kollege Jonathan Tah. Neuer könne "einem extrem viel geben, wenn er mit einem kommuniziert. Man hat fast schon dieses Ehrfürchtige: Das ist Manuel Neuer! Ich sehe das auch, wenn ganz junge Menschen Fotos machen mit ihm, wie die ihn anschauen. Dieses Gefühl strahlt er auch auf die Mannschaft aus."
Die jungen Spieler in der Mannschaft bestätigen diesen Eindruck. Der 22-jährige Nathaniel Brown etwa erzählte mit großen Augen: "Es ist schon ein besonderer Moment, wenn du auf einmal Manu vor dir stehen siehst. Er hat diese Aura, diese Ruhe. Er ist ein sehr angenehmer Mensch."

Neuer, der Albtraum der Stürmer
Wobei ihn die gegnerischen Stürmer auf dem Platz wohl nicht als angenehm bezeichnen würden – eher als Albtraum. "Absolut!", sagte Tah auf die Frage, ob Neuer besonders viel Respekt bei Angreifern genieße: "Ich bin selber kein Stürmer, aber ich weiß von vielen, die öfter als ich aufs Tor schießen, dass es bei Manu auf jeden Fall so ist, dass man denkt: Oh, es ist Manuel Neuer. Ich muss mich besonders konzentrieren, es wird besonders schwer, da ein Tor zu erzielen. Das unterschätzt man vielleicht von außen, aber das ist schon so."
Zwischen Aura und Aua – in diesem Spannungsfeld bewegt sich Neuer kurz vor seiner fünften WM. Wegen verschiedener Verletzungen und Wehwehchen musste er in der vergangenen Saison insgesamt neun Partien auslassen.
Ob sein Körper jetzt mitspielt? Wie einst bei Michael Ballack 2006 bangt Deutschland um die "Wade der Nation".

