Interview

FC-Bayern-Legende Maier mit klaren Worten: "Der Hype um Urbig ist mir zu viel"

Jonas Urbig könnte bald sein DFB-Debüt feiern. Legende Sepp Maier spricht im AZ-Interview über die deutsche Torwartfrage und dämpft den Hype um den jungen Torhüter des FC Bayern.
von  Reinhard Franke
Torwart-Legende des FC Bayern: Sepp Maier.
Torwart-Legende des FC Bayern: Sepp Maier. © IMAGO

AZ: Herr Maier, 1:1 gegen die Niederlande, jetzt das 0:1 gegen Griechenland – wie fällt Ihr Fazit nach Jürgen Klopps ersten beiden Spielen als Bundestrainer aus?
SEPP MAIER: Natürlich hat man sich den Start anders vorgestellt. Ein Unentschieden und eine Niederlage sind nicht das, was wir uns von der Nationalmannschaft wünschen. Aber jetzt schon alles schlechtzureden, wäre genauso falsch. Man sieht, was Klopp will: Tempo, Leidenschaft, nach vorne spielen. Aber längst nicht alles funktioniert schon. Das wäre nach so kurzer Zeit auch völlig verrückt. Klopp ist schließlich kein Zauberer. Er braucht Zeit. Entscheidend ist, dass die Mannschaft wieder eine Mannschaft wird und die Leute das Gefühl bekommen: Da entsteht etwas.

Maier mit Kritik an ter Stegen

Einer stand bei Klopps Debüt besonders im Mittelpunkt: Marc-André ter Stegen. Auf der Linie überragend, mit dem Ball am Fuß teilweise vogelwild. Was war das für ein Spiel von ihm?
Genau so war es doch. Die Bälle, die er halten musste, hat er teilweise sensationell gehalten. Da sieht man, was Marc kann. Aber dann spielt er hinten Bälle, bei denen ich mir denke: Was machst du denn da? Ein Torwart muss auch mal wissen, wann Schluss mit schönem Fußball ist. Wenn es gefährlich wird, hau das Ding weg. Dafür schimpft heute keiner mit dir. Für einen Fehlpass vor dem eigenen Tor schon.

Hat Sie ter Stegen nach seiner langen Pause trotzdem überrascht?
Ja, schon. Ich hätte nicht gedacht, dass er auf der Linie sofort wieder so stark ist. Da waren zwei, drei richtig starke Paraden dabei. Das war teilweise Weltklasse. Aber es gab eben auch die andere Seite. Mit dem Ball am Fuß war das teilweise viel zu riskant. Deshalb war es für mich ein Spiel mit viel Licht und Schatten.

Maier: "Marc hat das hervorragend gemacht"

Einmal spielt er den Ball direkt zum Gegner – und rettet anschließend selbst. Typisch Torwart: erst das Feuer legen und dann Feuerwehrmann spielen?
Das ist schon verrückt. Erst legst du selbst das Feuer und dann spielst du den Feuerwehrmann. (lacht) Die Parade war überragend. Aber wenn er den Ball vorher vernünftig spielt, braucht er sie gar nicht. Nur weil du anschließend einen Unhaltbaren hältst, wird aus einem schlechten Pass kein guter. Marc weiß selbst: So etwas darf ihm nicht passieren.

Das war also ein gelungenes Comeback.
Als Torwart: ja. Als Fußballer: nicht immer. (lacht) Aber vielleicht sollten wir auch mal wieder daran denken, wofür ein Torwart eigentlich da ist. Er soll Bälle halten. Und das hat Marc hervorragend gemacht. Trotzdem kann er sich diese Fehlpässe gegen eine Spitzenmannschaft nicht erlauben. Irgendwann bestraft dich einer.

Aktuell die Nummer eins des DFB: Marc-André ter Stegen.
Aktuell die Nummer eins des DFB: Marc-André ter Stegen. © IMAGO

Bayern-Legende findet Hype um Urbig zu viel

Ausgerechnet das Spiel mit dem Fuß, das jahrelang als eine seiner großen Stärken galt, war unsicher. Wie erklären Sie sich das?
Fehlender Rhythmus spielt sicher eine Rolle. Aber irgendwann zählt das nicht mehr. Marc ist 34, der hat alles erlebt. Da kannst du nicht nach jedem Fehlpass sagen: Der Rhythmus fehlt. Wenn du deutscher Nationaltorwart sein willst, musst du diese Bälle sauber spielen. Und wenn es nicht geht, dann spiel eben nicht den Beckenbauer im eigenen Strafraum.

Damit sind wir bei Bayern-Torwart Jonas Urbig. Wie nehmen Sie den Hype um ihn wahr?
Der Hype um Urbig ist mir zu viel. Nicht weil ich den Jungen nicht gut finde – im Gegenteil. Er hat riesiges Talent. Aber mir geht das alles viel zu schnell. Ein paar gute Spiele, und schon soll er Deutschlands neue Nummer eins sein. Warum? Lasst ihn doch erst einmal beim FC Bayern die Nummer eins werden.

Urbig hat das Zeug zur Nummer eins

Urbig muss sich hinter ter Stegen also erst einmal anstellen.
Im Moment ganz klar. Was ist denn daran schlimm? Er ist 23 Jahre alt. Ter Stegen hat jahrelang auf höchstem Niveau gespielt. Urbig hat noch nicht einmal über einen längeren Zeitraum bewiesen, dass er beim FC Bayern die Nummer eins sein kann. Wir machen die jungen Spieler manchmal größer, als sie im Moment schon sind.

Vincent Kompany traut Urbig zu, irgendwann Deutschlands Nummer eins zu werden. Sie nicht?
Irgendwann – ja, vielleicht. Das Zeug dazu hat er. Aber zwischen "irgendwann" und "jetzt" liegt eine ganze Menge. Er muss spielen, Erfahrungen sammeln, Fehler machen, Champions League spielen und zeigen, dass er auch nach einem schlechten Spiel wieder da ist. Nationaltorwart wird man nicht aufgrund einer Prognose.

Aktuell die Nummer zwei des FC Bayern: Jonas Urbig.
Aktuell die Nummer zwei des FC Bayern: Jonas Urbig. © IMAGO

DFB-Keeper sollte auch bei Verein die Nummer eins sein

Was fehlt Urbig vor allem?
Spiele. Ganz einfach. Mir wird heute viel zu viel über Potenzial gesprochen. Potenzial hält dir am Samstag keinen Ball. Erfahrung bekommst du nicht im Training und auch nicht dadurch, dass alle erzählen, wie gut du einmal werden könntest. Du musst ins Tor und liefern.

Kann Deutschland überhaupt einen Torwart zur Nummer eins machen, der bei seinem Verein nur die Nummer zwei ist?
Für mich auf Dauer nicht. Wie soll das gehen? Der deutsche Nationaltorwart sollte doch normalerweise auch bei seinem Verein spielen. Gerade auf dieser Position brauchst du Rhythmus. Du kannst im Training hundert Bälle halten, das ist etwas völlig anderes als ein Spiel vor 70.000 Leuten. Training ist Training und Spiel ist Spiel. Das war schon zu meiner Zeit so und daran hat sich nichts geändert.

ter Stegen sollte vorerst die Nummer eins bleiben

Ist die Torwartdiskussion damit für Sie eigentlich überflüssig?
Für mich schon. Marc hat gezeigt, dass er noch da ist. Jetzt soll er spielen und Leistung bringen. Und Urbig soll sich entwickeln. Wenn er irgendwann besser ist, dann kann man wechseln. Aber ich würde keinen Generationenwechsel ausrufen, nur weil einer 23 und der andere 34 ist. Entscheidend ist nicht das Geburtsdatum, sondern wer die Bälle hält.

Was ist also Ihr Fazit nach diesem Abend: Muss sich Deutschland Sorgen um sein Tor machen?
Nein. Wenn ter Stegen so hält wie gegen Holland, müssen wir uns keine Sorgen machen. Wenn er so passt wie teilweise gegen Holland, vielleicht schon. (lacht) Er hat mich positiv überrascht. Auf der Linie war er teilweise überragend, beim Spiel mit dem Ball hatte er Licht und Schatten. Die Fehler muss er abstellen. Aber eines hat er deutlich gezeigt: Abschreiben sollte man Marc-André ter Stegen noch lange nicht. Am Ende heißt die Position immer noch Torwart.

Stand gegen Griechenland in der Startelf: Alexander Nübel.
Stand gegen Griechenland in der Startelf: Alexander Nübel. © IMAGO

Nübel sitzt ter Stegen im Nacken

Gegen Griechenland durfte Alexander Nübel ran. Viel zu halten bekam er beim 0:1 nicht, am Gegentor war er machtlos. Was haben Sie von seinem Auftritt mitgenommen?
Ehrlich gesagt: nicht viel. Was soll ich einen Torwart bewerten, der kaum einen Ball aufs Tor bekommt? Beim Gegentor kann er nichts machen. Für Nübel war das ein undankbares Spiel. Aber wichtig ist etwas anderes: Klopp hat ihm das Vertrauen gegeben und gezeigt, dass er mit ihm plant. Nübel weiß jetzt, dass er seine Chance bekommt. Und ter Stegen weiß, dass da einer hinter ihm ist.

Jürgen Klopp hatte ter Stegen nach dem Holland-Spiel zunächst zur Nummer eins erklärt. Ist er das für Sie nach Nübels Einsatz weiterhin – oder haben wir inzwischen einen echten Konkurrenzkampf?
Für mich ist ter Stegen weiterhin die Nummer eins, wenn er gesund ist und regelmäßig spielt. Aber Nübel sitzt ihm im Nacken. Und das ist doch gut so. Eine Nummer eins braucht Vertrauen, aber keinen Freifahrtschein. Wenn Marc Fehler macht oder nicht spielt und Nübel Woche für Woche gute Leistungen bringt, dann wird natürlich irgendwann diskutiert. Konkurrenz gehört im Fußball dazu – auch im Tor.

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