Ex-Bayern-Spieler Fink: So wird FCB-Trainer Kompany jetzt in Belgien wahrgenommen
AZ: Herr Fink, Mitte Dezember wurden Sie beim belgischen Erstligisten KRC Genk auf Tabellenplatz sieben von 16 Mannschaften liegend als Cheftrainer entlassen. Nichts Neues mehr für Sie nach zahlreichen Stationen, unter anderem in Salzburg, Ingolstadt, Basel, Hamburg, Nikosia, Wien, Zürich, Kobe, Riga und Dubai?
THORSTEN FINK: Wenn mir das nichts ausmachen würde, wäre ich im falschen Job und müsste meinen Job aufgeben. Ich will ja nicht nur mein Geld verdienen, sondern weil es mir Spaß macht und ich auch sportlich weiterkommen will. Eine Entlassung tut immer weh, ich war mittendrin in dieser Aufgabe. Wir haben in der Europa League gute Leistungen gezeigt, bei den Glasgow Rangers und in Braga gewonnen, auch gegen Basel. Genk steht auf einem Playoff-Rang, mit zwei Siegen in Utrecht und zu Hause gegen Malmö, zwei machbare Aufgaben, hätten wir noch in die Top 8 kommen können, also direkt ins Achtelfinale.
Was hat dann am Ende zur Trennung geführt?
Weil wir alle sehr zufrieden waren in der ersten Saison, wurde mein Vertrag sogar verlängert. Doch wenn es super läuft, wird immer mehr erwartet. Dabei hatte ich ein super Verhältnis zu den Verantwortlichen, aber die Medien haben so viel Druck gemacht und aus meiner Sicht einige Dinge ein bisschen falsch rübergebracht. Wir haben zu wenige Tore geschossen, zu viele kassiert, nicht mehr so oft zu null gespielt – auch wegen einiger Verletzter. Dann war am Ende der Druck zu groß für den Verein und die Verantwortlichen: Dann haben sie gesagt: Okay, wir wollen was ändern, die Geduld war weg.
Fink: "Jupiler Pro League ist die meistgescouteste Liga in Europa"
Von Juni 2023 an haben Sie bereits eine Saison in der belgischen Jupiler Pro League gearbeitet, bei Sint-Truiden.
Ein kleinerer Verein - dort konnte ich meine Prinzipien, meine Philosophie mit jungen Talenten zu arbeiten und sie zu entwickeln, ganz gut rüberbringen. Wir haben hervorragenden Fußball gespielt, so wurde Genk auf mich aufmerksam. Mir hat die Ausrichtung zugesagt, dass man bei KRC junge Leute entwickeln will und auch muss, um zu überleben. Und junge Leute brauchen manchmal Zeit. Aber: Wenn sie sich entwickelt haben, muss man sie verkaufen für ein Minimum 20 Millionen im Jahr, weil der KRC keinen Eigentümer oder Großinvestor hat. Aber wir sind im Guten auseinander, sind Freunde geblieben.

Welche Qualität besitzt die belgische Liga im Vergleich?
Weil hier so viele junge Spieler eingesetzt werden, ist die Jupiler Pro League die meistgescouteste Liga in Europa. Was auch mit Geografie zu tun hat. Belgien ist gut erreichbar, auch von Großbritannien aus durch den Eurotunnel. Die Daten der Spieler sind vergleichbar mit der Bundesliga und mit der Premier League, sprich die Intensität, das Tempo und das Laufvolumen.
Die Schwergewichte der Liga sind Meister FC Brügge, in den letzten zehn Jahren sechs Mal Meister, und Rekordmeister RSC Anderlecht, der Heimatverein von Bayern-Trainer Vincent Kompany.
Vor allem das Budget ist ein ganz anderes als in Genk. Wir hatten rund 30 Millionen Euro Einnahmen, Brügge und Anderlecht rund 80. Klar, dass sie andere Möglichkeiten haben.
Deniz Undav stieg mit Union Saint-Gilloise auf
Auch bei Bayerns nächsten Gegner am Mittwoch in der Champions League, bei Union Saint-Gilloise? Der Klub aus dem Brüsseler Stadtviertel Saint-Gilles stieg 2021 nach fast einem halben Jahrhundert wieder in die erste Liga auf und wurde letzten Sommer erstmals Meister.
Dort fährt man eine ganz andere Strategie, die Moneyball-Strategie. Dahinter steckt ein britischer Unternehmer, der ein internationales Netzwerk von Vereinen aufgebaut hat. Bei Saint-Gilloise arbeiten sie strategisch gesehen nicht mit Talenten, sondern scouten vor allem datenbasiert. So wurde unter anderem dank analytischer Algorithmen Deniz Undav in der Dritten Liga in Meppen entdeckt und geholt. Mit ihm stieg Saint-Gilloise auf und wechselte dann für sieben Millionen Euro zu Brighton & Hove Albion in die Premier League.
Heute ist Undav beim VfB Stuttgart und ist Nationalspieler. Ähnlich lief es mit Victor Boniface, der von Leverkusen an Werder Bremen ausgeliehen ist, oder Wolfsburgs Mohammed Amoura.
Ja, das zeichnet sie aus. Spieler nach Daten scouten und gewinnbringend weiterverkaufen. Da steckt natürlich viel Geld dahinter und mit Brighton ein mächtiger Partnerclub.
Fink über Union Saint-Gilloise: "Bei Standards sind sie sehr gefährlich"
Wie erwarten Sie, dass die Mannschaft von Trainer David Hubert, seit Oktober im Amt, rein sportlich auftritt in der Allianz Arena?
Sie agieren meistens im 3-5-2-System, sind sehr gut organisiert und variabel im Spielaufbau. Sie spielen einfach, aber diszipliniert und effektiv. Bei Standards sind sie sehr gefährlich. Und wirken in allen Bereichen sehr reif.
Wie meinen Sie das?
Wenn Zeit auf Zeit gespielt werden muss, dann nützen sie alles Mögliche aus, arbeiten mit allen Mitteln. Sie kennen alle Tricks, um Zeit von der Uhr zu nehmen, bleiben liegen, stehen wieder auf etc. Die haben mich als Trainer von Genk einige Male sehr aufgeregt (lacht). Eine Mannschaft, die dir immer gefährlich werden kann.
"Sie werden alles versuchen, um den Bayern den Rhythmus"
Aber doch nicht diesen Bayern!?
Eigentlich nicht. Ich bin Trainer und aus Trainersicht hat man immer eine Chance. Außerdem hat Saint-Gilloise gegen Eindhoven und Galatasaray gewonnen. Sie werden alles versuchen, um den Bayern den Rhythmus zu nehmen und sie so zu ärgern, das Spiel langsam machen. Das ist ihre Spielweise.
Sind die Bayern mit Trainer Kompany derzeit überhaupt zu stoppen?
Ich schaue den Bayern aktuell gerne zu. Sie agieren nicht nur mit dem Ball sehr gut, sondern auch gegen den Ball. Das gefällt mir sehr, sehr gut. Dieses laufintensive Pressing nach Ballverlust, das hohe Anlaufen, Mann gegen Mann. Ich habe noch nie so eine starke Elf gesehen wie den FC Bayern momentan. Kompany nimmt alle mit im Verein, moderiert das super. Das alles sieht nach einer sehr guten Zukunft aus.
Was kann Bayern alles gewinnen? "Alles! Momentan fliegen sie"
Wie wird der in einem Brüsseler Vorort geborene Kompany in seinem Heimatland wahrgenommen?
Mittlerweile sehr positiv. Am Anfang haben viele gesagt, wer weiß, ob das klapp, ob die Aufgabe Bayern nicht eine Nummer zu hoch für Vincent ist. Er hat seine Prinzipien und seine Philosophie, die passt super zum FC Bayern. Er wirkt sehr normal, bleibt immer ruhig, hängt nichts zu hoch, holt die Leute runter. Mir gefällt das.
Was können die Bayern diese Saison alles erreichen?
Alles! Momentan fliegen sie. In der Champions League ist es aber immer abhängig von der Tagesform und gegen wen du dann im Viertelfinale, Halbfinale oder Finale spielst. Außerdem müssen alle fit sein, einen Joshua Kimmich oder einen Harry Kane kannst du in den Top-Duellen nicht ersetzen.
Fink: "Habe so viel Erfahrung, dass ich jedem Klub weiterhelfen kann"
Nochmal zurück zu Ihnen persönlich. Wie wertvoll waren die Erfahrungen in Belgien?
Das war für mich ein super Schritt, in letzter Zeit habe ich vieles für mich getan. Zuvor hatte ich auch Mannschaften übernommen, die man nicht übernehmen sollte – was meine Vita, meine Karrierestrategie betraf. Andererseits ist es immer gut, etwas Neues, eine andere Kultur kennenzulernen. Aber mit fünf Dolmetschern auf dem Platz zu arbeiten wie in Japan ist eine ganz andere Hausnummer. Darauf muss man sich einlassen können.
Ihre Pläne für die Zukunft?
Nicht immer nur der Wandervogel zu sein. Und nicht, zum Beispiel, wieder nach Japan oder nach Südkorea zu gehen.
Wäre ein Job in der Bundesliga reizvoll?
Mein Ziel ist es, in den Top-5-Ligen als Trainer zu arbeiten. Ich habe so viel Erfahrung, dass ich jedem Klub weiterhelfen kann - egal in welchem Land.
Ihr Lebensmittelpunkt ist immer noch München?
Ja, unsere zwei Söhne sind nun fertig mit der Schule. Das heißt, ab jetzt könnten wir eigentlich auch mal mit der ganzen Familie irgendwo hin.
