Ewald Lienen über Jupp Heynckes: "Man wird im Alter besser!"

Jupp Heynckes kehrt mit dem FC Bayern nach Gladbach zurück. Sein guter Freund Ewald Lienen spricht exklusiv in der AZ über alte Zeiten und die Zukunft. "Gibt es einen Grund, etwas zu verändern?"
| Patrick Strasser
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Wie fängt Jupp Heynckes die aktuellen Ausfälle im Kader des FC Bayern ab?
Rauchensteiner/Augenklick Wie fängt Jupp Heynckes die aktuellen Ausfälle im Kader des FC Bayern ab?

Ewald Lienen spielte mit Jupp Heynckes bei Borussia Mönchengladbach, später war der sein Trainer, 1995 wer Lienen in Teneriffa Jupps Assistenz-Coach. Wir haben mit ihm gesprochen.

AZ: Herr Lienen, Sie haben bis zum Sommer als Cheftrainer beim FC St. Pauli gearbeitet, sind nun Technischer Direktor. Sie wissen, was es bedeutet, alle paar Tage in einem anderen Hotelbett aufzuwachen, Verantwortung für eine Gruppe zu tragen. Nächste Woche werden Sie 64, Jupp Heynckes ist acht Jahre älter. Was denken Sie über den Jungbrunnen von der Säbener Straße?
EWALD LIENEN: Ich freue mich für ihn, dass es so gut läuft. Aber das war mir vorher klar. Ich weiß, wie er arbeitet und er wusste ganz genau, was diese Mannschaft brauchte. Sie hatte einfach ihre Leistung nicht auf den Platz gebracht. Auf diesem Niveau hat es viel mit Vertrauen zu tun und damit, die richtigen Spieler im richtigen Moment auszuwählen.

Waren Sie überrascht, dass er nach über vier Jahren Rente zu Bayern zurückgekehrt ist?
Ein wenig schon, da er die viele Reiserei eigentlich nicht mehr wollte. Andererseits ist er Vollblut-Trainer und hatte sich lange genug ausgeruht. Wenn du als Cheftrainer ein Top-Trainerteam hast und die Aufgaben gut verteilst, hält sich die Belastung in Grenzen. Im Gegenteil: Es kann anstrengender sein, wenn man vor dem Fernseher sitzt, anstatt sich geistig rege zu betätigen. Außerdem geht Jupp seit vielen Jahren nicht nur mit großer Überzeugungskraft, sondern insbesondere mit beeindruckender Gelassenheit an die Dinge heran.

Als junger Trainer war Heynckes in den 80er und 90er Jahren oft in sich gekehrt, verbissen und überehrgeizig.
Wir sind alle älter geworden. Auch ich war in früheren Zeiten als Trainer impulsiver, hektischer, manchmal überehrgeizig. Mit der Zeit wird man reifer, regt sich weniger auf – auch im Umgang mit Spielern und Mitarbeitern. Dass man sich mit den Jahren weiterentwickelt, sollte eine normale und natürliche Entwicklung sein.

Bei Bayern gibt es Stimmen, dass Heynckes über den Sommer hinaus Trainer bleiben solle. Trauen Sie ihm das zu?
Er kann das zwar nur selbst entscheiden, aber solange die gesundheitlichen Voraussetzungen stimmen – absolut! Die fachliche Kompetenz hat er sowieso. Auch die Belastung kriegt Jupp geregelt. Das Einmaleins des Trainerdaseins verlernt man nicht, im Gegenteil: Man profitiert im Alter, wird besser. Warum also sollte er nicht weitermachen?

In der Winterpause 2012/13, im Anschluss an eine Saison, als Bayern drei Mal Zweiter unter Heynckes wurde, präsentierte man Pep Guardiola als Nachfolger.
Das war für mich grenzwertig. Nun heißt’s wieder: Wen holt Bayern im Sommer? Aber: Gibt es einen Grund, etwas zu verändern? Man sollte nur über einen Interimstrainer nachdenken, wenn Jupp ein halbes Jahr Pause braucht. (lacht)

Heynckes und Sie kennen sich seit 40 Jahren. Sie haben in unterschiedlichen Konstellationen miteinander gearbeitet, in der Saison 1977/78 gemeinsam bei Mönchengladbach gespielt. Sie als Linksaußen, Heynckes als Mittelstürmer.
Wir sind Vizemeister geworden und für mich als relativ jungen Profi war es spektakulär, ein Teil dieser Weltklasse-Mannschaft zu sein, auch wenn ich nicht jedes Spiel gemacht habe. Jupp war ein außergewöhnlich guter Stürmer, hatte jedoch Probleme mit dem Knie, konnte sich nur eingeschränkt bewegen. Trotzdem machte er die richtigen Laufwege und seine Tore – überragend. Nebenbei absolvierte er bereits den Lehrgang zum Fußball-Lehrer.

Heynckes arbeitete dann als Co-Trainer von Udo Lattek, übernahm 1979 den Chef-Posten. Wie war es, plötzlich nicht mehr Mitspieler, sondern Spieler unter ihm zu sein?
Unsere Zusammenarbeit war stets vertrauensvoll. Jupp konnte schon damals gut auf Menschen eingehen, den Spielern Vertrauen geben. Ich war nicht ganz so pflegeleicht, habe mich für viele Dinge außerhalb des Fußballs interessiert, war sozial und politisch aktiv. Doch Jupp hat das akzeptiert und toleriert, weil er wusste, dass ich das als Ausgleich brauchte. Er hat das mitgetragen. Ich war auch Mannschaftskapitän bei ihm – eine sehr schöne Zeit.

Dennoch hat er das Team und Sie einmal rundgemacht.
Verständlicherweise. 1985 hatten wir Real Madrid im Achtelfinal-Hinspiel des Uefa-Cups mit 5:1 an die Wand gespielt und den Vorsprung auswärts stümperhaft verspielt – 0:4! Die Tage danach waren hart. Bis zum Spiel auf Schalke hat er lediglich eine vernichtende Mannschaftssitzung mit uns gemacht, danach praktisch kaum noch mit uns gesprochen. Ich glaube, er hatte eine schwere Halsentzündung (lacht). In der Mannschaftssitzung vor dem Schalke-Spiel sagte er nur: „Macht, was ihr wollt. Ihr wisst es ja eh besser!“ Als wir im Spiel doch ganz gut mithielten, rief er wieder Anweisungen herein – seine Stimme war plötzlich wieder da. Wenn wir heute darüber reden, müssen wir immer lachen.

1995 konnte Heynckes Sie überzeugen, bei Teneriffa sein Assistenztrainer zu werden.
Wir hatten immer Kontakt gehalten. Im Frühjahr ‘95 hat er mich gefragt, ob ich ihn nach Teneriffa begleiten will. Ich habe zugesagt, obwohl ich schon als Cheftrainer gearbeitet hatte. Für mich als junger Coach war es die Chance, die Primera Division kennenzulernen und als Co-Trainer von Jupp zu lernen. Ich hatte viele Freiheiten unter ihm, eine neue Sprache lernen – das hat mich weitergebracht. In der zweiten Saison sind wir erst im Uefa-Pokal-Halbfinale knapp am späteren Sieger FC Schalke gescheitert – sonst hätte es die legendären Eurofighter nicht gegeben. Jupp wollte mich 1997 als Co-Trainer mit zu Real Madrid nehmen. Das hat mich gereizt, aber ich wollte meinen Weg gehen und bin als Cheftrainer zu Rostock gegangen.

Kann sein Heimatverein Gladbach am Samstag die Heynckes-Bayern ärgern?
Allein aus alter Verbundenheit wird Jupp die Punkte dort nicht lassen. Es wird ein heißes Spiel. Wenn Gladbach gut organisiert spielt und im heimischen Stadion in den Flow kommt, haben sie ganz gute Chancen.

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