Interview

"Gegner haben vor dem Anpfiff richtig Kopfschmerzen": Elber erklärt Trio des FC Bayern für unaufhaltsam

Der ehemalige Bayern- und VfB-Star Giovane Elber spricht in der AZ über das Duell seiner beiden Ex-Klubs, seine einstigen Sorgen vor dem Wechsel nach München – und warum Kane besser als Lewandowski ist.
Patrick Strasser |
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Harry Kane (l.) jubelt mit Michael Olise (oben) und Luis Diaz.
Harry Kane (l.) jubelt mit Michael Olise (oben) und Luis Diaz. © Peter Kneffel (dpa)

AZ: Herr Elber, Sie haben für den VfB Stuttgart und den FC Bayern München gespielt. Am Samstag treffen Ihre beiden Ex-Vereine im DFB-Pokalfinale aufeinander.
GIOVANE ELBER: Ich freue mich sehr darauf. Mein Herz pocht, weil beide Vereine in meinem Herzen sind. Letztes Jahr hatte ich bereits das Glück, mit dem VfB in Berlin sein zu dürfen (4:2 gegen Arminia Bielefeld, d.Red.). Aber die Bayern waren schon seit 2020 (4:2 gegen Bayer Leverkusen, d.Red.) nicht mehr im Finale, seit sechs Jahren – unglaublich!

In dieser Saison trafen Bayern und Stuttgart bereits vier Mal aufeinander. Alle Duelle inklusive des Supercups gewannen die Münchner – also ist die Favoritenrolle klar, oder?
Der FC Bayern will unbedingt wieder den Pokal, unbedingt das Double holen. Aber wenn jemand mit Druck umgehen kann, dann die Bayern. Der VfB kann befreit aufspielen, hat sich am letzten Wochenende nach einer echt tollen Saison durch Platz vier in der Bundesliga für die Champions League qualifiziert. Wenn ich mir das in Erinnerung rufe: 2023 waren die Stuttgarter noch im Abstiegskampf, erst in der Relegation konnten sie sich gegen den Hamburger SV durchsetzen. Da habe ich richtig mitgelitten. Dass Sebastian Hoeneß zuvor (Anfang April 2023, d.Red.) als Trainer übernommen hat, war ein Glücksfall für den VfB. Er macht einen super Job, hat die Mannschaft top entwickelt. Es macht Spaß, diesen aggressiven, offensiven Spielstil anzuschauen.

Elber über Bayern-Wechsel: "Natürlich waren die VfB-Fans sauer"

Der VfB ist der Titelverteidiger.
Eben. Die meisten Profis haben diesen Erfolg noch im Kopf und sagen sich: Leute, wie schön war es, den DFB-Pokal nach dem allerletzten Spiel der Saison in Händen zu halten. Also muss der FC Bayern auf einen supermotivierten VfB gefasst sein – und bereit sein, alles zu geben.

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Ihr erster Titel, den Sie nach dem Wechsel 1994 von den Grashoppers Zürich zum VfB in Deutschland gewonnen haben, war ebenfalls der DFB-Pokal.
Richtig. Das 2:0 gegen Energie Cottbus unter Trainer Joachim Löw vergesse ich nie. Für mich waren es schwierige Wochen, weil mein Wechsel nach Saisonende zum FC Bayern bereits feststand. Natürlich waren die VfB-Fans sauer. Und ich habe mitbekommen, dass einige meiner Mitspieler zu Jogi gesagt haben: Lass den Giovane draußen, der ist schon mit dem Kopf beim FC Bayern! Ich habe Jogi angefleht: Lass mich spielen! Wenn es sein muss, auch nur eine Halbzeit! Ich habe den Fans versprochen, bis zum allerletzten Spiel alles für den Verein zu geben, der mich in Deutschland groß gemacht hat. In der 18. Minute habe ich das 1:0 geschossen, kurz nach der Pause das 2:0. Gegen Ende des Spiels habe ich zu Jogi rübergeschaut und ihm signalisiert: Jetzt kannst du mich auswechseln (lacht).

Bayern- Legende Giovane Elber zusammen mit Sportdirektor Freund bei der Handover-Zeremonie vor dem Endspiel.
Bayern- Legende Giovane Elber zusammen mit Sportdirektor Freund bei der Handover-Zeremonie vor dem Endspiel. © Andreas Gora (dpa)

Elber von Stuttgart nach München: "Dabei hatte ich ziemlich Bammel vor dem Wechsel"

Dabei wollten Sie damals unbedingt beim VfB bleiben. Sie waren eine der Säulen des magischen Dreiecks mit Fredi Bobic und Krassimir Balakow, deren Verträge bereits verlängert worden waren.
Genau, aber es gab ein gutes Angebot der Bayern und VfB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder hat mir mitgeteilt, dass sie die Einnahmen durch den Transfer von mir dringend benötigen, um den Verbleib von Bobic und Balakow zu finanzieren. Aber so ist das Fußballgeschäft, da kannst du als Spieler wenig machen. Im Nachhinein war der Wechsel für mich nicht so schlecht – also die Entscheidung, die der VfB für mich getroffen hat (lacht).

Einer der Ersten, der Sie von den Bayern angerufen hat, war Lothar Matthäus.
Das hat mich total überrascht – noch vor den Bossen, also Karl-Heinz Rummenigge oder Uli Hoeneß. Lothar sagte: "Giovane, ich sitze hier beim Essen mit deinem Berater Giovanni Branchini und wollte dich fragen: Kommst du jetzt zu uns oder nicht?" Ich war perplex, antwortete: "Was? Wie? Lothar, ich muss erst mit dem Vorstand des FC Bayern sprechen." Doch dieses Gespräch hatte mein Berater schon geführt. Damals wollte mich auch der FC Arsenal verpflichten, Trainer Arsène Wenger rief mich persönlich an. Aber ich habe mich für Bayern entschieden. Dabei hatte ich ziemlich Bammel vor dem Wechsel.

Damals wollte mich auch der FC Arsenal verpflichten, Trainer Arsène Wenger rief mich persönlich an. Aber ich habe mich für Bayern entschieden. 

Giovane Elber

"Ein Mittelstürmer hat es beim FC Bayern nicht leicht"

Wieso denn?
Die ausländischen Stürmer, die zuvor bei Bayern gespielt haben, waren nur eine, höchstens zwei Jahre dort. Adolfo Valencia, Emil Kostadinow, Jean-Pierre Papin und auch Jürgen Klinsmann – mir war also klar: Ein Mittelstürmer hat es beim FC Bayern nicht leicht.

In München trafen Sie auf Trainer Giovanni Trapattoni – nicht gerade ein Verfechter des Offensiv-Fußballs, den Sie mit dem magischen Dreieck beim VfB zelebriert haben. . .
Das war hart für mich. Der VfB – das war Offensive pur, wir haben stets nach vorne gespielt. Trapattoni hat mir gleich erklärt, das Wichtigste sei es, das Spiel zu gewinnen. Ob 1:0 oder 4:0 – es gibt immer drei Punkte. Ich dachte mir: Puh, mit dieser Catenaccio-Taktik werde ich keinen Spaß haben. Dann aber kam nach einem Jahr mein Lieblings-Trainer: Ottmar Hitzfeld.

Kane, Diaz und Olise: "Dieses Trio kannst du nicht ausschalten"

Die Bayern haben momentan mit Harry Kane, Michael Olise und Luis Díaz auch ein magisches Dreieck in der Offensive.
Die drei Jungs sind einfach unglaublich gut – und besser als wir damals. Deren Gegenspieler haben vor dem Anpfiff richtig Kopfschmerzen. Sie denken sich: Wir müssen Olise aus dem Spiel nehmen! Aber da ist dieser Díaz auf der anderen Seite! Und vorne auch noch Harry Kane! Dieses Trio kannst du nicht ausschalten. Da muss die Defensive des Gegners einen Sahnetag haben, es muss alles zusammenpassen.

Inwieweit ist Kane ein anderer Mittelstürmer-Typ als Sie es damals waren?
Ganz anders. Erstens: Kane wurde als Neuner verpflichtet. Auf dem Platz ist er mal die Nummer zehn, die Acht, die Sechs, die Drei. Er spielt fast jede Position, hilft der Mannschaft 90 Minuten lang überall aus. Wenn du als Pavlovic oder als Kimmich siehst, wie plötzlich Kane neben dir einen Ball weggrätscht, sagst du dir: Wow, jetzt muss auch ich weiter Vollgas geben. Das heißt: Kane ist kein Giovane Elber, der nur vorne rumgestanden ist und auf ein Anspiel gewartet hat, um aufs Tor zu schießen (lacht).

Der Fußball ist physischer geworden, die Spielsysteme haben sich verändert.
Das schon, aber Gott sei Dank wurde, als ich noch aktiv war, nicht gemessen, wie viel der einzelne Spieler pro Partie gelaufen ist. Denn bei mir waren es vielleicht drei, dreieinhalb Kilometer (lacht). Lediglich von der Mittellinie bis zum gegnerischen Tor. Niemals nach hinten – höchstens, wenn es eine Ecke gegen uns ab.

Elber schwärmt von Bayerns Topstürmer: "Kane ist einfach weltklasse"

Kane hat noch ein Jahr Vertrag. Wie wichtig wäre es, ihn trotz seiner 32 Jahre bei Bayern halten zu können?
Sehr wichtig – nicht nur für den FC Bayern, sondern auch für die Bundesliga. Kane ist einfach weltklasse, war für mich neben Olise der beste Spieler der Saison. Und im Vergleich zu seinem Vorgänger Robert Lewandowski ist er ein noch kompletterer Stürmer.

Mit 36 Saisontreffern holt sich Harry Kane zum dritten Mal in Folge die Torjägerkanone.
Mit 36 Saisontreffern holt sich Harry Kane zum dritten Mal in Folge die Torjägerkanone. © Tom Weller (dpa)

Was halten Sie von der VfB-Offensive mit Deniz Undav, dem mit 19 Toren zweitbesten Torschützen der Saison, und Ermedin Demirovic, der auf 12 Treffer kam?
Ein super Duo. Undav ist ein total unberechenbarer Stürmer, ein cleverer Junge. Du siehst ihn im Spiel lange Zeit überhaupt nicht. Und dann kommt er plötzlich an den Ball und es passiert etwas. Wie er den Ball direkt nimmt, manchmal platziert und ohne große Härte – toll. Demirovic ist ein echter Neuner, ein Killer vor dem Tor. Ihn muss man so in Szene setzen, dass er sich mit seinem Körper im Zweikampf Raum verschaffen kann, um abzuschließen.

Was für ein Finale erwarten Sie? Ein Offensiv-Spektakel wie zuletzt oft, wenn die Bayern beteiligt waren?
Es wird viele Tore geben, weil beiden Mannschaften immer nach vorne spielen wollen, die können nicht hinten stehen und abwarten. Ich drücke den Bayern die Daumen, weil ich dort sechs Jahre gespielt, die schönste Zeit meiner Karriere erlebt habe. Außerdem hat der VfB ja letztes Jahr den Pokal gewonnen. Als Botschafter der Bayern sage ich: Jetzt sind wir dran!

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