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Der Fast-Sechzger: Warum Gerd Müller einst beinahe bei den Blauen gelandet wäre

Erster Teil der AZ-Serie: Das Phänomen Gerd Müller – wie die Bayern-Legende einst fast beim TSV 1860 gelandet wäre und wie er zunächst mit München fremdelte: "Ich hatte Angst vor der großen Stadt."
| Patrick Strasser
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Ab 1964 müllerte es bei Bayern.
Ab 1964 müllerte es bei Bayern. © imago images/WEREK

Für die heutigen Generationen kaum vorstellbar, aber wahr: 1964 war der FC Bayern zweitklassig und spielte in der Regionalliga Süd. Den Bundesliga-Aufstieg verpasste man, obwohl die Jungspunde Franz Beckenbauer und Torhüter Sepp Maier schon dabei waren.

Stadtrivale TSV 1860 dagegen, ein Gründungsmitglied der Bundesliga, gewann im Sommer 1964 den DFB-Pokal. Die Blauen waren die Nummer eins der Stadt, ganz klar.

Gerd Müller mit 26 Toren in einem Spiel

Und es begab sich also zu jener Zeit, dass beim TSV 1861 Nördlingen, ein angehender Aufsteiger in die Landesliga Schwaben, ein Talent kickte. Und traf und traf und traf. Tor um Tor. In einem Spiel, das 31:0 endete, schoss jener Jungspund namens Gerd Müller 26 Tore – und das, obwohl er als Spätstarter erst mit zwölf Jahren in den Verein eintrat.

An Pfingsten 1964 gewinnt der TSV einen Test im Allgäu beim FC Oberstdorf mit 7:2, Müller macht vier Tore. Friseurmeister und Bayern-Mitglied Alexander Kotter, so die Überlieferung, spricht ihn an jenem Tag an: "Du bist gut, dich bringe ich zum FC Bayern."

Kotter, später 33 Jahre lang als Revisor beim Rekordmeister tätig, verspricht dem 18-jährigen Burschen: "Ich werde mal mit dem Vorstand reden." Müllers Antwort: "Die werden nicht grad auf mich warten." Typisch Müller. Bescheiden, bodenständig, ehrlich.

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Mit Blechbüchsen lernte Müller das Kicken

Kurz nach dem Krieg als Kind armer Leute im schwäbischen Nördlingen geboren, lernte Müller wie eine ganze Generation das Kicken auf der Straße – mit Blechbüchsen, später mit zerschlissenen Lederbällen.

Nicht nur die Bayern, auch die Sechzger in Person von Geschäftsführer Ludwig Maierböck kündigen sich an einem Juni-Samstag 1964 für einen Hausbesuch bei der Familie Müller an, was jedoch durchsickert. Also kommt es zu komödiantischen Szenen in Nördlingen, welche die Karriere des Stürmers und den Weg der beiden Münchner Vereine entscheidend beeinflussen sollten.

Als Müller um 12.30 Uhr vom Billardspielen mit Kumpels zum Mittagsessen nach Hause kommt, eröffnet ihm seine Mutter, dass "ein paar Herren aus München gekommen sind, die dich holen wollen". Doch es waren - wie von Müller befürchtet - nicht die Abgesandten des TSV 1860, sondern die unangemeldeten Unterhändler Walter Fembeck und Peter Sorg vom FC Bayern.

Gerd Müller mit Gattin Uschi auf Heimatbesuch bei Mama Müller in Nördlingen.
Gerd Müller mit Gattin Uschi auf Heimatbesuch bei Mama Müller in Nördlingen. © imago images/Rolf Hayo

Müller sagte den Löwen ab – und entschied sich für den FC Bayern

Müller sagte zu und als die Löwen-Delegation kam, wurden die Bayern-Vertreter durch die Hintertür aus dem Haus in ein Wirtshaus direkt gegenüber geschleust. Müller sagte den Löwen ab. Die Ablöse: 4.400 Mark. Dem heimatverbundenen Gerd fiel der Abschied schwer, kurz vor dem Umzug nach München sagte er in allen 54 (!) Nördlinger Gaststätten Servus.

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Aller Neuanfang in München war schwer, ganz allein als 18-Jähriger in der Großstadt. Ohne Familie, ohne eine Freundin, ohne jede Vorstellung von dem, was da kommt. Er kennt Trainer Tschik Cajkovski nicht, die neuen Kollegen nicht mal aus dem Fernsehen.

Vom Trainingsplatz zur Wohnung: Zehn Kilometer zu Fuß

Müller: "Ich kam als kleines Würstchen aus Nördlingen, hatte Angst vor der großen Stadt und keinen Führerschein. Die zehn Kilometer vom Trainingsplatz zur Wohnung am Rosenheimer Platz ging ich zu Fuß, damit ich mir den Weg merken konnte."

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In der Müller-Biografie "Der Bomber der Nation" von Udo Muras und AZ-Autor Patrick Strasser (erschienen 2015 im Riva-Verlag) heißt es: "Müller wird vom FC Bayern ein Zimmer bei einer pensionierten Studienassessorin vermittelt, die Miete beträgt 120 DM und wird vom Verein übernommen.

Die Bayern zahlen ihm 160 DM im Monat, das Minimum, was ein Vertragsspieler bekommen kann. Lukrativer ist da seine Tätigkeit als Halbtagskraft bei einem Möbelhändler – 400 DM."

Beckenbauer: "Da kommt ein Quadrat"

Cajkovski machte sich über seine stämmige Figur lustig, nannte er ihn "Gewichtheber" oder "Ringer", legendär wurde die Bezeichnung "kleines dickes Müller". Beckenbauer sagte über den stämmigen Neuling aus dem Allgäu: "Da kommt ein Quadrat."

Treffsicher: Gerd Müller mit Trainer Tschik Cajkovski.
Treffsicher: Gerd Müller mit Trainer Tschik Cajkovski. © imago images/WEREK

Obwohl Müller in den ersten zehn Saisonspielen 1964/65 auf der Bank sitzt, trägt er mit noch 33 Toren zum ersehnten Bundesliga-Aufstieg der Bayern bei.

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