Das Elfer-Fiasko von Foxborough: Tah und Goretzka mittendrin
Früher, ja früher war wirklich alles besser. Auch der deutsche Fußball, die Nationalmannschaft. Gary Lineker, die britische Stürmer-Legende, sagte einst im Jahr des WM-Gewinns 1990 in Italien über das DFB-Team: "Fußball ist ein einfaches Spiel: 22 Männer jagen 90 Minuten lang einem Ball nach, und am Ende gewinnen immer die Deutschen." Es war einmal.
Beim WM-Triumph unter Teamchef Franz Beckenbauer hatten Lothar Matthäus, Andy Brehme & Co. im Halbfinale England rausgeworfen – im Elfmeterschießen. Eine Disziplin, in der Deutschland bei Weltmeisterschaften gefürchtet war, weil ungeschlagen. Bis Montag. Dann kam Paraguay und die historische Schmach von Foxborough. Das Aus im Sechzehntelfinale, 3:4 im Elfmeterschießen.
Tah hatte zuvor in einem Pflichtspiel noch nie einen Elfmeter geschossen
Nun gibt es vier Spieler, die in der DFB-Geschichte bei Weltmeisterschaften einen Elfmeter im Shootout verschossen haben. Uli Stielike bei der WM 1982 im Halbfinale gegen Frankreich. Plus: Kai Havertz, Nick Woltemade und Jonathan Tah am grauenvollen Montag. Alle (!) anderen 17 Schützen behielten die Nerven. Was für eine Quote! Die Turniermannschaft schlug zu! Nach 1982 in Sevilla noch drei weitere Male.
Diesmal ging gehörig viel schief im Football-Stadion von Foxborough. Der letzte DFB-Schütze, Jonathan Tah (30), jagte den Ball derart übers Tor, dass unwissende US-Zuschauer ein Field Goal wie in der NFL bejubelt hätten. "Gar keinen Vorwurf an jemand, der zum Punkt geht und verschießt. In so einer Situation zum Elfmeter zu gehen, kostet richtig Mut", sagte ZDF-Experte Christoph Kramer. Doch wie kam es überhaupt dazu, dass ausgerechnet der Abwehrchef des FC Bayern antreten musste, der noch nie (!) in seiner 13-jährigen Profi-Karriere in einem Pflichtspiel einen Elfmeter geschossen hatte?
Kimmich sucht nach Elfmeterschützen: Goretzka wollte nicht schießen
Es stand 3:2 für Paraguay, als sich Nadiem Amiri, der fünfte Schütze des DFB-Teams auf den Weg zum Punkt machte. Währenddessen suchte Kapitän Joshua Kimmich, der selbst zuvor seinen Versuch versenkt hatte, am Mittelkreis nach Freiwilligen, falls das Elfmeterduell in die Verlängerung gehe. "Nene, acht?", fragte Kimmich und schaute Nathaniel Brown an. Auch bei Leon Goretzka erkundigte er sich: "Oder Leon, du?" Als Kimmichs langjähriger Mitspieler zögerlich, mit einem unentschlossenen Gesichtsausdruck und leichtem Kopfschütteln, reagierte, teilte ihn der Kapitän lieber als Nummer "neun" ein. Goretzka nickte minimal.
Die Ansage "Waldi auf zehn" bedeutete, dass Waldemar Anton gemäß der Kimmich-Einteilung als Zehnter geschossen hätte. Und Schütze Nummer sieben? Weil sonst keiner mehr übrig war – nur die Spieler, die bei Schlusspfiff der Verlängerung auf dem Platz standen, dürfen schießen – hätte demnach Malick Thiaw oder Torhüter Manuel Neuer selbst. Das war laut den TV-Bildern nicht zu eruieren.
Amiri verwandelte. Tah verschoss. 3:4 – Stecker gezogen. Das Fiasko von Foxborough war perfekt. Hätte Nagelsmann in der 110. Minute nicht Florian Wirtz und Antonio Rüdiger auswechseln sollen? Bei Wirtz lautet die Elferbilanz im Profi-Bereich 5:2. Rüdiger trat noch nie während einer Partie, lediglich 2024 im Elfmeterschießen mit Real Madrid bei Manchester City. Der sonst sichere Schütze Deniz Undav war gegen Paraguay bereits nach 63 Minuten ausgetauscht worden.
Tah: "Würde beim nächsten Mal wieder schießen"
Dass Woltemade verschoss, lastete ZDF-Expertin Fritzy Kromp, seit Juli 2025 Cheftrainerin der Frauen von Werder Bremen, Bundestrainer Nagelsmann an. "Dass Woltemade, der heute seinen ersten Einsatz bekommt, mit einen entscheidenden Elfmeter verschießt, ist für mich auch irgendwo naheliegend." Weil er zuvor vom Bundestrainer links liegengelassen wurde, sagte Kromp: "Ich finde, man hat ihn gefühlt gekillt. Heute brauchst du ihn und dass er dann nicht funktionieren kann, sowas macht mich sprachlos. Sowas ist auch undankbar für den Spieler."
Tah übrigens sagte hinterher, er habe sich "gut gefühlt. Ich war nicht extrem nervös, was ich eigentlich gedacht hätte, aber ich habe den Ball nicht gut getroffen." Der Bayern-Abwehrspieler weiter: "Ich würde beim nächsten Mal wieder schießen, würde wieder antreten. Ich glaube, es ist wichtig, auch in schwierigen Momenten Verantwortung zu übernehmen." Ehrenmann.
