Champions League: FC Bayern gegen Besiktas Istanbul in der "adlerfreien Zone"

Besiktas Istanbul muss im Hinspiel beim FC Bayern ohne seine lautstarken und berüchtigten Ultras auskommen. Wie die Türken damit umgehen? Die AZ hat sich in der Besiktas-Fanszene umgehört.
| Moritz Scheidel
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Leidenschaftlich, gefürchtet – und beim Spiel in München außen vor: Die Fans von Besiktas Istanbul. Kleines Bild: Temel (l.) und Güvenc, Besiktas-Fans aus München.
dpa/privat Leidenschaftlich, gefürchtet – und beim Spiel in München außen vor: Die Fans von Besiktas Istanbul. Kleines Bild: Temel (l.) und Güvenc, Besiktas-Fans aus München.

Besiktas Istanbul muss im Achtelfinal-Hinspiel der Champions League beim FC Bayern ohne seine lautstarken und berüchtigten Ultras auskommen. Wie die Türken damit umgehen? Die AZ hat sich in der Besiktas-Fanszene umgehört.

München - Eine kleine Lokomotive rauscht durch die urige und dunkle Besiktas-Kneipe, die Schienen knattern. In einer Rechtskurve stoppt sie plötzlich - und der Grund ist sofort klar: Im hinteren Waggon hat die Lok wichtige Fracht geladen. Es gibt Schnaps, deutschen Schnaps: Jägermeister. Spendiert vom Kneipenbesitzer - einem Galatasaray-Fan.

Der gelebte Fanfrieden. Ob es heute so bleibt?

Das ist die große Frage, die über dem Champions-League-Duell des FC Bayern mit Besiktas Istanbul schwebt. Die Türken müssen im ersten Knockout-Spiel in der Vereinshistorie ohne gefüllten Gästeblock auskommen, ohne eigene Fans. Ohne die "Schwarzen Adler", wie die Besiktas-Anhänger genannt werden. Zumindest ist es offiziell so vorgesehen.

Vereinspräsident Fikret Orman reagierte auf die Ausschreitungen aus dem Europa-League-Spiel der vergangenen Saison gegen Lyon, als sich die türkischen Ultras mit dem französischen Anhang geprügelt hatten. Orman lehnt seitdem alle Tickets für Besiktas-Auswärtsspiele in Europa ab. Bei einem weiteren Verstoß droht seinem Klub der einjährige Ausschluss aus dem internationalen Geschäft.

Trotz Karten: Lieber Public Viewing als Stadion

Temel Cicek und Güvenc Özkan sitzen im hinteren Bereich der Kneipe. Es riecht nach abgestandenem Bier. Die Schänke liegt etwas unscheinbar auf der Leopoldstraße. Cicek - lichtes Haar, rauchige Stimme - ist 55 Jahre alt, Özkan 42. Cicek und Özkan sind Chefs - Chefs des "Besiktas Fanclubs München", den es seit 2016 gibt. Es ist also eine ganz besondere Konstellation für alle 500 Fanklub-Mitglieder heute Abend: Lieblingsstadt gegen Lieblingsverein, Leben gegen Liebe. Schlichtweg "ein Traumlos", wie sie sagen. Im Stadion seien sie wegen des Verbots allerdings nicht. Und das, obwohl sie Tickets haben. Stattdessen organisieren sie ein Public-Viewing im "MMA Club" in Stachus-Nähe, zu dem "ungefähr 500 Leute kommen werden," sagen sie.

Rückblick: Vergangenes Jahr im April hatte sich ein grauenvolles, martialisches Szenario auf dem Rasen des Parc Olympique Lyonnais abgespielt. Besiktas- und Lyon-Anhänger gingen aufeinander los - ein Gros der beiden Fanlager lief auf den Platz: blutverschmiert, verängstigt. Beide Vereine mussten 100.000 Euro zahlen. Cicek - analysierender Ruhepol - nickt mit dem Kopf. "Ja, ich verstehe Ormans Maßnahme," sagt er. Özkan - deutlich enthusiastischer - sieht das etwas anders. Er überlegt kurz, um dann in der Manier des Besiktas-Innenverteidigers Pepe dazwischen zu grätschen: "Ich finde es einfach scheiße."

Das Auswärtskontingent von fünf Prozent wanderte an den FC Bayern. Das verärgerte sogar die Münchner Fans: "Gästefans ausschließen. Den eigenen Fans drohen. Handelt so die Bayern-Familie?" schrieben sie auf einem Plakat in der Südkurve. Bis dato war es üblich, Tickets im kleinen Rahmen an die Gästefans weiterzugeben.

"Wir hätten die Allianz-Arena zum Beben gebracht"

Das soll diesmal anders sein - wie von der Uefa vorgeschrieben. Weil den Bayern sonst selbst eine Strafe droht, werden die Sicherheitskontrollen beim Einlass verschärft. Die Südkurve vermutet dabei ein "Racial Profiling", also das Ausmisten nach äußerlichen Merkmalen. Bayern betonte hingegen, dass nur Fans im Besiktas-Dress keinen Zutritt hätten.

Die Münchner Polizei erwartet, dass es rund um die Partie ruhig bleibt. 400 Kräfte sind im Einsatz - wie üblich.

Bei Cicek und Özkan spürt man Euphorie vor dem großen Spiel - und irgendwie auch Verdruss. Nicht dabei zu sein beim Highlight der vergangenen Jahre: Das schmerzt. "Wir hätten die Allianz-Arena zum Beben gebracht", sagt Özkan: "Wir halten ja den Weltrekord von 142 Dezibel. Es ist wie das achte Weltwunder." Er lacht. Der Satz kann als Versprechen für das Rückspiel interpretiert werden.

Dann werden die Bayern die Leidenschaft der Schwarzen Adler kennenlernen.

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