Interview

Bayern-Legende "Bulle" Roth adelt Kompany: "Er hat alle Spieler besser gemacht"

Franz "Bulle" Roth spricht im AZ-Interview über den Kracher zwischen dem FC Bayern und Real Madrid, das besondere Gesicht der Königlichen in der Champions League und die Arbeit von Vincent Kompany: "Er hat alle Spieler besser gemacht."
von  Patrick Strasser
Franz "Bulle" Roth sieht seine Bayern gegen Real Madrid knapp im Vorteil.
Franz "Bulle" Roth sieht seine Bayern gegen Real Madrid knapp im Vorteil. © IMAGO/Frank Hoermann

AZ: Herr Roth, am Dienstag tritt der FC Bayern München zum Viertelfinal-Hinspiel der Champions League im legendären Stadion "Bernabéu" bei Real Madrid an. Vor ziemlich genau 50 Jahren, im März und April 1976, gehörten Sie mit zu den Pionieren dieses "Clásico Europeo" wie die Spanier das Duell nennen, das es schon 28 Mal gab. Wie hat es sich angefühlt, 1976 im Halbfinale des Europapokals der Landesmeister erstmals in diesem Kessel vor rund 120.000 Zuschauern zu spielen?
FRANZ ROTH: Das Stadion war total voll, der Lärm gewaltig. Dementsprechend war die Atmosphäre sensationell. Aber wir mussten uns auf unser Spiel konzentrieren, das ist das Wichtigste. Also haben wir nicht auf die Tribünen hochgeschaut. Außerdem waren wir große Kulissen gewohnt, hatten ein knappes Jahr zuvor, im Juni 1975, einmal im Maracanã von Rio de Janeiro gespielt. Ein Freundschaftsspiel gegen Fluminense aus Rio (Bayern verlor mit 0:1 durch ein Eigentor von Gerd Müller, d.Red.). Ich glaube da waren noch mehr Fans im Stadion, etwa 180.000 - das war wirklich der Wahnsinn.

Die Königlichen aus Madrid erlebten damals international eine Durststrecke, der letzte Gewinn des Landesmeister-Bewerbs lag bereits zehn Jahre zurück. In Spanien hieß es, Bayern sei der Favorit. Trotz der Legionäre Günter Netzer und Paul Breitner, die seit 1973 bzw. 1974 das Mittelfeld um den Spanier Pirri bereicherten. Wie gingen die Bayern mit Trainer Dettmar Cramer in die Halbfinals? Ehrfürchtig? Oder mit stolzer Mia-san-Mia-Brust?
Ob der Gegner einen großen Namen hatte oder nicht, spielte für uns keine Rolle. Außerdem waren wir der Titelverteidiger, haben den Henkelpott 1974 und 1975 gewonnen. Und in einem Halbfinale fragt man nicht, ob der Gegner Real Madrid, AS St. Étienne oder Inter Mailand heißt. Man fährt da hin, will gewinnen und unbedingt ins Finale. Da ist es egal, ob der Gegner vorher gut war oder nicht so gut.

Als ein junger Real-Fan auf Müller und den Schiedsrichter losging

Im Hinspiel startete Real dominant, hatte viele Chancen, Martínez erzielte das frühe 1:0. Es folgten wütende Angriffe Ihrer Bayern. Sie selbst hatten eine gute Chance per Weitschuss. Kurz vor der Pause traf der unvergleichliche Gerd Müller zum 1:1.
Es war ein giftiges Spiel, aber zum Glück hat ihn der Dicke, wie ich Gerd stets liebevoll nannte, eingeschweißt. Wie immer eigentlich (lacht).

Franz "Bulle" Roth und Paul Breitner, seinerzeit in Diensten von Real Madrid.
Franz "Bulle" Roth und Paul Breitner, seinerzeit in Diensten von Real Madrid. © imago

Trotz zahlreicher Chancen blieb es beim 1:1. Direkt nach Abpfiff folgte der Skandal. Ein junger Real-Fan lief aufs Spielfeld und verpasste Gerd Müller eine, schlug danach den Schiedsrichter nieder.
Ich sah ihn reinlaufen. Sepp Maier ist ihm geistesgegenwärtig hinterher, hat ihn zu Boden gerungen und festgehalten. Erst dann kamen spanische Polizisten hinzu. Wir übrigen Spieler haben das mitbekommen und gesehen, aber du bist ja in dem Moment völlig perplex, weil du nicht damit rechnest. Gut, dass der Sepp so schnell reagiert hat. Wer weiß, was der Typ noch vorhatte.

Wegen des verrückten Fans, "El Loco del Bernabéu", wurde Real von der Uefa mit einer Stadion-Sperre für ein Jahr bestraft. Doch zunächst stand das Rückspiel in München an. Davor sagte Paul Breitner: "Das Problem ist Sepp Maier. Er ist der beste Torhüter der Welt." Wie war das Gefühl in der Bayern-Mannschaft?
Wir waren sehr positiv gestimmt und sehr zuversichtlich, da wir in Madrid nicht verloren hatten. Wenn du im Europapokal auswärts unentschieden spielst, so haben wir damals gedacht, kannst du das Rückspiel zu Hause gewinnen und kommst zu 80 Prozent weiter. Im Rückspiel Heimrecht zu haben, ist auch heute noch ein großer Vorteil.

Gegen "Bulle" Roth hatte Reals Spielmacher Netzer nichts zu melden

So kam es. Im Olympiastadion traf Müller erneut zwei Mal, Sepp Maier hielt - wie von Real befürchtet - überragend.
Der Seppi war einfach unsere Bank.

Fertig war das 2:0, der dritte Finaleinzug hintereinander. Auch, weil Sie wie schon im Hinspiel erneut Reals Spielmacher Günter Netzer abgemeldet haben.
Das war meist meine Aufgabe, den gegnerischen Spielmacher auszuschalten. Für viele Trainer war dies im Fußball der damaligen Zeit der Schlüssel zum Erfolg. Denn die klassischen Spielmacher waren früher die Schaltstationen einer Mannschaft, über die lief fast jeder Angriff. Heutzutage ist die Aufgabe des Spielaufbaus auf mehreren Schultern verteilt. Früher hieß es: Bulle, wenn du den Spielmacher ausschaltest, haben wir schon mal 50 Prozent. Daran habe ich mich gehalten (lacht).

Für Netzer war es eine Qual, wie er hinterher bestätigte.
Ich habe in der Bundesliga gegen Günter Netzer gespielt, wenn wir auf Borussia Mönchengladbach getroffen sind - und als er bei Real spielte auch wieder. Ich glaube, hat er sich nicht so sehr gefreut, dass er mich wieder gesehen hat. Ich hatte ihn sehr gut im Griff, wie früher gegen bei Gladbach. Ich denke, ich war sein unangenehmster Gegenspieler, auf den er getroffen ist. Das hat er bis heute immer wieder zugegeben.

Am Dienstag findet nun das 29. Duell Real gegen Bayern statt, das Hinspiel ist Teil eins des Viertelfinals. Wer ist für Sie der Favorit? Gibt es überhaupt einen?
Für mich kommt Bayern weiter, 60:40 stehen die Chancen in Prozent, würde ich sagen. Auch weil es ein großes Plus ist, das zweite Spiel in der Allianz Arena zu haben.

Doch bei den letzten vier K.o.-Duellen, jeweils im Frühjahr 2014, 2017, 2018 und 2024, haben sich die Königlichen durchgesetzt.
Also wird es jetzt aber auch mal wieder Zeit! Doch die Statistik ist Vergangenheit, zählt jetzt nicht. Wir haben momentan, wenn alle gesund bleiben, die beste Offensive in ganz Europa. Auch wenn Real natürlich mit Kylian Mbappé und Vinicius Junior zwei ganz hervorragende Einzelspieler vorne drin hat. Und wenn ich das Kollektiv beider Mannschaften vergleiche, dann glaube ich, dass wir die bessere Mannschaft sind.

Roth schwärmt von Kompany: "Er hat alle Spieler besser gemacht"

Wenn die Flutlichter für die Champions-League-Spiele angehen, zeigt Real Madrid in dieser Saison, in der sie in der heimischen "La Liga" schwächeln, sein wahres Gesicht. Ganz so wie Sie mit den Bayern Mitte der 70er Jahre: In der Bundesliga abgerutscht, aber im Europapokal der Landesmeister haben Sie sich zusammengerissen.
(lacht) Ja, das stimmt. Genau zur richtigen Zeit kommen sie jetzt wieder in Form. Und dass Real eine Top-Mannschaft hat, darüber braucht man nicht zu reden. Mit Real Madrid musst du immer rechnen. Von diesen fünf Mannschaften bestreiten zwei das Endspiel: Bayern, Real, Barcelona, París Saint-Germain und Arsenal. Wir können, wenn wir unsere beste Leistung abrufen, ins Finale kommen, vielleicht sogar die Champions League gewinnen. Wenn sich keine wichtigen Spieler verletzen und wir unsere Spielweise beibehalten.

Es wäre die Krönung von Trainer Vincent Kompany am Ende seiner zweiten Saison.
Unsere Zuschauer sind begeistert, gehen derzeit wahnsinnig gerne in die Arena. Weil dort meist ein Spektakel geboten wird. Die spielen ja immer weiter nach vorne. Wenn sie 3:0 führen, wollen sie das vierte Tor machen. Wenn sie 4:0 führen, das fünfte. Das ist toll, ein Traum! Die Mannschaft ist super zusammengestellt, harmoniert prima, ist homogen - das ist auch ein großes Verdienst von Kompany. Er hat alle Spieler besser gemacht.

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