Interview

"Braucht Hilfe vom Verein": Magath erklärt Formdelle von FC-Bayern-Youngster Karl

Der Ex-Trainer des FC Bayern, Felix Magath, spricht über die Entwicklung von Wunderkind Lennart Karl. Er verrät auch, mit welch außergewöhnlichen Methode er einst Bastian Schweinsteiger in die richtige Spur brachte.
von  Kilian Kreitmair
Einst Double-Trainer beim FC Bayern: Felix Magath sieht die Formdelle von Lennart Karl als normal an.
Einst Double-Trainer beim FC Bayern: Felix Magath sieht die Formdelle von Lennart Karl als normal an. © IMAGO

AZ: Herr Magath, Sie sind seit August Sportvorstand bei Ihrem Heimatklub, Viktoria Aschaffenburg. Zuvor haben Sie sich jahrelang nur um Profiteams gekümmert. Was war die größte Umstellung?
FELIX MAGATH: Es ist immer noch eine Umstellung. Natürlich ist ein Profiverein wie der FC Bayern anders geführt. Im Amateurbereich kommen viele neue Herausforderungen auf dich zu. Die Spieler gehen noch einem Beruf nach und man hat kein festes Physio- und Ärzteteam. Da muss man viele Kompromisse eingehen. Weil man viele Dinge aus dem Profibereich anders kennt, weiß man aber auch, was alles verbessert werden kann. Das ist auch der Ausgangspunkt, warum ich es gemacht habe. Es ging mir nicht darum, dass ich von zu Hause rauskomme. Ich will den Verein weiterentwickeln.  

Viktoria Aschaffenburg ist stolz auf die Entwicklung von Karl

Viktoria Aschaffenburg ist nicht nur ihretwegen in Fußballdeutschland ein Begriff. Lennart Karl machte dort seine Anfänge. Wie stolz ist der Klub auf ihn?
Selbstverständlich ist man unheimlich stolz auf ihn. Man freut sich mit ihm über die wirklich großartige Entwicklung, die er gemacht hat.

Haben Sie noch mehr solche Karls im Angebot?
Das ist meine Grundidee bei der Viktoria. Es haben auch schon neben Karl und mir andere Vereinsmitglieder in den Profifußball geschafft. Rudi Bommer hat Bundesliga gespielt, Marcel Schäfer und auch Daniel Baier. Meine Absicht ist es schon, dass ich versuchen will, Spieler zu entwickeln, die den Sprung in den Profifußball schaffen.

In der Zeit des Internets entwickelt sich schnell ein Hype um so einen jungen Spieler.

Felix Magath

Magath sieht Karl-Formdelle als normal an

Bleiben wir bei Karl. Er hat aktuell seine erste kleine Formdelle, ihm gelingt nicht mehr alles. War das nach seinem kometenhaften Aufstieg zu erwarten?
Selbstverständlich. In der Zeit des Internets entwickelt sich schnell ein Hype um so einen jungen Spieler. Lennart Karl war auf einmal überall zu sehen. Das war schon sehr viel für so einen Jungen mit gerade erst 17 Jahren. Von daher ist es jetzt ganz normal, dass er zum Nachdenken kommt und seine Entwicklung verdaut.

Sie selbst haben beim FC Bayern ein junges, selbstbewusstes Talent in die richtige Spur gelenkt: Bastian Schweinsteiger. Worauf kommt es im Umgang mit Youngsters an?
Meine Trainertätigkeit zielte immer darauf ab, junge Spieler zu entwickeln. Das hat schon angefangen, als ich Amateurtrainer beim HSV war. Ich habe Hasan Salihamidzic mit 18 Jahren aus der Jugend in mein Team geholt. Später hat auch Philipp Lahm bei mir seine ersten Schritte in der Bundesliga gemacht. Um auf Ihre Frage zurückzukommen: Da gibt es kein Rezept, sondern jeder Spieler braucht etwas anderes. Ich erinnere mich an meine erste Begegnung mit Bastian Schweinsteiger nach der Europameisterschaft 2004. Wir hatten damals beim FC Bayern schon mit dem Training begonnen und er bekam wegen des Turniers etwas länger Urlaub. Bei der EM war er mit Lukas Podolski einer von wenigen DFB-Spielern, die viel Lob bekamen und gut gespielt hatten. Er wurde also ähnlich wie Lennart Karl gehypt. Und ich bin überzeugt, dass ein junger Spieler das nicht so leicht verkraften kann, und insofern wollte ich ihn wieder von der Wolke sieben herunterholen.

Bayerns Lennart Karl steckt in seiner ersten kleinen Formkrise.
Bayerns Lennart Karl steckt in seiner ersten kleinen Formkrise. © IMAGO

Magath schickte Schweinsteiger nach der EM 2004 zu den Amateuren 

Dafür haben Sie eine außergewöhnliche Methode gewählt. 
(lacht) Er hat sich bei seiner Rückkehr anständig bei mir gemeldet und meinte, er kann jetzt spielen. Er ging natürlich davon aus, dass ich ihm um den Hals falle und mich freue. Dann habe ich zu ihm erstmal gesagt: Wer sind Sie denn? (lacht) Er war daraufhin entsetzt. Ich habe ihn anschließend auch erstmal zu den Amateuren von Hermann Gerland geschickt. Das lag aber an der Tatsache, dass wir schon mitten in der Vorbereitung waren und ich ihn vorsichtig aufbauen wollte. Nach einer Woche habe ich ihn dann auch wieder hochgeholt und er hat es auch sehr gut weggesteckt. Daran sieht man, dass er eine gute Persönlichkeit hat.

Ist sowas in der heutigen Zeit noch denkbar? 
Selbstverständlich würde ich das wieder so machen. Egal, ob es Aufschreie gibt oder nicht. Man muss den Spielern zeigen, dass es nicht nur vorwärtsgeht und man auch Schritte zurückmachen muss. Der FC Bayern hat mich ja deswegen geholt, weil man sagte, die Mannschaft habe zu wenig Disziplin und zu wenig Fitness. Das war meine Aufgabe. Die habe ich erfüllt.

Man muss den Spielern zeigen, dass es nicht nur vorwärtsgeht und man auch Schritte zurückmachen muss.

Felix Magath

Karl braucht Hilfe vom FC Bayern

Zuletzt wurden die Diskussionen laut, Karl müsse mit zur WM. War das vielleicht verführt?
Das ist der Zeitgeist. Wenn heute jemand in jungem Alter in der Bundesliga auftritt, wird er sofort gehypt. Damit wird auf alle Beteiligten Druck aufgebaut. Somit ist es nicht verwunderlich, dass auch ein Spieler wie Karl eine Formdelle bekommt. Und in so einer Situation braucht der Spieler dann auch Hilfe vom Verein.

Julian Nagelsmann muss nicht nur entscheiden, ob er Karl mit zur WM nimmt, sondern braucht auch eine Lösung in der Torwartfrage. Er selbst sieht Baumann aktuell als die beste Lösung, auch, weil Manuel Neuer bekräftigte, dass er kein DFB-Comeback feiern möchte. Welche Lösung halten Sie für die Beste?
Da gibt es für mich keine Zweifel. Ich will den anderen Torhütern nicht zu nahe treten, aber Manuel Neuer ist außergewöhnlich. Das habe ich zu meiner Zeit auf Schalke selbst erlebt. Er war dynamisch, schnell und sprungkräftig. Als ich Ausdauerläufe machen ließ, war er der Einzige, der vorne weggelaufen ist. Genauso außergewöhnlich ist sein Spielverständnis. Natürlich macht er manchmal einen Fehler, aber er ist immer im Bilde und findet sehr schnell die richtige Lösung. Da unterscheidet er sich von den anderen Kandidaten.

Förderer von Manuel Neuer auf Schalke: Felix Magath.
Förderer von Manuel Neuer auf Schalke: Felix Magath. © IMAGO

Neuer-Verlängerung wäre für Urbig wichtig 

Mit anderen Worten: Nagelsmann sollte auf ihn doch noch zukommen und ihn mitnehmen?
Es wäre für die deutsche Nationalmannschaft sehr gut, wenn er wieder zurückkäme. Aber es kann am Ende nur er selbst entscheiden. Er muss schauen, in welchem Zustand er ist und ob er sich in der Lage fühlt, bei so einem großen Turnier anzutreten.

Davor muss er auch noch entscheiden, ob er seinen Vertrag beim FC Bayern um ein weiteres Jahr verlängert.
Wenn er sich körperlich in der Lage fühlt, wird er noch ein Jahr machen. Für den FC Bayern und Jonas Urbig wäre es sinnvoll, wenn die beiden nochmal eine Saison zusammen machen würden. So kann Urbig von ihm noch weiter lernen.

Für den FC Bayern und Jonas Urbig wäre es sinnvoll, wenn die beiden nochmal eine Saison zusammen machen würden. 

Felix Magath

Magath traut dem FC Bayern das Triple zu 

Rein theoretisch könnte er sich auch mit dem Triple verabschieden. Trauen Sie das den Bayern in dieser Saison zu?
Natürlich traue ich ihnen das mit Manuel Neuer zu. Der FC Bayern ist immer noch die einzige Mannschaft in Deutschland, die internationalen Top-Niveau ist. 

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