Bayerns Pleite gegen Arsenal: Schramme oder Lehre?

Das 2:0 von Arsenal in der Champions League könnte die Blaupause sein, wie man Bayern schlagen kann. Matthäus sagt dazu: „Wengers Taktik schlägt Guardiolas Taktik.“
von  Patrick Strasser
Deprimiert: Die Bayern um Kapitän Philipp Lahm (l.) trotten nach dem 0:2 in der Champions League bei Arsenal London vom Platz.
Deprimiert: Die Bayern um Kapitän Philipp Lahm (l.) trotten nach dem 0:2 in der Champions League bei Arsenal London vom Platz. © firo/augenklick

London - Wer zuvor nicht genau zugehört hatte, blickte während des After-Work-Banketts im Teamhotel „The Landmark“ irritiert von seinem Teller auf. Wie bitte? Was hat er gesagt? Zum Ende seiner Tischrede rief Karl-Heinz Rummenigge, der Vorstandsvorsitzende, den Bayern-Profis zu: „Macht einfach weiter so!“ Womit er nicht das misslungene Spiel meinte, sondern die Siegesserie der aktuellen Saison.

0:2 verlor der FC Bayern beim FC Arsenal im dritten Spiel der Champions-League-Vorrunde. Serie gerissen. Halb so wild. Mund abputzen, weiter essen, weiter siegen. Drei Punkte sind weg, kurzfristig auch die gute Laune. Alles kein Beinbruch, höchstens eine Prellung des Selbstbewusstseins.

„Verlieren ist nie schön“, merkte Rummenigge an, schaltete schnell in den Trotzdem-Loben-Modus um: „Es war ein sehr gutes Champions-League-Spiel auf sehr hohem Niveau. Der Glücklichere hat am Ende gewonnen. Es hätte auch anders laufen können, wir hatten gute Chancen, hätten als Gewinner vom Platz gehen können.“

Hätte, hätte, Fehlerkette.

Torhüter Manuel Neuer sprang am Ball vorbei und sämtliche Bälle, die Thiago, Arturo Vidal oder Robert Lewandowski aufs Tor des Gegners brachten, parierte Petr Cech.

13 Mal, saisonübergreifend 14 Mal, war Bayern ungeschlagen geblieben. Das erste Mal seit 17 Partien ging man ohne eigenen Treffer vom Feld.

Es fühle sich „nicht gut“ und „komisch“ an, meinte Thomas Müller. Verlieren verlernen – eigentlich der Idealzustand im Bayern-Kosmos. Doch auf der europäischen Bühne ist man, vor allem auswärts, lange nicht so souverän wie in der Bundesliga, in der man mit neun Siegen am Stück startete. Nur eines der letzten sechs Auswärtsspiele in der Champions League konnte Bayern gewinnen. Auf ein 2:3 bei Manchester City zum Ende der Gruppenphase 2014/15 folgten in den K.o.-Runden des Frühjahrs: Das 0:0 bei Schachtjor Donezk, das 1:3 beim FC Porto sowie das 0:3 in Barcelona. Vor fünf Wochen gelang zum Auftakt der diesjährigen Vorrunde ein 3:0 bei Olympiakos Piräus.

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Aber was ist dieses 0:2 nun? Lediglich eine Schramme oder eine Lehre? Nicht für die Bayern, sondern für andere Gegner von ähnlicher Qualität, die nun wissen, wie man gegen die Guardiola-Truppe bestehen kann. Sachdienliche Hinweise lieferten die Arsenal-Profis wie etwa Theo Walcott, der verriet: „Wenn man die erste Pressingwelle umgeht, hat man eine Chance gegen sie.“ Weltmeister Per Mertesacker meinte: „Uns hat keiner so tief stehend erwartet. Unser Matchplan ist voll aufgegangen: Bayern auf die Außen drängen und so lange wie möglich das zu Null halten.“

Das Hauptproblem der Bayern lag – neben Neuers Aussetzer und der mangelnden Chancenverwertung – in der Mitte des Spiels. Von hier wurden die Außen zu wenig bedient. Im Maschinenraum des Pep’schen Kombinationsfußballs liefen einige Motoren auf viel zu niedrigen Touren. Arturo Vidal wirkt entkräftet und überspielt nach einem Sommer ohne Pause wegen der Copa América. Thiago ist in manchen Situationen zu ballverliebt und verspielt. Xabi Alonso hatte erstmals in dieser Hinrunde mit dem schnellen Umschaltspiel des Gegners Probleme, vor allem, wenn als Balljäger.

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„Wengers Taktik schlägt die Taktik von Pep“, erklärte Lothar Matthäus bei „Sky“. Der Rekordnationalspieler weiter: „Arsenal hat das Bayern-Spiel zum Stehen gebracht. So erklärt sich auch die Ballbesitz-Statistik. Die Initiative, in den Strafraum reinzukommen, hat mir gefehlt.“ Treffend. „Wir haben eigentlich unser Spiel durchgedrückt“, analysierte Weltmeister-Verteidiger Jérôme Boateng, „insgesamt war aber das zu wenig. Wir sollten daraus lernen. Wir hatten so viel Ballbesitz, haben aber zu wenig daraus gemacht.“ Der Abwehrchef sprach das Manko des Guardiola-Stils an, das dann sichtbar wird, wenn das Team ohne zu vollstrecken über 600 Pässe spielt wie am Dienstagabend. 70 Prozent Ballbesitz, null Prozent Ball im Netz. Aber es funktionierte ja zuletzt immer.

Die kleine Schramme, die Arsenal Bayern verpasst hat, dürfte schnell verheilen. Schon am Samstag will man sein schönstes Gesicht zeigen. Gegen den 1. FC Köln könnte man den 1000. Bundesliga-Sieg feiern.