Andere Saiten aufgezogen: Klopp stellt einige Privilegien in Frage
Noch ist kein Spiel gespielt. Und natürlich ist längst nicht alles Gold, was glänzt. Anderes umso mehr. Die Sonne strahlte, die Zähne leuchteten. Beim Abschlusstraining der Nationalmannschaft am Mittwochvormittag auf dem Adidas-Gelände in Herzogenaurach ging Jürgen Klopp vor der Abreise zu seinem Debüt-Länderspiel in den Niederlanden (am Donnerstag, 20.45 Uhr, RTL) auf die Journalisten zu.
Klopp setzt beim DFB auf Nähe
Mit breitem Lächeln beantwortete er ganz locker ein paar Fragen. Der 59-Jährige macht momentan einiges richtig in seiner bisher knapp sechswöchigen Amtszeit als Bundestrainer. Nähe ist das neue Losungswort. Keine Abschottung, weniger Distanz. Nähe first. Und Verbindungen schaffen, im Idealfall: Bündnisse. Die Kappe sei Klopps Idee gewesen, heißt es. Köpfchen muss man haben.
Oder Kosicke. Marc Kosicke, der Berater und Manager, im Team Klopp der Vordenker. "Einer von 83 Millionen" stand auf der Basecap, die Klopp während der Kadernominierungspressekonferenz trug. Die Kappe samt Logo von Ausrüster Adidas in den Farben der Deutschland-Flagge war zunächst auf 500 Stück limitiert und nicht im freien Verkauf zu haben.

Klopp: "Ich möchte uns die Fahne zurückholen"
Die Idee: ein exklusives Geschenk für Partner und enge Vertraute. Doch die Nachfrage war – erwartbar – gewaltig, das gute Stück kommt auf den Markt. Klopp auf'm Kopp. Der Start in eine neue DFB-Ära: Auf die K(l)appe, fertig, los!
Im Kopf haben die Fans den Patriotismus-Appell, den der Neue vor einer Woche vorgetragen hatte: "Ich möchte uns die Fahne zurückholen. Dass man das Gefühl hat, dass man happy ist und dass man das Glück hat, in diesem wundervollen Land zu leben. Ich möchte Nationalstolz nicht den falschen Leuten überlassen. Es erfüllt mich mit Stolz, diesen Job auszuführen."
Klopp besuchte unter anderem Kompany beim FC Bayern
Das kam bei den meisten gut an. Der Boden ist bereitet. Der schändliche Auftritt der Nationalelf bei der WM diesen Sommer in Nordamerika soll der Vergangenheit angehören. Weil das Sechzehntelfinal-Aus mit Vorgänger Julian Nagelsmann verbunden ist.
Nagelsmann ging, Klopp erschien. Er stieg von den Sphären des TV-Expertentums herab, um den Thron der deutschen Trainerzunft zu besteigen. Aber nicht als Allwissender, sondern als (Be-)Suchender. Spiel um Spiel tauchte Klopp in den Stadien auf, besuchte Trainingszentren, sprach mit Vereinstrainern wie Vincent Kompany in München, Sebastian Hoeneß in Stuttgart und Julian Schuster in Freiburg.

Neuer Bundestrainer nominierte 44 Profis
Er schaffte ein Novum, berief gleich zwei DFB-Kader, verteilte sie auf je zwei Spiele. Fertig waren 44 glückliche Profis. Der Leipziger Brajan Gruda, einer von 16 Neulingen, musste verletzt absagen. Die 43 Auserwählten gehen nun in die Klopp-Schule, die Lernfächer: hohe Intensität, Raumdeckung, Gegenpressing – wie einst in Mainz, Dortmund und Liverpool.
Kein Friseur mehr im Teamhotel: Stars des FC Bayern müssen sich umgewöhnen
Die Bayern-Profis, die unter Kompany hybride Manndeckung über den gesamten Platz praktizieren, müssen sich etwas umstellen. Wichtiger sind Klopp: Leidenschaft und Hingabe. Wollen steht über Können. Und Disziplin, Gemeinschaftsgeist vor Ego-Trips. Besuche von Friseuren oder Stylisten im Teamhotel beziehungsweise im Mannschaftsquartier sind ab sofort tabu. Wie Handys beim Anschwitzen im Fitnessraum oder während der Physiotherapie. Beim Abendessen gilt nicht wie unter Nagelsmann Gleitzeit, sondern strikte Pünktlichkeit. Neue Besen kehren streng.

Klopp will beim DFB mitreißen
Mit seinem Trainerteam hatte sich Klopp im August in Blankenhain (Thüringen) zu einem mehrtägigen Workshop zurückgezogen. Der Niederländer Pepijn, genannt Pep, Lijnders (43), war bereits in Liverpool Klopps rechte Hand und ist nun einer der Co-Trainer. Um sein Deutsch zu verbessern, buchte sich Lijnders eine Woche in ein Kloster ein.
Bei einem Town-Hall-Meeting am DFB-Campus in Frankfurt hielt Klopp eine Rede, darauf folgte ein gemeinsamer Grillabend. Er will das, was er schon immer verkörperte, auch beim DFB vorantreiben: seine Sogwirkung. Klopp will mitreißen. Alle Mitarbeiter, die Spieler, die Fans, das ganze Land. Er will die gute Laune zurückholen, das Miteinander, den Lagerfeuer-Charme eines Länderspiels, die Fahne – und nicht zuletzt: den Erfolg. Ohne den ist alles nichts.

