Amateur-Legende Schweinsteiger verrät: Seit über 25 Jahren Mitglied in einem Löwen-Fanklub

AZ: Herr Schweinsteiger, es ist der 12. August 2014. Nach dem 3:1-Derbysieg gegen den TSV 1860 II stehen Sie mit Bayern-Strohhut auf dem Zaun und feiern. Was ging Ihnen in diesem Moment durch den Kopf?
TOBIAS SCHWEINSTEIGER: Das ist schon lange her. (lacht) Es war damals ein super Spiel bei einer großartigen Atmosphäre. In dem Spiel hat man schon gemerkt, wie das die Stadt und beide Fanlager elektrisiert. Dann bekam ich den Hut zugeschmissen, weil ich zu der Zeit schon eine coole Verbindung zur Fanszene hatte. Und ich als Kapitän habe es genossen. Es war einfach ein schöner Moment und ein Foto, das in Erinnerung bleibt.
Schweinsteiger ist seit Jahrzehnten Mitglied im Fanklub "Wendelstein Löwen"
War das Ihr persönlicher Lokalderby-Moment?
Das Bild bleibt in Erinnerung. Aber ich habe alle Stadtderbys sehr genossen. Und besonders die, die wir gewonnen haben. Aber auch aus den Niederlagen habe ich immer etwas herausgezogen.
Als ich mit dem Skifahren aufgehört habe und in der Bezirksliga wieder Fußball gespielt habe, wurde ich Mitglied der "Wendelstein Löwen".
Dass Sie zur Ikone der Bayern-Amateure wurden, war nicht vorgezeichnet. Sie waren in jungen Jahren Sechzig-Fan und Mitglied im Fanklub "Wendelstein Löwen". Wie kam das?
Das bin ich immer noch. (lacht) Zu der Zeit, als Sechzig die Qualifikation um die Champions League gespielt hat und die großen Zeiten in der Bundesliga erlebte, ging ich dort gerne ins Stadion. Ich hatte auch im Freundeskreis viele Löwen-Fans. Als ich mit dem Skifahren aufgehört habe und in der Bezirksliga wieder Fußball gespielt habe, wurde ich Mitglied der "Wendelstein Löwen". Den hatten ein paar aus meiner Mannschaft gegründet und jeder ist da eingetreten. Und irgendwie lief das dann über die Jahre immer weiter. Ich habe es dann erst mitbekommen, dass ich noch Mitglied bin, als ich die Einladung für mein 25-jähriges Jubiläum bekommen habe.

Schweinsteiger mag die Sticheleien rund um das Stadtderby
Sie hatten also nie eine Antipathie gegen einen der Vereine?
Ich war immer jemand, der zu den bayerischen Vereinen gehalten hat. Antipathien hatte ich höchstens gegen Menschen, die mir etwas Böses getan haben. Ich mag auch diese Sticheleien und diese Konkurrenz in der Stadt. Davon lebt das Ganze ja. Wenn es das nicht geben würde, wäre es ein bisschen langweilig.
Das hat sich vielleicht auch aufgrund meiner Person so entwickelt.
Ihr erstes Stadtderby mit dem FC Bayern II hatten Sie wenige Wochen nach Ihrem Wechsel, ein 2:0-Sieg am 5. August 2012. War da eine gewisse Anspannung?
Zu der Zeit ging es auch erst los, dass mehr Zuschauer kamen. Das hat sich vielleicht auch aufgrund meiner Person so entwickelt. Aber ich war eigentlich nie besonders angespannt oder aufgeregt. Ich habe die Stimmung aufgesaugt und das auch den jungen Spielern mitgegeben, weil man solche Stadtderbys nicht oft spielt.

Amateure-Legende berichtet von besonderer Busfahrt zum Stadion
Sie sprechen es an: Die Stimmung rund um das Spiel ist anders als sonst. Wie nimmt man diese auf dem Weg ins Stadion?
Wir sind damals immer mit dem Bus von der Säbener Straße zum Grünwalder gefahren. Auf dieser Fahrt wurden noch ein paar Videos angespielt, um den Fokus hinzubekommen. Die waren in dem Moment aus, als wir zum Stadion abgebogen sind. Dann konnte man auch das erste Mal rausschauen und hat die Fanmassen gesehen.
Da bin ich auch mal zu den Fans gegangen und habe die Jungs aus der Fanszene gefragt, wie lange das noch geht und wie viel sie dabeihaben.
Und wie war es im Stadion?
Im Spiel gab es oft Unterbrechungen wegen Pyrotechnik. Da bin ich auch mal zu den Fans gegangen und habe die Jungs aus der Fanszene gefragt, wie lange das noch geht und wie viel sie dabei haben. Das konnte ich dann an den Schiedsrichter und die Mitspieler weitergeben. Später als Co-Trainer der Amateure bin ich einmal zu den Fans gegangen und meinte: "Es ist alles schön und gut, aber ihr könnt nicht einfach 45 Minuten lang Hassgesänge anstimmen, feuert doch lieber uns an." Dann hatten wir in der zweiten Halbzeit eine andere Atmosphäre und konnten das Spiel auf unsere Seite ziehen. Es gibt also so Kleinigkeiten, wie man in bestimmten Situationen den Druck aus der Situation nehmen kann.

Schweinsteiger feierte Derbysiege beim Griechen
Von sechs Stadtderbys als Spieler haben Sie vier mit den Bayern gewonnen. Worauf kam es in diesen Spielen an?
In den ersten Stadtderbys, damals waren die Profis noch in der 2. Bundesliga, hatten sie schon eine gute Regionalligamannschaft. Da ging es für uns darum, ihre Stärken aus dem Spiel zu nehmen. Als wir dann gemerkt haben, dass wir besser als sie sind, ging es darum, unsere Stärken durchzusetzen. Auch muss man in dem Spiel immer darauf eingestellt sein, dass es Unterbrechungen gibt und die Pause länger dauern kann.
Ich war immer ein alter Spieler und bin es ruhiger angegangen, während die Jungs um die Häuser gezogen sind.
Was war die verrückteste Stadtderby-Party?
Ich war immer ein alter Spieler und bin es ruhiger angegangen, während die Jungs um die Häuser gezogen sind. (lacht) Meistens bin ich mit meiner Familie und ein paar Freunden zum Griechen in der Säbener Straße. Dort waren auch gemischte Fans und man hat das Spiel Revue passieren lassen. Es war dann auch witzig, wenn du Sechzig-Fans am Tisch hattest und über Szenen diskutiert wurde. Da hat man schon gemerkt, dass viele noch ihre Fanbrille aufhatten.

Schweinsteiger blieb in brisanten Derby-Momenten ruhig
Sie wurden im Laufe der Zeit zum Kapitän und Anführer. Wann wurde Ihnen klar, dass Sie zur Legende der Bayern-Amateure werden können?
Ich weiß nicht, ob ich dort überhaupt eine Legende bin. (lacht) Was ich merke, ist, dass ich bei den Jungs, die viele Spiele von den Amateuren geschaut haben, einen hohen Stellenwert habe. Die grüßen mich immer, was im Fußball schonmal ganz gut ist. Da weiß man, dass man nicht so viel falsch gemacht hat. (lacht) Aber ich war eigentlich immer jemand, der versucht hat, vornewegzugehen. Deswegen war es immer schön, wenn ich die Mannschaft aufs Feld führen durfte.
Es sind trotzdem alles Menschen und nicht jeder, der bei Sechzig spielt, hat in Sechzig-Bettwäsche geschlafen.
Später wurden Sie Co-Trainer von Tim Walter, haben dort weitere Derbysiege gefeiert. Waren Sie da entspannter oder noch angespannter, weil Sie das Spiel weniger beeinflussen konnten?
Ich bin eher der Typ, der ruhig und fokussiert ist. Das war ich auch als Co-Trainer. Es gab zum Beispiel mal eine Szene, als ein Löwe vor unserer Bank ein brutales Foul fabrizierte. Da sprang dann die ganze Bank auf und es gab eine Rudelbildung. Ich habe dann versucht, den Spieler rauszuziehen und ihn vor unseren Jungs zu schützen. Ich wollte also immer den Überblick behalten. Es sind trotzdem alles Menschen und nicht jeder, der bei Sechzig spielt, hat in Sechzig-Bettwäsche geschlafen. Und das gilt auch für die Spieler, die beim FC Bayern spielen.

Schweinsteiger hält Reisinger-Aussagen für unnötig
Sie standen später sowohl bei den Bayern-Amateuren als auch beim TSV 1860 als Trainer im Gespräch. Beim Löwen wollte Sie der damalige Präsident Robert Reisinger nicht, da Sie den falschen Stallgeruch hätten. Wie haben Sie das aufgenommen?
(lacht) Es ist immer so, dass man nie mit einer Person im Gespräch ist, sondern mit mehreren. Dann kam die Aussage und selbst den Mitarbeitern bei Sechzig war klar, dass es jetzt keinen Sinn mehr macht, weil durch die Aussage viel zerschossen wurde. Wo der Weg bei Sechzig anschließend hinging, haben wir gesehen. Bei den Bayern-Amateuren war es ähnlich. Es wäre einer der ganz wenigen Stationen gewesen, bei denen ich angefangen hätte, obwohl sie nicht in der 2. oder 3. Liga spielen. Aber auch hier haben sich die Leute anders entschieden und ich habe meinen Weg eingeschlagen.
Wenn Leute Aussagen treffen, wollen sie damit bestimmte Leute bedienen.
Haben Sie die Aussagen von Reisinger damals getroffen?
Ich weiß ja, woher es kommt. Wenn Leute Aussagen treffen, wollen sie damit bestimmte Leute bedienen. Ich fand es einfach unnötig und auch eines Unternehmers und Präsidenten eines solchen Vereins nicht würdig. Aber es wurde eben gesagt. Dadurch, dass es keine persönliche Beleidigung war, ist alles in Ordnung.

Ex-Amateure-Kapitän tippt Remis für Derby
Ihre letzte Station beim VfL Osnabrück liegt mittlerweile drei Jahre zurück, obwohl Sie durchaus ein ambitionierter Trainer sind.
Ich bekomme immer noch Angebote, die ich vor fünf Jahren blind angenommen hätte. Aber ich habe aktuell mit meiner Firma "GAMECODE.AI" super viel zu tun. Gleichzeitig habe ich Beteiligungen an weiteren Start-ups und arbeite noch für DAZN. Was die Zeit bringt, werden wir sehen, aber im Moment steht es nicht ganz oben auf der Agenda.
Das Gespräch ist Teil der neuen Interview-Reihe "Talk bei distorted people – das AZ-Interview".