Interview

25 Kilometer mit sieben Jahren: Wie Browns Ehrgeiz ihn zum FC Bayern brachte

Christian Lichtenauer, Ziehvater von Nathaniel Brown, gibt Einblicke in die Jugend des Außenverteidigers. Und erklärt, warum der 23-Jährige so gut zum FC Bayern passt.
von  Kilian Kreitmair
Unterschrieb jüngst einen langfristigen Vertrag beim FC Bayern: Nathaniel Brown.
Unterschrieb jüngst einen langfristigen Vertrag beim FC Bayern: Nathaniel Brown. © IMAGO

AZ: Herr Lichtenauer, Ihr Ziehsohn Nathaniel Brown hat erst eine starke WM gespielt, ist jetzt zum FC Bayern gewechselt. Was ist das für ein Gefühl, wenn Sie überlegen, dass Sie ihn als Kind unzählige Male zum Training gefahren haben?
CHRISTIAN LICHTENAUER: Ich freue mich riesig für ihn. Man sieht aktuell nur dieses Endergebnis, aber es war ein langer Weg über Kümmersbruck, Regensburg, Nürnberg und Frankfurt. Vor allem seit er bei der Eintracht erste Einsätze bekommen hat und extrem gut performt hat, ging es für ihn explosionsartig durch die Decke. Ich bin unfassbar stolz auf das, was er bisher erreicht hat – sowohl fußballerisch als auch auf seine Art, wie er sich präsentiert. Er war schon immer ein wunderbarer Mensch, aber hält diese Art einfach bei, wie er mit Menschen umgeht. Das ist schön zu sehen.

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Brown hatte schon als Knirps immer einen Ball dabei

Sie begleiten Brown seit seinem zweiten Lebensjahr. Wie kam er zum Fußball?
Ich bin kurz vor seinem dritten Geburtstag mit seiner Mama zusammengekommen und da hat Nene mit dem Fußballspielen begonnen. Schon bevor er Fußball spielen konnte, hat er extrem gerne Ball gespielt. Seine Mama war immer in dem Fitnessstudio, in dem ich gearbeitet habe, und Nene war in der Kinderbetreuung. Da hatte er eigentlich immer einen Ball dabei. Wir haben dann ab und zu den Ball hin und her gekickt. Weil ihm der Ball förmlich am Fuß klebte, war die logische Konsequenz, dass man den Jungen in einen Fußballverein steckt. Das hat seine Mama dann auch gemacht.

Als kleiner Junge war Nene tatsächlich Barca-Fan. Mit zwei oder drei Jahren hatte er sein erstes Barca-Trikot und ist damit rumgelaufen.

Christian Lichtenauer

War er ein Junge, der in Bayern-Bettwäsche geschlafen hat und nur Fußball im Kopf hatte?
Als kleiner Junge war Nene tatsächlich Barca-Fan. Mit zwei oder drei Jahren hatte er sein erstes Barca-Trikot und ist damit rumgelaufen. Er hat den Fußball geliebt und für ihn gab es auch nichts anderes. Ich kann gar nicht sagen, woher das kommt. Er hat mit den Kumpels am Bolzplatz oder in Indoorspielplätzen gespielt. Ich habe auch oft mit ihm gekickt. Und dann hat er noch im Verein gespielt. Gleichzeitig hat er später ohne Ende auf der Konsole Fifa gespielt. Als er in der Schule war, kannte er jeden Spieler aus der Bundesliga und der 2. Bundesliga, seine Position und die Marktwerte.

Ballverliebt seit Kindestagen: Nathaniel Brown.
Ballverliebt seit Kindestagen: Nathaniel Brown. © privat

Brown spielte bei Jugendverein Kümmerbruck noch im Mittelfeld

Er soll als Kind geweint haben, wenn er ausgewechselt wurde.
Das war ein einmaliges Erlebnis. Es war, glaube ich, sogar sein erstes Spiel für Kümmersbruck. Da hat ihn sein Trainer Christian Kammerl ausgewechselt. Damals hat es in Strömen geregnet und alle Kinder wollten, so schnell es ging, in die Kabine. Aber Nene war das egal. Er wollte einfach nur Fußball spielen.

Er denkt nicht darüber nach, wo die Grenzen sind, sondern er macht es einfach. 

Christian Lichtenauer

Wann haben Sie gemerkt, dass er es in den Profifußball schaffen kann?
Er hat Kümmersbruck im zentralen Mittelfeld gespielt. Er hatte eine sensationelle Übersicht und hat Pässe in die Tiefe gespielt, die außergewöhnlich gut waren. Die Pässe sind aber nur selten angekommen, weil die Mitspieler zu langsam waren. Auch hat man seine Sportlermentalität, seinen Ehrgeiz gesehen. Ein Erlebnis, das mir da in den Kopf kommt, ist ein Charity-Lauf in der Schule. Die Kinder mussten da laufen und die Eltern haben pro Kilometer einen bestimmten Betrag gespendet. Jedes Kind durfte so weit laufen, wie es konnte. Nene ist gelaufen und gelaufen. Irgendwann, nach ungefähr 25 Kilometern, haben sie den Jungen, und er war da sieben Jahre alt, gestoppt, weil er sonst ewig weitergelaufen wäre. Das zeigte seine Mentalität, was den Sport anbelangt. Er denkt nicht darüber nach, wo die Grenzen sind, sondern er macht es einfach. In jungen Jahren war also schon erkennbar, dass er ein Talent hat, das man fördern sollte. Da war aber noch nicht der Gedanke, dass er ein Superstar werden könnte.

Begleitete Nathaniel Brown bei der WM: Christian Lichtenauer.
Begleitete Nathaniel Brown bei der WM: Christian Lichtenauer. © privat

FC Bayern erkundigte sich bereits in der Jugend nach Brown

Er wurde dann auch bei Profivereinen gefördert.
Genau. Wir sind mit Nene zu einem Talentsichtungsturnier gefahren und er durfte beim 1. FC Nürnberg mittrainieren. Wenig später sind wir auch zu einem Talentsichtungsturnier nach Regensburg gefahren. Der Jahn wollte ihn sofort verpflichten. Er hat dann die Saison in Kümmersbruck noch zu Ende gespielt, parallel dort aber schon mittrainiert. Seine Mama hat ihn da überwiegend hingefahren und sein kleiner Bruder Ben war bei fast jeder Fahrt dabei. Beim Jahn hat er dann schnell überzeugt und wurde zu einem der besten Spieler im Team, sodass dann verschiedene Vereine an uns herangetreten sind.

Das erste Mal gemerkt, dass er es schaffen kann, war bei den Profis in Nürnberg. 

Nathaniel Brown

Welche Vereine waren das?
Ingolstadt, die damals in der Bundesliga waren, und der 1. FC Nürnberg. Auch Bayern München hat uns zu einer ersten Kontaktaufnahme eingeladen. Da war aber die Überlegung noch nicht so groß, dass sie den Jungen holen, weil die Entfernung für uns sehr weit gewesen wäre. Da wäre seine einzige Möglichkeit gewesen, ins Internat zu gehen. Auch deswegen haben wir uns dann für Nürnberg entschieden. Dort hat er zwar alles gegeben, aber er hat am Anfang kaum Einsatzminuten bekommen. Erst als sich jemand auf seiner Position verletzt hat, durfte er spielen. Er hat es dann sensationell gemacht und einen Stammplatz bekommen. Später durfte er auch bei den Profis mittrainieren, was uns riesig gefreut hat. Es war also ein langer Weg, der sich nach und nach abgezeichnet hat. Und um zurück zur Frage zu kommen: Das erste Mal gemerkt, dass er es schaffen kann, war bei den Profis in Nürnberg. Da war es irgendwo schon cool zu sehen, dass er in der 2. Bundesliga mithalten kann.

Stabil! Nathaniel Brown und sein Ziehvater Christian Lichtenauer.
Stabil! Nathaniel Brown und sein Ziehvater Christian Lichtenauer. © privat

Brown machte Ausbildung im Fitnessstudio von Lichtenauer

Er hat bei Ihnen im Fitnessstudio eine Ausbildung zum Sport- und Fitnesstrainer gemacht. Wie wichtig war es Ihnen, dass er nach dem Schulabschluss eine Ausbildung macht, falls der Traum vom Profifußballer nicht funktioniert?
Nene wurde früh eingeschult und hat den M-Zug gemacht. Zu dem Zeitpunkt war er schon ein außergewöhnlich guter Fußballer in der Jugend von Nürnberg. Aber irgendwo war es trotzdem so, dass wir wollten, dass er das Arbeitsleben schonmal gesehen haben sollte, falls es nicht funktioniert. Aber zeitlich war es unmöglich, dass er eine Ausbildung mit 40 Arbeitsstunden pro Woche absolviert. Deswegen hat er von Montag bis Freitag bei mir im Betrieb mit einer Sondergenehmigung am Vormittag seine Ausbildung gemacht. Am Mittag ging es dann mit dem Fahrrad nach Hause zum Essen, und anschließend hat ihn seine Mama ins Training gefahren oder er ist selbst mit dem Zug nach Nürnberg gefahren. Da kam er erst spät am Abend wieder heim.

Falls es mit dem Profifußballer nichts geworden wäre, wäre er heute also Fitnesstrainer.
Durch mich hatte er immer einen gewissen Bezug zum Kraftsport. Wir haben ab und zu miteinander Fitnesstraining gemacht, unabhängig vom Fußball. Und er konnte sehr gut erklären. Wir haben zum Beispiel im Garten ein großes Trampolin. Er hat da unzählige Saltos gemacht. Seinen ganzen Kumpels und den Nachbarkindern hat er das auch beigebracht. Deshalb wäre er auch ein guter Trainer. Und ja, hätte es mit dem Fußball nicht geklappt, würde er wahrscheinlich im Fitnessstudio arbeiten.

Ein echter Familienmensch: Bayern-Neuzugang Nathaniel Brown.
Ein echter Familienmensch: Bayern-Neuzugang Nathaniel Brown. © privat

Lichtenauer sieht Publikumslieblingspotenzial bei Brown

Wie froh sind Sie, dass er weiterhin in der Nähe spielt und nicht zum Beispiel nach Spanien oder England wechselte?
Egal welchen Weg er eingeschlagen hätte, wir hätten ihn immer unterstützt. In Frankfurt war es richtig cool. Der Verein hat für ihn so viel gemacht. Bevor Nene zum Beispiel zur Eintracht gewechselt ist, hatte ich keinen Bezug zu dem Verein. In dieser Zeit habe ich mich tatsächlich zum Fan entwickelt. Die Atmosphäre war supercool. Aber grundsätzlich bin ich ein Nene-Fan. Also von dem Verein, bei dem Nene spielt, bin ich auch Fan von. Und rein aus meinem familiären Hintergrund waren wir schon immer Bayern-Fans. Mein Papa und mein Bruder sind zum Beispiel riesige Bayern-Fans. Von daher ist sein Wechsel zum FC Bayern schon etwas Außergewöhnliches. Und wenn man darüber nachdenkt, ist er einer von wenigen echten Bayern, die für Bayern München spielen. Das ist absolut cool und kultig.

Glauben Sie, dass er sich beim Verein schnell wohlfühlen wird?
Ich glaube, dass er beim FC Bayern mit seiner angenehmen Art sehr gut ankommen wird und sehr schnell einen hohen Beliebtheitsgrad haben wird. Er wird sich in München wohlfühlen und bei den Bayern reinarbeiten. Es wird mit Sicherheit nicht einfach, das war es aber nirgendwo, aber er hat die richtige Einstellung dazu.

Ich glaube, dass er beim FC Bayern mit seiner angenehmen Art sehr gut ankommen wird und sehr schnell einen hohen Beliebtheitsgrad haben wird.

Christian Lichtenauer

Brown wurde in den letzten Jahren selbstbewusster 

Was zeichnet ihn Ihrer Meinung nach auf und neben dem Platz aus?
Auf dem Platz ist es vor allem diese extreme Geschwindigkeit, die er auch mit dem Ball hat und seine Pässe, die er in die Mitte schlägt. Mittlerweile hat er auch eine granatenmäßige Zweikampfstärke. Das ist echt cool! Und neben dem Platz hat er eine extrem positive Art. Nene ist immer höflich, respektvoll und herzlich. Er hat sich durch den Erfolg nullkommanull verbiegen lassen. Er ist im Vergleich zu seinen Kinderjahren nur selbstbewusster geworden. Kurzum: Er ist einfach ein unglaublich lieber Kerl. Das macht mich mindestens genauso stolz wie seine Leistung auf dem Platz.

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