EHC Red Bull München: Wackliger Sieg in Schwenningen legt Defensivprobleme offen

Das Ende der Schwenningen-Flaute entlockte Oliver David keine übermäßige Gefühlsregung, jedenfalls keine sichtbare. "Wir nehmen das mit", sagte der Trainer des EHC Red Bull nach dem ersten Münchner Sieg am Bauchenberg seit fast vier Jahren recht lapidar.
Ehliz: "War brutal spannend zum Schluss"
Und fürwahr, zu großen Jubelstürmen gab das wackelige 4:3 bei den Wild Wings auch keinen Anlass, denn es fehlte nicht viel und der viermalige Meister hätte eine komfortabel wirkende 4:1-Führung noch aus der Hand gegeben. "Es war brutal spannend zum Schluss", stellte Yasin Ehliz fest. Unnötig spannend, hätte er auch sagen können.
Unterm Strich standen drei Punkte, die nach dem 1:5-Aussetzer gegen Ingolstadt zwar zwingend erforderlich und hilfreich waren, aber einige Schwachstellen erneut aufdeckten. Dem optischen Eindruck folgend, lassen Kapitän Patrick Hager und Co. zu viele gegnerische Großchancen zu. Dies unterstreichen auch statistische Werte, wie die zu erwartenden Tore einer Mannschaft pro Spiel.

EHC holte offensiv mehr heraus
Sie sind nicht unumstößlich, aber verdeutlichen doch die Tendenz, wer im Angriffsspiel wie gefährlich agierte. In Schwenningen war der EHC-Wert (2,85) niedriger als jener der Gastgeber (3,23), was heißt: München holte offensiv mehr heraus, als anzunehmen war.
Und ließ eben umgekehrt zu viele gefährliche Szenen zu. Schon zum vierten Mal an den ersten acht Spieltagen überstieg der "Expected Goals"-Wert des Gegners die Zahl drei, zum fünften Mal kassierte der Eishockeyclub mehr als zwei Gegentreffer.
Defensive Defizite sind nicht von Hand zu weisen
Defensive Defizite sind da nicht von der Hand zu weisen, daran änderte zunächst auch die Rückkehr von Fabio Wagner nach Ablauf seiner 14-Spiele-Megasperre nichts. Der Nationalspieler erledigte gleichwohl seinen Job zuverlässig, während etwa Trevor Carrick durch eine vermeidbare Strafzeit das Schwenninger 2:4 und damit den Sturmlauf in der Schluss-Sequenz ermöglichte.
Überhaupt gehört der hochgepriesene Kanadier zu jenen Profis beim Eishockeyclub, die noch auf der Suche nach der Bestform sind. Offensiv ist sein Beitrag trotz jeder Menge Überzahleiszeit überschaubar und defensiv stimmt zu oft das Timing in den Zweikämpfen nicht. Auch wenn Carrick schon betonte, wie sehr es ihm beim EHC und in München gefalle, auf dem Eis ist die Anpassung offenkundig nicht abgeschlossen. Manager Christian Winkler gesteht ihm diese Phase aber auch zu. "Ein Spieler, der lange in Nordamerika gespielt hat und neu nach Europa kommt, der braucht seine Zeit", sagte er jüngst bei MagentaSport.

EHC spielt demnächst gegen Berlin und Nürnberg
Das kommende Wochenende mit den Duellen bei Titelverteidiger und Tabellenführer Eisbären Berlin (Freitag, 19.30 Uhr) sowie bei den stark gestarteten Nürnberg Ice Tigers (Sonntag, 19 Uhr) wird für Carricks Weg und Beitrag weitere Indizien liefern – und zudem erkennen lassen, ob Wagners Rückkehr dann doch sukzessive die defensive Stabilität positiv beeinflusst.
In Schwenningen profitierte der EHC ja auch von einer berechtigten Fünf-Minuten-Strafe gegen Wild-Wings-Verteidiger Arkadiusz Dziambor, die Patrick Hager (31.) und Dominik Kahun (32.) zu zwei Toren nutzten und die so das Spiel für München wendete. Ehliz' erster Saisontreffer (40.) sowie Kahuns 4:1 (48.) sorgten für das ausreichende Polster vor der Schwenninger Schlussoffensive und stellten den ersten EHC-Erfolg am Neckar seit dem 23. Dezember 2022 (5:2) sicher. Damals hatten Hager und Ehliz übrigens auch getroffen.
EHC Red Bull München befindet sich aktuell auf Rang vier
Wenn man bei positiven Dingen bleiben möchte, dann macht der Vergleich zur Vorsaison Hoffnung. Nach acht Spielen und dem vorangegangenen großen Umbruch mit Coach David und vielen neuen Spielern stand der EHC nur auf Rang elf mit mickrigen neun Punkten. Aktuell befindet sich das Team auf Platz vier mit 15 Zählern und einem Spiel weniger als Mannheim (2.) und Nürnberg (3.) davor.
So gesehen gibt es zwar keinerlei Anlass für eine Grundsatzkritik, aber eben genauso wenig einen Grund zur Schönfärberei.