"Dann ist das natürlich ein Problem": Bibeau ist das rohe EHC-Ei für die Playoffs

Jeder kennt den Umgang mit einem rohen Ei. Es braucht Feingefühl, Vorsicht, Achtsamkeit, damit dieses zerbrechliche Ding nicht auf den Boden kracht und seinen dickflüssigen Inhalt in einem Schwall ausbreitet. Ist es einmal kaputt, ist es vorbei. Das war's, rien ne va plus, nichts geht mehr. Also fast nichts, es braucht schon eine Menge Improvisationskunst, um dann noch etwas zu retten.
Wenn man so will, ist Torhüter Antoine Bibeau das rohe Ei des EHC Red Bull München. So tief und qualitativ breit aufgestellt der Kader des viermaligen DEL-Meisters auch sein mag, die neuerliche Verletzung von Mathias Niederberger hat dafür gesorgt, dass der 31-jährige Kanadier wohl dieses eine Puzzlestück ist, das in den nächsten Wochen nicht herausbrechen darf, soll zum fünften Mal der Silberpokal in die Höhe gestemmt werden.
EHC-Torhüter Bibeau beeindruckt die Liga: "Er war unheimlich konstant"
Bibeau war einer der Top-Goalies der DEL-Hauptrunde, stand dem Kölner Janne Juvonen, der als Torhüter und Spieler des Jahres ausgezeichnet wurde, quasi in nichts nach. Der Gegentorschnitt pro Spiel war beim zweifachen Familienvater sogar noch einen Tick besser als beim finnischen Hai, der andererseits bei der Fangquote vorne lag und ein Zu-Null-Spiel (5) mehr schaffte als der Münchner Keeper. Bibeau, der aus dem französischsprachigen Teil Kanadas stammt, gewann in 29 Einsätzen für den EHC 22-mal – auch das ist bemerkenswert gut.

"Er war unheimlich konstant", lobt Coach Oliver David vor dem Beginn der Playoff-Viertelfinals gegen den ERC Ingolstadt am Dienstag (19 Uhr/Magentasport), er habe so gut wie keine Fehler gemacht und kaum einmal den Fokus verloren. David ergänzt: "Ich hoffe, ich kann meinen Job so gut erledigen wie er seinen macht."
Fällt Bibeau aus, muss EHC-Youngster Wolf ran
Ist demnach Bibeaus Gesundheit – siehe rohes Ei – der Schlüssel zum Erfolg? "Wenn noch ein zweiter Torhüter ausfallen würde, dann ist das natürlich ein Problem. Aber das wird nicht passieren", sagt der Amerikaner voller guter Hoffnung. Und selbst wenn: "Simon Wolf wäre der nächste, und er ist sehr, sehr fähig und hat bewiesen, dass auch er uns dabei helfen kann, Spiele zu gewinnen."
Aber freilich ist sich der Coach der Tatsache bewusst, dass es einen Unterschied gibt zwischen einem aufstrebenden Goalie-Talent (21), das noch nicht ausgereift ist und über sich hinauswachsen müsste, und einem gestandenen Veteranen, der schon allerhand Karriereberge und -täler erlebt hat. Der Meisterschaftstraum, er hängt zu einem gewichtigen Teil am Schlussmann, der anders als Niederberger noch darauf wartet, sich erstmals in seiner Profikarriere zum Champion zu krönen. Die statistische beste Hauptrunde der Laufbahn ist ein mehr als guter Anfang.
"Das Leben leicht gemacht": Eisenschmid verspricht Bibeau notwendige Unterstützung
"Der Bibs", sagt Markus Eisenschmid der AZ, "hat eine ganz, ganz starke Saison gespielt." Aber, und damit weist der Stürmer auf einen anderen positiven EHC-Faktor hin, die überzeugende Defensivarbeit, "wir haben ihm generell als Mannschaft das Leben leicht gemacht, ihn so unterstützt, dass er seinen Job so ausführen kann, dass wir ihm alle vertrauen – und er vertraut uns, dass wir unseren Job vorne machen."

Klingt, als könnte der Eishockeyclub heuer mit rohen Eiern ganz gut umgehen. Eisenschmid verspricht: "Er kann sich voll und ganz auf seinen Job konzentrieren und genau das zeigen, was er während der Saison gezeigt hat, nämlich superstarke Leistungen."
Bibeau: "Ich fühle mich körperlich und mental wirklich gut"
Was macht ihn eigentlich so gut, diesen Bibeau, diesen Ruhepol, der so gar nichts der Verrücktheiten an sich hat, die man Keepern sonst zuschreibt? Seine Größe mit 1,91 Meter entspricht dem Torhüter-Trend, und er weiß sie im Positionsspiel zu nutzen. Bibeau ist aber auch beweglich und agil genug für schnelle Richtungsänderungen. Und wenn man ihn selbst fragt, warum es aktuell so gut klappt, dann verweist Bibeau auf die vielen Einsätze, die es ihm ermöglichten, die von Coach David erwähnte Konstanz aufzubauen.
"Ich fühle mich körperlich und mental wirklich gut", sagt Bibeau – und für Gegner Ingolstadt muss das wie eine Drohung klingen. Drei Spiele stand Bibeau gegen die Schanzer im Tor, nur einmal haben sie ihn überwunden, nie gegen ihn gesiegt. "Ich habe gut gespielt, das Team hat vor mir gut gespielt. Dabei sollten wir bleiben."
Und dabei weiterhin das rohe Ei gut beschützen.