"Durch so einen Einschnitt wird man schneller erwachsen": Sophia Flörsch über ihren folgenschweren Unfall

AZ: Frau Flörsch, Opel startet in der kommenden Saison in der Formel E, mit Ihnen als Test- und Entwicklungsfahrerin. Das heißt: Sie verbringen viel Zeit im Simulator. Dem viermaligen Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel wurde da gerne mal schlecht. Ihnen auch?
SOPHIA FLÖRSCH: Nein, gar nicht. Ich bin mit Simulatorarbeit aufgewachsen und bin das gewohnt. Es gibt zur neuen Saison zudem ja auch 15 Testtage auf verschiedenen Strecken. Anfang Mai geht es bereits zum Test nach Spanien. Es ist also nicht nur Simulatorarbeit.
Flörsch: Opel-Stammplatz als Zielsetzung
Haben Sie in Ihrer Rolle auch ein Mitspracherecht bei der Auswahl der Piloten, die für Opel in der Formel E ab der kommenden Saison dann um Punkten fahren sollen?
Ich muss meine Möglichkeiten nutzen. Das heißt jetzt: im Simulator oder eben auf der Rennstrecke zeigen, was ich kann. Das ist mein Ziel. Alle wissen, dass es natürlich als Rennfahrer generell darum geht, irgendwann einen Stammplatz zu haben. Das ist auch mein Ziel.

Verstehe ich das richtig: Sie sind bei Opel, um hier Stammfahrerin zu werden?
Ja. Alle Rennfahrer wollen in erster Linie Rennen fahren. Ich auch, sehr gerne im Opel-Cockpit. Dafür muss ich einfach die Chancen nutzen, die ich habe. Natürlich auch in der Arbeit zusammen mit den Ingenieuren, mit dem ganzen Team. Und dann werden wir sehen, was die Zukunft bringt.
Unfall hat Liebe zum Motorsport "gesteigert", trotzdem riskanter Fahrstil
Wir würden Sie Ihren Fahrstil beschreiben?
An sich mag ich Autos, die übersteuern lieber als die, die untersteuern. Generell liegt mir das Rennen mehr als Qualifying. Einfach, weil ich den Zweikampf mag und es liebe, den Vordermann zu verwirren oder da irgendwie schneller im Kopf zu sein.
Sie hatten 2018 einen fürchterlichen Unfall in Macau, erlitten eine Wirbelsäulen-Fraktur. Hat dieser Unfall ihren Fahrstil und Ihren Umgang mit Motorsport verändert?
Durch so einen Einschnitt wird man schneller erwachsen. Der eigene Körper, die eigene Gesundheit wird einem noch bewusster. Bei mir hat der Unfall die Liebe zum Motorsport sogar noch gesteigert. Weil ich plötzlich lange nicht mehr machen konnte, was ich so liebe.

Ski-Superstar Vonn als sportliches Vorbild
Haben Sie einen Lieblings-Motorsportler?
Das ist Lewis Hamilton, er ist einfach eine coole Socke. Auch, weil er menschlich für wichtige Dinge einsteht. Selbst wenn er sich aktuell bei Ferrari schwertut, er hat immer performt. Ich habe ihn mal bei einer Laureus-Verleihung kennengelernt. Da war ich richtig aufgeregt. Meine Lieblingssportlerin generell ist hingegen Lindsey Vonn.

Der Ski-Superstar, warum?
Diese Frau ist der absolute Wahnsinn. Sie lebt für ihren Sport. Und ich kann zum Glück sagen, dass wir uns sogar etwas kennen, wir tauschen uns aus und haben auch schon zusammen trainiert.
Präferiert den FC Bayern, Ablenkung durch Lesen und Laufen
Sie wohnen in München. FC Bayern oder TSV 1860?
Die Bayern. Das kann übrigens ganz lustig werden. Bayern spielt ja das Halbfinale der Champions League gegen Paris. Stellantis, Opels Mutterkonzern, ist ja französisch. Wenn das Spiel stattfindet, sind wir mit unseren französischen Kollegen beim Test. Das schauen wir uns gemeinsam an.
Was machen Sie, wenn es nicht ums Rennfahren geht?
Gefühlt geht es an 22 Stunden pro Tag um Motorsport. Aber ich lese auch gerne Bücher, mein Lieblingsautor ist Sebastian Fitzek. Und ich laufe, trainiere gerade für den Berlin-Marathon im September.
Formel E "spannender" als Formel 1, Norisring-Rennen wäre "toll"
Berlin ist seit 2014 auch ständig Gastgeber der Formel E. Nun hört man, dass auch der Norisring in Nürnberg als Austragungsort eines Formel-E-Rennens im Gespräch sei. Ist das eine gute Idee?
Ich fände es toll, wenn wir am Norisring fahren würden. Da habe ich einst meine ersten Punkte in der DTM geholt. Das ist ein toller Stadtkurs.

Abschließend: Wie wichtig ist es, dass die Formel E im deutschen TV präsenter wird?
Das ist sehr wichtig. Das Racing in der Formel E ist über die Jahre immer besser geworden. Ich finde sogar, dass in der Formel E im Moment spannenderer Rennsport geboten wird als in der Formel 1. Zudem steht die Formel E für Nachhaltigkeit. Das ist die Zukunft.