Interview

Doping-Experte Fritz Sörgel: "Die Spiele mussten um jeden Preis stattfinden"

Der renommierte Pharmakologe Fritz Sörgel spricht in der AZ über den Irrglauben von den sicheren Spielen in Tokio, die Wettbewerbsverzerrung durch die Corona-Fälle - und eine olympische Erpressung.
| Krischan Kaufmann
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Der Pharmakologe und Doping-Experte Fritz Sörgel.
Der Pharmakologe und Doping-Experte Fritz Sörgel. © dpa

Der Nürnberger Pharmakologe (70) ist einer der renommiertesten Anti- Doping-Experten Deutschlands. Aktuell unterstützt er mit seinem IBMP-Institut viele Kliniken im Kampf gegen Covid-19.

AZ: Herr Sörgel, bei Olympia in Tokio wurde nun der 130. Corona-Fall gemeldet und mit dem Radprofi Simon Geschke hat es auch schon einen Sportler aus dem deutschen Team erwischt. Sie hatten bereits vor über einem Jahr in der AZ vor dem Irrglauben von den sicheren Spielen gewarnt - und dürfen sich nun bestätigt fühlen?
FRITZ SÖRGEL: Ja, leider! Wobei man auch sagen muss: Solange unter diesen 130 positiven Fällen kein Superspreader dabei ist, geht es ja noch. Aber wehe, wenn doch - dann wird es wirklich in Tokio und auch den Rest der Welt problematisch.

Für die Athleten, die positiv getestet wurden, ist es jetzt schon problematisch, weil sie unter Rechtfertigungsdruck geraten, wo sie sich angesteckt haben könnten.
Ich will jetzt ja nichts gegen Frau Gärtner sagen. . .

Sörgel: "Wir haben das Virus nicht im Griff"

Sie meinen die Virologin Barbara Gärtner, die Mitglied der DFL-Taskforce ist und auch den DOSB und das IOC in Sachen Corona berät?
Ja, sie hat gesagt, dass alles gemacht wurde, was gemacht werden konnte und dass in Tokio eigentlich nichts passieren kann. Aber das ist abwegig, wir haben das Virus nicht im Griff, unerwartete Wirkungen und Mutationen sind jederzeit möglich. 130 Infektionen sprechen ja auch eine klare Sprache. Umso mehr habe ich mich geärgert, wenn IOC-Präsident Thomas Bach immer wieder erklärt hat, die Spiele seien sicher. Das ist - mit Verlaub - Blödsinn. Seine Aussage hätte sein müssen: 'Wir haben unser Möglichstes versucht, aber es wird Fälle geben und wir können nur hoffen, dass es nicht zu viele werden - und eben kein Superspreader dabei ist.'

So viel Ehrlichkeit hätte aber die Japaner, die die Spiele ja eh schon mehrheitlich ablehnen, wohl noch mehr gegen Olympia aufgebracht.
Mag sein. Aber so wirkt es jetzt nach außen, wie ich es schon immer vermutet habe, dass die Spiele einfach um jeden Preis stattfinden mussten.

"Virus lässt sich nicht aussperren"

Bei den 130 Corona-Fällen wird es vermutlich kaum bleiben, oder?
Selbstverständlich nicht, das Virus lässt sich nicht aussperren.

Wenn aber immer mehr Athleten aufgrund einer Infektion ausgeschlossen werden, stellt sich dann nicht irgendwann die Frage, welchen sportlichen Wert diese Spiele überhaupt noch haben.
Natürlich, denn desto größer die Konkurrenz bei einem Wettbewerb, desto größer ist auch die Anerkennung, wenn ich gewinne - umgekehrt gilt das aber genauso. Ich würde vom sportlichen Wert her deshalb folgende Reihenfolge aufstellen: Moskau, Los Angeles, Tokio 2021 (1980 boykottierten die USA und zahlreiche Verbündete die Spiele in Moskau, vier Jahre später dann als Reaktion darauf die Sowjetunion die Spiele in Los Angeles, Anm. d. Red.).

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"Muss man fast schon Erpressung nennen"

Dann bleiben Sie auch dabei, dass man auf diese Spiele in Tokio besser verzichtet hätte?
Auf jeden Fall. Oder man hätte die Spiele zum Beispiel wie jetzt bei der EM auf einen Monat strecken müssen und überlegen, die Wettkämpfe viel mehr zu verteilen, damit nicht alle Sportler auf einmal an einem Ort sind. Nur weil das olympische Motto "schneller, höher, stärker" jetzt noch um den Zusatz "gemeinsam" erweitert wurde, ist, ist es eben noch lange nicht sinnvoll. Etwas anderes regt mich aber noch viel mehr auf.

Und das wäre?
Angeblich bestehen bei Thomas Bach und dem IOC ja Ambitionen auf den Friedensnobelpreis. Und man kann wirklich nur hoffen, dass diese Hoffnung niemals Wirklichkeit wird, denn wenn jemand ein Land so unter Druck setzt, wie das IOC und Thomas Bach aktuell Japan, dann muss man das fast schon Erpressung nennen. Und was ganz vergessen wird, der enorme Ressourcenverbrauch. Die Pandemie selbst verursacht den vermutlich größten Verbrauch, zum Beispiel an Kunststoff für die Diagnostik und Hygiene in der Menschheitsgeschichte und da muss man jetzt noch diesen Wahnsinn an Verbrauchsmaterial, An- und Abreisekosten draufsetzen.

"Komplett doping-frei sind diese Spiele mit Sicherheit nicht"

Wäre es aus Sicht der japanischen Regierung nicht sinnvoller gewesen, nur geimpfte Athleten zuzulassen?
Vielleicht, allerdings muss man auch die Sorgen mancher Menschen vor einer Impfung respektieren. Und wenn ich ungeimpfte Athleten nicht zu den Spielen zugelassen hätte, wäre die sportliche Verschiebung ja noch größer geworden. Außerdem wissen wir ja mittlerweile, dass auch ein Geimpfter ansteckend sein kann.

Wagen wir zum Schluss noch eine Prognose: Wenn die Spiele schon nicht corona-frei sind, bleiben uns dann wenigstens die üblichen Doping-Skandale erspart?
Komplett doping-frei sind diese Spiele mit Sicherheit nicht, aber man kann erfreulicherweise feststellen, dass es bislang keine spektakulären Fälle gegeben hat.

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