Dopfer glaubt an Ski-Löwe Straßer bei Olympia: "Kann ganz vorne mitmischen"

AZ: Herr Dopfer, Halbzeit bei Olympia – wie haben Sie die Winterspiele bislang erlebt?
FRITZ DOPFER: Der Funke ist längst übergesprungen. Bestehende Skipisten, auf Hängen, die man kennt, spektakuläre Bilder: Es wird schon gut vermittelt, wie steil das ist, wie die Übergänge sind, wie groß die Leistungen der Athleten sind – das ist alles schon olympiawürdig. Dazu Tragödien und Triumphe, wie zuletzt bei Federica Brignone, die sich nach einem Unterschenkelbruch zurück gekämpft und Gold geholt hat. Ich kenne das selber, hatte auch mal einen Unterschenkelbruch – da war ich nach elf Monaten bei Weitem noch nicht so weit wie sie jetzt.
Wie fällt der Blick durch die deutsche Brille aus?
Emma Aicher überstrahlt da natürlich schon sehr viel. Daher fällt das Halbzeit-Fazit aus deutscher Sicht schon sehr positiv aus. Denn je länger es dauert, bis die erste Medaille gewonnen ist, desto größer ist das Gerede.
"Linus’ Grundspeed ist auf jeden Fall da"
Am Montag geht Ihr ehemaliger Mannschaftskamerad Linus Straßer im Slalom auf Medaillenjagd. Wie haben Sie ihn vergangene Woche im Kombinations-Slalom gesehen?
Grundsätzlich fand ich die Team-Kombination eine starke Werbung für den Skisport und für das Wettkampfformat. Simon Jocher hat in der Abfahrt eine starke Leistung geboten, und Linus war bis zur zweiten Zwischenzeit Viertschnellster und macht dann eben einen kleinen Fehler aus dem Steilstück heraus ins Flache und hat da dann ein paar Stundenkilometer weniger. Das zieht sich so ein bisschen durch die Saison. Phasenweise ist er bei den Schnellsten mit dabei, und dann kommt aus welchen Gründen auch immer so ein kleiner Hackler dazu. Die Dichte und das Niveau im Slalom sind einfach unfassbar, gefühlt hat sich das in den letzten fünf Jahren nochmal verschärft, deshalb sind auf diesem relativ einfachen Hang auch die Unterschiede zwischen den Athleten kleiner.
Wie geht man als Athlet damit um?
Früher hieß es: Man braucht den Mix aus Kontrolle und Risiko. Mittlerweile schlägt das Pendel weiter Richtung Risiko aus. Heute muss man sich unfassbar am Limit bewegen, braucht gewisse Instinkte, Intuitionen und das Vertrauen in sich, dass es sich schon irgendwie ausgeht. Linus’ Grundspeed ist auf jeden Fall da, und jetzt geht es darum, diese 130, 140 Schwünge in den zwei Durchgängen nahezu fehlerfrei zu gestalten - und bei Fehlern möglichst schnell wieder in den Rhythmus zu finden. Das ist das, was bei jungen Athleten wie zum Beispiel Eduard Hallberg auffällt: Die haben auch mal Hackler drin, aber dann geht es einfach Vollgas und mit hoher Risikobereitschaft weiter geradeaus.
Dopfer: Straßer beherrscht mittlerweile das neue Material
Als Straßer vor der Saison die Ski-Firma gewechselt hat, war der Aufschrei groß: ‚Ausgerechnet in der Olympia-Saison!’
Ich glaube schon, dass er am Anfang der Saison noch Herausforderungen hatte hinsichtlich Set-up und Sicherheit. In Adelboden war er im ersten Durchgang unfassbar schnell unterwegs, in Wengen auch, in Kitzbühel dann auf dem Podest: Das sind ja schon Indizien, dass er inzwischen dieses Material beherrscht. Auch in Bormio hat er abschnittweise gezeigt, dass er unfassbar schnell ist. Das ist, glaube ich, für ihn wichtig: Er weiß, dass er den Grundspeed hat, dass das System funktioniert und das Material passt. Und er weiß, dass er, wenn es um etwas Großes geht, auch abliefern kann. Das hat er in Kitzbühel schon mehrere Male bewiesen, auch in Schladming, Zagreb und Stockholm. Er weiß, wie man Rennen gewinnt, hat auch schon eine Medaille bei Olympia geholt. Dementsprechend bin ich da sehr optimistisch.
Angesichts der angesprochenen Leistungsdichte ist ein Top-Favorit kaum auszumachen, oder?
Nahezu jeden der ersten 20 könnte man auf die 1 setzen. Einerseits macht es das den Athleten so schwer, konstant vorne dabei zu sein, andererseits ist diese Unberechenbarkeit für die Zuschauer natürlich spannend. Kein Athlet kann sich ausruhen oder auch nur fünf Prozent weniger geben, sonst wird er sofort durchgereicht. Atle Lie McGrath und Edi Hallberg werden sicher richtig gut mit dabei sein können, Tanguy Nef ebenfalls - und auch der Linus kann ganz vorne mitmischen.