"Diskriminierend": Warum bei Wasmeiers WM-Triumph in Bormio alle "angefressen" sind
AZ: Herr Wasmeier, ist das jetzt schon wirklich 41 Jahre her, dass Sie im Riesenslalom von Bormio mit wehendem Blondhaar zu WM-Gold gerast sind oder war das erst vorgestern? Dieser Lauf hat sich ja ins kollektive Gedächtnis eingeprägt.
MARKUS WASMEIER: Es können sich tatsächlich sehr viele an diesen Lauf erinnern! Das war natürlich die Überraschungsmeldung, dass nach dem ersten Lauf ein Deutscher führt – in einer Zeit, als der DSV nicht so wirklich Aushängeschilder hatte. Als ich dann ins Ziel gerauscht bin, war das natürlich Wahnsinn, Gänsehaut pur. Ich habe ja nie damit gerechnet, dass es zum Sieg reicht.
Vor Legenden wie Pirmin Zurbriggen und Marc Girardelli! Ingemar Stenmark war schon ausgeschieden…
Drei Jahre zuvor habe ich bei einem Rennen am Kronplatz von Stenmark in jedem Lauf acht Sekunden bekommen, war also 16 Sekunden hinter ihm! Aber ich dachte mir: ‚Irgendwann bist du auch mal hinter mir!‘ Und dann klopft mir in Bormio einer auf die Schulter und gratuliert mir: der Ingemar.
Wasmeier ging zwischen beiden Läufen Skifahren
Aber wie sind Sie in den drei Jahren so viel schneller geworden?
Ich hab‘ ja zuvor eine dreijährige Lehre gemacht, wollte als Maler und Lackierer beim Vater einsteigen, der Restaurator und Kirchenmaler war. Zuerst wollte ich Schreiner werden, aber der gab mir im Winter nicht frei. Damals konnte ich mich gerade so über Wasser halten. Mit meinen gerade mal 71 Kilo Abfahrer werden zu wollen, war eigentlich unmöglich – und dann wollten sie mich beim DSV rausschmeißen: ‚Mit so dünnen Beinen kann keiner Skifahrer werden‘, hieß es. Doch der Leismüller Sepp, nach dem auf der Kandahar in Garmisch ja die letzte Kurve vor dem Ziel benannt ist, meinte: ‚Wenn ihr den rausschmeißt, hör‘ ich auf!‘ Dann kam ich zur Bundeswehr und konnte drei Jahre lang nur trainieren – da kam zu meiner guten Technik die Kraft, und dann bin ich schnell geworden.
Sie hatten zuvor noch kein Weltcuprennen gewonnen – wie steht man da am Start als Führender nach Durchgang eins?
Ich war schon im ersten Lauf mit Startnummer drei überfordert - und bin dann fast zu spät gekommen, hatte also gar nicht viel Zeit zum Nachdenken. Da es brutal viele Teilnehmer gab, war zwischen den beiden Durchgängen eine lange Wartezeit – da bin ich zum frei Skifahren gegangen, weil ich es im Hotel nicht ausgehalten hab‘. Da wäre mir die Decke auf den Kopf gefallen. So war ich eineinhalb Stunden Skifahren, und schee war‘s, ich hab‘s genossen! Hätte es eine halbe Stunde länger gedauert, wären wohl die Nerven gekommen, aber so war ich überzeugt davon: ‚Ich gewinn das Ding!‘

Bei Wasmeier-Triumph: Falsche Hymne wurde abgespielt
Und das trotz der unterwegs verlorenen Skimütze und Skibrille!
Eine schöne Strickmütze war das – die hat jetzt bestimmt irgendein Torrichter aus Bormio! Ich bin gespannt, ob die irgendwann mal zu mir zurückkommt. Aber in dem Moment war das natürlich blöd ohne Mütze und Brille: Die Augen tränen, du musst ständig blinzeln und denkst: ‚Du Depp! Jetzt hast du‘s versemmelt!‘ Dann willst du noch mehr abkürzen, und anscheinend hat das geklappt. Ich hatte ja 39 Hundertstel Vorsprung auf Zurbriggen, bei der Zwischenzeit dann aber fünf Zehntel Rückstand! Dann hab‘ ich wohl so viel riskiert, dass ich am Schluss wieder fünf Hundertstel vorn war. Da war ich selber überrascht.
Und dann lief bei der Siegerehrung "Auferstanden aus Ruinen", die DDR-Hymne!
Auf einmal haben die Leute gebuht und gepfiffen – und ich hab‘ erst mal geschaut, ob sie die falsche Fahne hissen. Die hatten einfach das Band falsch eingelegt. Aber dann ist die örtliche Blaskapelle spontan aufgestanden und hat die richtige Hymne improvisiert: sehr nett!
Im Interview haben Sie in bayerischer Mundart gesprochen – und das ZDF blendete als Bauchbinde "Originalton Süd" ein…
Da waren von Strauß über Stoiber bis Gustl Bayrhammer ziemlich viele angefressen und fanden das diskriminierend. Jetzt ist das ja Standard, sobald irgendwo ein Dialekt zu hören ist.
Wasmeier zeigt sich begeistert von den bisherigen Rennen in Bormio
Wie haben Sie die bisherigen Rennen auf der Stelvio erlebt?
Mega, sensationell! Da wird so ein cooler Sport geboten, der Wahnsinn! Eine solche Dichte an Gewinnern. Durch die neuen Übertragungsmöglichkeiten mit Drohnen wird nun diese Dynamik sichtbar, was eine riesige Bereicherung für diesen Sport ist. Das war ja der Grund, warum ich damals die Kamerafahrten ins Leben gerufen und immerhin 22 Jahre lang gemacht habe.
Einen Zufalls-Sieger wird es in Bormio kaum geben, oder?
Auf der Stelvio wird dir jedenfalls nichts geschenkt. Dass der Giovanni Franzoni, dieser junge Italiener, mit einem Mal so eine Souveränität an den Tag legt – herrlich! Wenn man dann den bedrückten Marco Odermatt sieht, der meint, er gewinnt alles – die Medaillen sind schon gut aufgeteilt worden.
Leider findet die Verteilung von Edelmetall bei den Männern bislang ohne deutsche Beteiligung statt. Mit Simon Jocher ist nur ein einziger Speed-Fahrer am Start.
Das ist wirklich ein Dilemma. Zu meiner Zeit waren immer vier Mann am Start. Vor Olympia 1988 in Calgary waren sieben Deutsche unter den besten 15. Das war einfach eine Mannschaft. Da sollte man sich schon Gedanken machen.
Wasmeier: "Franjo von Allmen lacht sich eins"
Schwer zu verstehen auch, dass ein Luis Vogt als Achter von Kitzbühel nicht zu Olympia darf, eine Jessica Hilzinger, die in zehn Rennen nicht mehr als einen 22. Platz erreicht hat, dagegen schon.
Ich dachte auch ‚Ist mir da irgendwas entgangen?‘ Warum schließt der DSV eine Woche vor fast allen anderen Verbänden die Nominierung?
Diese Frage müssen wir an den DSV weiterreichen. Mit Slalom und Riesenslalom gibt es nun noch zwei Medaillenchancen. Was trauen Sie Ihren Nachfolgern in Bormio zu?
Ich bin begeistert von den Burschen! Fabian Gratz und Anton Grammel sind meine große Hoffnung. Die bringen eine komplett neue Fahrweise und vor allem auch Einsatz mit, sind so unbekümmert, dass einer auch mal in einem Durchgang Bestzeit fährt. Da freue ich mich schon drauf. Ich hoffe halt, dass sie das als normales Rennen, dann haben sie einen Vorteil gegenüber denen, die Druck bekommen.
Wie Serien-Sieger Odermatt.
Dem hat es seit Schladming den Zahn gezogen. Dann hat ihm der Franzoni noch den Streif-Sieg weggenommen, und Franjo von Allmen lacht sich eins.
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