"Das macht keinen Sinn": Felix Neureuther mit klarer Ansage zu Marcel Hirscher
AZ: Herr Neureuther, am Mittwoch haben Sie noch den Machern der TV-Serie "Bergretter" den Blauen Panther in der BMW Welt überreicht, danach ging’s ins Ötztal, zum Auftakt des Ski-Weltcups in Sölden, den Sie am Wochenende als ARD-Experte kommentieren werden. Vor ein paar Jahren haben Sie vor laufender Kamera auf dem Hang stehend Ihren alten Kontrahenten Marcel Hirscher angerufen. Der wird heuer nicht an den Start gehen. Wissen Sie, wie es ihm geht?
FELIX NEUREUTHER: Der kommt von einem Kreuzbandriss zurück, insofern ist die Entscheidung, in Sölden nicht zu starten, die logische Konsequenz. Er hat sich ja nicht nur verletzt, er hatte auch das Problem, sein Material so abzustimmen, dass er konkurrenzfähig sein kann. Dafür brauchst du wahnsinnig viele Testphasen. Du musst probieren und entwickeln, entwickeln, entwickeln. Genau das konnte er wegen des Kreuzbandrisses nicht. Wenn du Mitte 20 bist und auf deinem altbewährten Material fährst, geht eine schnelle Rückkehr vielleicht. Aber so, mit knapper Zeit, direkt in Sölden? Das macht keinen Sinn.
Warum ist Geduld im Skisport so wichtig?
Weil du dich permanent am Limit bewegst. Wenn du da etwas Unüberlegtes machst, kann es schnell in die andere Richtung gehen. Deshalb brauchst du einen Plan und darfst keine Hauruck-Aktionen starten. Für Hirscher ist es die einzig vernünftige Entscheidung: erst mal probieren und dann schauen, was geht.
Vonn nimmt Comeback ins Visier: "Sie ist unglaublich brutal, was ihren Willen angeht"
Auch die scheinbar unkaputtbare Lindsey Vonn will angeblich zurück in den Weltcup, hat sich vom US-Verband auf die Liste der Fahrerinnen setzen lassen. Müssen wir uns tatsächlich auf ein neuerliches Comeback der Drama-Queen einstellen?
Das ist, glaube ich, noch ein sehr weiter Weg. Man weiß ja nicht mal, ob sie überhaupt schon wieder auf Ski gestanden hat. Sie ist unglaublich brutal, was ihren Willen angeht. Wenn sie sich etwas vornimmt, zieht sie es durch. Und so ein Ziel im Hinterkopf zu haben, ist für den Kopf enorm wichtig. Das gibt unheimlich viel Motivation, durch eine Verletzung hindurchzugehen.

Apropos: Pechvogel Aleksander Aamodt Kilde hat sich die Achillessehne gerissen. . .
Das ist ein Drama, muss man ganz klar so sagen. Mir tut es unheimlich leid für den Kerl. Der Skisport kann so schön sein, aber eben auch brutal und ungerecht. Das erlebt man leider immer wieder.
Ein Achillessehnenriss im Skischuh kommt auch nicht so oft vor, oder?
Aksel Lund Svindal hat so etwas auch mal durchlebt, ist zurückgekommen und hat, wenn mich nicht alles täuscht, bei der Weltmeisterschaft eine Medaille gewonnen. Die beiden sind ja auch sehr eng befreundet, das hilft sicher. Wie lange es dauert, bis man wieder zurückkommt? Ich weiß es nicht. Einen Achillessehnenriss hatte ich zum Glück noch nie.
Kommen wir zu den Gesunden: Olympiasieger Lucas Braathen hat angekündigt, in diesem Winter auch im Super-G an den Start zu gehen, um Dominator Marco Odermatt den Gesamtweltcup abzujagen. Trauen Sie das dem Brasilianer zu?
Er ist ein Typ, der alles probiert, aber das ist schon sehr ambitioniert. Wenn du eine weitere Disziplin dazu nimmst, ist das schon viel. Er fährt ja ohnehin in Slalom und Riesenslalom um die Disziplinen-Kugel mit, und dann noch Super-G on top? Da wird er sicher nicht jede Strecke fahren. Aber wenn man sieht, was Odermatt in den letzten Jahren abgeliefert und an Punkten eingesammelt hat, ist Braathen bei einem normalen Saisonverlauf eigentlich chancenlos gegen ihn. Marco ist einfach so gut. Was Odermatt macht, ist unfassbar. Wenn du dieses Niveau hast, ist allerdings das Steigerungspotenzial begrenzt. Er kann sich noch verbessern, aber die anderen haben mehr Luft nach oben. Odermatt gibt die Benchmark vor, die anderen ziehen sich an ihm hoch. Er bleibt das Maß aller Dinge. Und er ist so wichtig für den Sport. Dass auch einer wie er immer weitermacht und sich stetig verbessern will, kann man nicht hoch genug wertschätzen.
Warum das erste Rennen in Sölden für Neureuther ein wichtiger Gradmesser ist
Sölden ist traditionell das erste Rennen der Weltcup-Saison, zudem sehr früh im Jahr. Wie aussagekräftig ist der Riesenslalom dort?
Man sagt oft: "Ist ja nur das erste Rennen." Ich glaube, das ist die falsche Herangehensweise. Der Hang in Sölden ist nicht irgendein Hang, gerade für die Riesenslalom-Fahrer. Du hast lange Zeit, dich darauf vorzubereiten, und dann ist endlich das erste Rennen da. Natürlich ist die Saison danach noch sehr lang. Aber es tut unheimlich gut, wenn du beim ersten Rennen schon etwas stehen hast. Es ist ein erster Gradmesser.
So wie Odermatt bei den Männern das Maß aller Dinge ist, ist es Mikaela Shiffrin bei den Frauen, seit sehr vielen Jahren schon. Nun hat sie allerdings angekündigt, ihr Wettkampf-Programm reduzieren zu wollen, gerade im Slalom, ihrer Paradedisziplin. Was bedeutet das für Emma Aicher, die in der vergangenen Saison in der Gesamtwertung ja nur knapp hinter Shiffrin geblieben war?
Ich verstehe Shiffrins Schritt total. Slalom ist eine brutale Disziplin, vor allem mental. Er macht unheimlich müde. Wenn du so viel gewonnen hast wie Mikaela, kann dich das zermürben. Sie ist extrem konstant, aber du musst es jedes Mal aufs Neue auf den Punkt bringen. Das ist eine riesige Challenge für den Kopf. Ich bin gespannt, wie viele Slaloms sie tatsächlich auslässt.
Wird der Gesamtweltcup dann zum Selbstläufer für Emma Aicher?
Nein, definitiv nicht. Aber die Chancen steigen, ganz klar. Wenn Shiffrin über die Saison 200 Punkte weniger holt, wird das sehr interessant. Emma hat noch wahnsinniges Steigerungspotenzial. Bei ihr muss man auch Sölden differenziert betrachten. Sie ist eine so außergewöhnliche Skifahrerin und Athletin, dass es keine große Rolle spielt, ob sie dort gut ist oder nicht.

Shiffrin hat zugleich Ihren maladen, verzweifelten Lebenspartner Kilde im Kopf. Belastet sie das?
Sicher beschäftigt sie das, aber das hat sie in den letzten Jahren eigentlich auch schon gut geschafft. Kilde war ja wirklich lange verletzt, und da hatte sie auch keine Sorge, dass es ihr die Leistung nimmt.
Neureuther sieht für Deutschland vor allem im Riesenslalom großes Potenzial
Schauen wir auf die Rennläufer des deutschen Teams. Wie sieht es am Wochenende bei den Männern aus?
Im Riesenslalom macht es wirklich Spaß. Das ist mit Anton Grammel, Fabian Gratz, Alex Schmid und Jonas Stockinger in der Breite mit Abstand unsere stärkste Disziplin. Vorne haben wir vier Jungs, die unter den ersten 30 sind, und dahinter kommen gute Junge wie der Garmischer Nickco Palamaras nach, die um die verbliebenen Startplätze kämpfen. Das ist für ein Team unheimlich wichtig. Auch der Europacup-Trupp macht einen richtig guten Job. Das macht große Freude.
Wie sieht es in der ehemaligen Paradedisziplin Speed aus?
Da haben wir mit Felix Rösle und Benno Brandis zwei Junge, bei denen sich etwas tut, aber man muss ihnen Zeit geben. Wunderdinge darf man nicht erwarten, sie müssen weiter Erfahrung sammeln. Alpinchef Christian Schwaiger sorgt dafür, dass man sie Stück für Stück heranführt. Letztes Jahr waren sie teilweise schon auf den großen Abfahrten dabei, und das war genau richtig. Du musst nicht gleich auf die schwersten Strecken. Das muss man sich Stück für Stück erarbeiten.
Was trauen Sie den deutschen Frauen in Sölden zu?
Außer Emma sind Lena Dürr, Fabiana Dorigo und auch Kira Weidle-Winkelmann dabei. Für Emma ist das sehr schön, weil sie sich mit der Kira sehr gut versteht. Es ist immer wichtig für ein Team, dass du nicht allein am Start stehst. Lena hat im Riesenslalom letztes Jahr einen super Eindruck gemacht. Für Kira gilt es vor allem Rennfeeling zu schnuppern. Der Riesenslalomschwung ist für die schnellen Disziplinen einfach unheimlich wichtig. Bei den Jungen sieht es dagegen etwas schwieriger aus, wenn wir ehrlich sind. Aber sie können sich an Emma, Kira und Lena orientieren und viel lernen. Ich hoffe, sie schauen sich viel ab.
So schätzt Neureuther die Chancen von Kumpel Linus Straßer ein
Was ist für Ihren Ex-Mannschaftskameraden Linus Straßer drin?
Ihm ist im Slalom prinzipiell alles zuzutrauen. Er hat beim Material noch einmal ein paar Dinge angepasst und fährt jetzt die zweite Saison mit neuem Material. Die erste Saison ist meist eine, in der du schaust, wie es unter welchen Bedingungen funktioniert, und das Material abstimmst. In der zweiten traue ich ihm sehr viel zu. Vom Schwung her kann kaum einer mit ihm mithalten. Wenn er das Material im Griff hat, spielt er eine richtig gute Rolle.

Und worauf freuen Sie sich im Weltcup-Winter nun am meisten?
Auf jedes einzelne Rennen. Ich freue mich, dass es endlich wieder losgeht. Wunderdinge erwarte ich nicht. Wer letztes Jahr gut war, wird auch dieses Jahr gut sein. Bei den Norwegern kommen noch ein paar Junge nach, die Schweizer werden unheimlich stark sein. Auf die Franzosen bin ich total gespannt, die haben eine richtig gute Truppe, auch im Slalom. Und der eine oder andere sorgt sicher noch für eine Überraschung. Materialwechsel sind ebenfalls immer spannend. Es wird jedenfalls Zeit, dass es wieder losgeht!
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