Das große Dürr-Drama bei Olympia: "Man kann das kaum in Wort fassen"
Es sah alles so gut und schön aus - und klang auch genau so. "Es hat sehr viel Spaß gemacht. Der Schnee ist wieder ein Traum, wie im Riesenslalom. Dazu perfektes Wetter. Es war so eine Freude, da oben zu stehen."
In diesem Moment strahlte das Gesicht von Lena Dürr mit der Sonne über dem Bilderbuch-Panorama von Cortina d’ Ampezzo um die Wette. Was sollte jetzt noch schief gehen? Einfache Antwort: alles.
Nach dem Vonn-Sturz: Olympia ist um ein Ski-Drama reicher
Gut drei Stunden später war das nächste Olympia-Drama bei den Skifahrern perfekt, nach dem fürchterlichen Sturz von Lindsey Vonn, dem Waldspaziergang des ausgeschiedenen Slalom-Führenden Atle Lie McGrath und nach der Cinderella-Story von Federica Brignone, die vor heimischem publikum als Rekonvaleszentin zu zwei Goldmedaillen raste. Nun also das Dürr-Drama. Zweiter nach dem ersten Lauf, eingefädelt am ersten Tor des zweiten Laufs, wie einst Markus Wasmeier, der bei Olympia 1988 in Calgary als turmhoher Favorit gleich am ersten Tor gescheitert war.
Oder wie Dürr selber, die bei Olympia vor vier Jahren als Slalom-Erste in den zweiten Durchgang gegangen und diesen auf Platz vier beendet hatte: Blech statt Edelmetall, wegen gerade mal sieben Hundertsteln einer Sekunde. Immer wieder war sie in den vergangenen Wochen und Monaten auf dieses Drama angesprochen worden, immer wieder hatte sie versucht, mit dem Erlebten umzugehen. So wie sie aktuell auch noch mit der am letzten Geländeübergang verpassten Medaille im Riesenslalom umgehen musste. Viel Gepäck, das sie da mit sich herum schleppte - schon beim ersten Schwung ihres wohl letzten Laufs bei Olympia kam der 34-Jährigen all das in ihrem Oberstübchen in die Quere. Aus und vorbei der Traum von einer olympischen Einzelmedaille.
Dürr ärgert sich über "dämlichen Fehler"
"Katastrophe, worst case. Man kann es noch gar nicht realisieren", klagte Dürr nach ihrem Missgeschick, "man meint, man kriegt nochmal einen Re-Run." Natürlich durfte die Frau vom SV Germering nicht nochmal an den Start gehen, sondern musste zusehen, als die Medaillen verteilt wurden: Gold an die wie im Weltcup total dominierende Mikaela Shiffrin, Silber an die Schweizer Weltmeisterin Camille Rast und Bronze an die ebenfalls 34-jährige Schwedin Anna Swenn Larsson, die ihr Glück kaum fassen konnte. Emma Aicher erwischte einen eher mittelprächtigen Tag und landete auf Platz neun. Ihr Kommentar: "Ich habe mich schwer getan, bin nicht wirklich ins Fahren gekommen, von rechts nach links gestolpert."
Und Lena Dürr? Sprach von einem "beschissenen Gefühl" und einem "dämlichen Fehler", der sie "bei einem FIS-Rennen vor 15 Jahren" vielleicht mal ereilt habe.
Hilde Gerg fühlt mit Lena Dürr: "Man kann das kaum in Worte fassen"
Trost? In der Situation fast unmöglich, sagt Hilde Gerg, Slalom-Olympiasiegerin von 1998, die bei ihren ersten olympischen Spielen 1994 auch als Erste in den zweiten Durchgang gestartet und auf dem Blechplatz gelandet war: "Man kann das kaum in Wort fassen", sagt die gebürtige Lenggrieserin über das Dürr-Drama, "es ist echt zum Mitweinen. Am liebsten würde man sie nun in den Arm nehmen, mit ihr in ein Loch kriechen und eine gute Flasche Wein mitnehmen. Das ist jetzt kein Trost, aber wenn sie in fünf oder zehn Jahren auf diesen Tag zurückblicken wird, wird sie wissen: Es gibt tausend Mal wichtigere Dinge im Leben."

