Dahlmeier-Freund Schlickenrieder über ihre Berg-Leidenschaft: "Sie hat es geliebt"

AZ: Herr Schlickenrieder, Sie waren mit Laura Dahlmeier lange und gut befreundet, haben mit ihr viele Berg- und Skitouren unternommen. Wie haben Sie das erlebt vor genau einem Jahr, als diese schlimme Nachricht aus Pakistan kam?
PETER SCHLICKENRIEDER: Du glaubst erst mal nicht. Ich habe tatsächlich im ersten Moment nicht glauben können, was ich da gehört habe. Und dann habe ich mir gedacht: ‚Okay, das ist Pakistan, weit weg, komische Nachrichtenlage.‘ Von daher war es für mich schwer zu greifen, nicht real zu dem Zeitpunkt. Du denkst erst mal: ‚Dann kann doch gar nicht sein!‘ Vor allem, wenn man Laura kennt.
Wie war sie denn?
Jemand, die immer sehr vorsichtig war, sich immer doppelt überlegte, die Lage lieber dreimal checkte, alle Wetterdienste einbezog. Wenn ich mich mit Laura vergleichen würde, war sie so viel vorsichtiger und geplanter wie jeder andere Mensch in dem Alter. Daher denkst du dann: 'Nein, das kann einfach nicht sein. Das gibt es fast nicht.' Für mich hat sich Laura trotz ihres jungen Alters so ein bisschen als Lehrmeisterin erwiesen. Ich habe beim Klettern viel von ihr gelernt. Wo wir manchmal eher ein bisschen stürmischer unterwegs waren, hat sie gesagt: 'Du, pass mal auf, mach da doch die Sicherung.'
Laura Dahlmeier und das Bergsteigen: "Sie hat es geliebt"
Wann und wie haben Sie sich kennengelernt?
Bei einer Tour am Großglockner, vor vielleicht zehn oder fünfzehn Jahren. Seitdem hatten wir schon viele Touren gemeinsam gemacht, Sommer wie Winter.
Wenn man sich nun nochmal all die TV-Beiträge anschaut, die sie beim Wandern oder Klettern zeigen, fällt auf: Egal, wo sie hochläuft, sie hat immer dieses glückliche, erfüllte Lachen im Gesicht. Ist es einfach diese Freude an der Natur und den Bergen, die sie vor allem ausgemacht hat?
Sie hat es geliebt. Bergführer war ja auch der Beruf, den sie erlernt hat, den sie geliebt hat und der einfach ihre Berufung war.

Zum Verhängnis wurde ihr wohl Steinschlag – dank Klimawandel ein Naturereignis, das immer mehr Bergfreunden das Leben schwer macht.
Was willst du dagegen machen? Steinschlag wird dich an den Hängen der kleinsten Berge erwischen oder wenn du Hochtouren in den Alpen machst. Es ist die gleiche Problematik.
Und es wird schlimmer, oder?
Klar, weltweit, durch die Klimaerwärmung und den auftauenden Permafrost.
Und dennoch zieht es immer mehr Menschen in die Berge. Gehen Sie nach diesem Verlust der guten Freundin anders auf Tour? Vorsichtiger, überlegter?
Nein, wenn ich ehrlich bin, hat sich bei mir nichts verändert. Ich habe unlängst mit dem Paragleiten angefangen, wissend, dass das eine Gefahr ist. Im Endeffekt hast du die Dinge nicht in der Hand. Lass Luftschichten kurz über dem Boden zusammenkommen, die sonst nicht zusammenkommen: Das hast du nicht im Griff. Du wirst nicht jede letzte Gefahr ausschließen können. Selbst beim Autofahren, wenn du dich super sicher fühlst. Wenn man die Statistiken vergleicht, sterben beim Autofahren deutlich mehr Menschen als in den Bergen. Es ist halt eine trügerische Sicherheit, die man da hat.
Schlickenrieder: "Dinge, die sehr stark im Gedächtnis bleiben"
Wie präsent ist sie Ihnen jetzt noch, ein Jahr danach?
Schon sehr. Wenn ich in den Keller runtergehe und mein Kletterzeug packe. Manchmal denke ich heute noch: 'Sie ist da. Ich muss bloß anrufen, dann gehen wir los.' Wir haben jetzt nicht ewig viel Zeit miteinander verbracht, aber das waren natürlich schon Dinge, die sehr stark im Gedächtnis bleiben.
Am Montagabend sitzen Sie bei ServusTV in einer Sendung, mit Thomas Huber, der damals in der Nähe des Unglücksbergs Laila Peak war und versucht hatte, die Rettungsaktion zu koordinieren. Sie selbst hat es nie in diese Region gezogen?
Das war zeitlich bislang nicht drin, nicht vereinbar mit meinem Job als Bundestrainer. Da konnte ich einfach nicht so lange weg. Aber die Faszination dieser Region verstehe ich vollkommen. Das ist bestimmt ein tolles Land mit toller Natur, schon eine interessante Geschichte, keine Frage.
Im ServusTV-Beitrag "Laura Dahlmeier ... ein Schritt zu weit" haben die Filmmacher mit einer Spanierin gesprochen, die Laura kurz vor dem Unglück noch dort im Basecamp getroffen und sich mit ihr über die Bedingungen am Laila Peak ausgetauscht hat – und die ihr von einem Gipfelversuch dringend abgeraten habe. Sie sei aus allen Wolken gefallen, als sie gehört hat, dass Laura und ihre Seilpartnerin dann doch den Gipfel in Angriff genommen haben…
Mei, da steckt man halt einfach nicht drin. Das ist für jeden, der nicht bei der Expedition dabei war, schwer zu beurteilen. Da gibt es dann immer viele, die wissen, was man besser hätte machen müssen. Ich glaube, dass das kein Mensch beurteilen kann, der nicht dabei war.