Christian Neureuther erinnert sich an seine Gold-Rosi: "Sie hat kein einziges Mal geklagt"

Wo die Medaillen von Innsbruck lagerten, das war der Rosi ziemlich wurscht.
Ob in einer Schublade, einem Schrank, in einer Kiste im Keller, Rosi Mittermaier wusste es nicht. Sie habe auch nie danach gesucht, sagt Christian Neureuther, sie hätten keine große Bedeutung gehabt. "Was der Rosi wichtig war", sagt Christian Neureuther, "das war die Familie, Liebe und Harmonie."
Rosi Mittermaier wurde bei den Winterspielen von Innsbruck zu einer Legende
Aber nicht die drei olympischen Medaillen von 1976, die zwei goldene und eine in Silber, die Rosi Mittermaier vor genau einem halben Jahrhundert gewann. Bei den Winterspielen von Innsbruck, als sie aufstieg zu einem Superstar des deutschen Sports, zu einer Legende, ins ganz oberste Regal der Legenden. Auf einer Stufe mit Schmeling oder Beckenbauer, später Becker oder Schumacher.
Auch wenn sie das ja nie sein wollte. Ein Star, eine Legende.

Winterspiele 1968 und 1972 für Mittermaier ohne Erfolg
Ein Mittwochvormittag Ende Januar in Garmisch. Später wird Christian Neureuther aufbrechen Richtung Reit im Winkl, ein Geburtstag steht an, die Heidi wird 85. Heidi Mittermaier, seine Schwägerin die älteste Schwester der Rosi. Aber davor ist noch Zeit, um sich zu erinnern an jene sporthistorischen Tage in der Axamer Lizum. Um zu reden über die Rosi, seine Frau, seine große Liebe, die ihn seit jungen Jahren durchs Leben begleitete, so wie er sie. Bis zu ihrem Tod Anfang 2023.
Innsbruck 1976, für die Rosi waren es die dritten Winterspiele. Bis dahin war die olympische Bilanz durchwachsen, Grenoble 1968 und Sapporo 1972, beide Male weit weg vom Stockerl. "Und wenn’s in Innsbruck nichts geworden wäre mit einer Medaille", so Neureuther, "dann hätte die Rosi gesagt: ‚Mei, dann hab ich halt nix gwonnen. Aber Hauptsach’, schee war’s.’"

Neureuther vergleicht Rosi Mittermaier mit Shiffrin
Die Trainer, die Funktionäre, sie sahen das freilich anders, sie setzten schon ab 1974 alles daran, damit Rosi Mittermaier ihr Potenzial endlich zur Entfaltung bringt. Bis dahin war ihr das nicht gelungen. Weil ihr die Konsequenz fehlte.
Vom Potenzial, den Anlagen, dem natürlichen Talent, sagt Neureuther, sei die Rosi einzigartig gewesen. Die Shiffrin sei noch ein ähnlicher Typ, ansonsten wisse er niemanden, der das Elementare des Skifahrens so beherrscht hätte.
"Die Rosi konntest du überall hinstellen, die ist bei den schwierigsten Bedingungen mit einer unnachahmlichen Leichtigkeit den Berg hinunter, ob über Buckel, durch Tiefschnee, bei Bruchharsch." Nur das Training hatte sie nie ganz so ernst genommen, sagt er.
"Und wenn dann wieder mal Kondition und Ausdauer auf dem Plan stand, dann ist sie lieber in den Wald zum Schwammerlsuchen."

DSV enwickelte für Innsbruck eine Art Mittermaier-Masterplan
Beim Deutschen Skiverband erkannten sie die Defizite und entwarfen zwei Jahre vor Innsbruck eine Art Mittermaier-Masterplan. Der damalige Trainer Heinz Mohr gab der Rosi klare Inhalte vor, setzte auf strukturelle sportwissenschaftliche Ansätze, zweimal pro Woche fuhr er zu ihr auf die Winklmoosalm, einfach, damit sie ihm nicht auskam. Damit sie gscheit trainierte. Und nicht in die Schwammerl ging.
Und es funktionierte ganz gut, die Rosi etablierte sich immer mehr in der Weltspitze, gerade im Slalom, wo sie in den zwei Jahren vor Innsbruck fünf Weltcup-Rennen gewann. Dort galt sie als Mitfavoritin, ganz anders als in der Abfahrt.
Mittermaier wurde bei der Generalprobe Letzte
Bei der Generalprobe vor Innsbruck Ende Januar 1976 in Bad Gastein kam sie als Letzte ins Ziel. Rosi hatte Startnummer 1, der Schnee stand köcheltief, Rosi war das Räumfahrzeug. Und in den Flachstücken, auf denen sie mit ihren 53 Kilo eh schon gern Zeit verlor, blieb sie fast stehen. In einer Gleitpassage, sagt Neureuther, da sei Abfahrts-Coach Wolfi Bartels neben der Piste hergefahren und habe sie auch noch überholt. Der Rückstand auf Siegerin Doris de Agostini betrug am Ende 39 Sekunden. Neununddreißig.
Und dann war noch dieser fürchterliche Unfall, ein Jahr vor den Spielen auf der olympischen Abfahrtsstrecke in der Axamer Lizum. Die DSV-Frauen trainierten damals wie üblich mitten während des regulären Skibetriebs, eine Piste extra sperren zu lassen, das hätte zu viel Geld gekostet. Und so kollidierte die Rosi während der Schussfahrt mit einem britischen Urlauber, der Tourist verstauchte sich das Knie, Mittermaier brach sich den linken Ellbogen.
Olympia 1976? Die Abfahrt? Die Mittermaier? Kann doch nix werden. Dachten sich alle.

Rosi Mittermaier fuhr in Innsbruck mit Glückspfennig am Bein
Außer dem Wendler Max vielleicht. Der Wendler Max war ein berühmter Schneider in Garmisch und fast noch berühmter für seine Leberknödelsuppn, es war die beste Leberknödelsuppn im ganzen Werdenfelser Land, erzählen sich manche, und auch die Rosi und der Christian kosteten mit Freude davon.
Als die Rosi vor Innsbruck dem Wendler Max ihren Olympia-Rennanzug zum Kürzen vorbeibrachte, weil er ihr eigentlich viel groß war, da nähte ihr der Max heimlich einen Glückspfennig ein, ins Ende des Hosenbeins. Die Rosi erfuhr erst lange nach Innsbruck von ihrem Talisman und es war ganz gut, dass die Materialkommission der FIS damals nicht so humorlos herumwütete wie derzeit, sonst hätten sie die Rosi wegen des Glückspfennings am Ende noch disqualifiziert.
Jedenfalls war vor der Olympia-Abfahrt alles bereitet für Brigitte Totschnig. Die Topfavoritin, Austrias Skiheldin. Die große Totschnig. Die sich, so hofften sie, bei den Frauen ebenso im rot-weiß-roten Olymp verewigen sollte wie bei den Männern schließlich Franz Klammer.
Mittermaier mehr als eine halbe Sekunde vor Topfavoritin Totschnig
Aber als dieser 8. Februar, der Tag des olympischen Abfahrtsrennens, anbrach, da war es anders als sonst. Christian Neureuther denkt an die eine zufällige Begegnung, als die Rosi unten am Skilift Harry Valerién traf, den unvergessenen Sportreporter des ZDF. "Übertragst Du heut?" habe die Rosi gefragt, worauf Valerién verneinte und auf die ARD verwies. "Schad", meinte die Rosi mit einer Überzeugung, die sie sonst nie zeigte, "dann versäumst heut was."
Und auch Servicemann Herbert Huber erzählte einmal, wie die sonst so ruhige und gelassene Rosi beim Frühstück ihren verblüfften Cheftrainer Klaus Mayr ganz aufgeregt mit Fragen löcherte. Wie sie Tor 18 am Felsenschuss nehmen solle. Und welches Paar Ski für heute das Bessere wäre. Herbert Huber: "Ich hab’ denkt, jetzt hat’s die Rosi erwischt."

Im Rennen fuhr Totschnig mit Startnummer 7 überlegene Bestzeit, mit fast zwei Sekunden Vorsprung, auch die nach ihr folgende Mitfavoritin Irene Epple war chancenlos. Epple wurde Zehnte und später Ehefrau von Theo Waigel. Aber als alle glaubten, das Rennen sei schon entschieden, da kam Rosi Mittermaier mit Nummer 9, sie pulverisierte die Zwischenbestzeiten, am Ende lag sie mehr als eine halbe Sekunde vor der Totschnig.
Alle mochten Rosi: Österreicher bejubeln Mittermaier
Die Reaktion des Publikums in den Minuten nach der Triumphfahrt, es war ein Beleg von Mittermaiers schon damals außergewöhnlicher Popularität. Selbst in Tirol, wo es etwa zum guten Ton gehörte, deutsche Skispringer bei der Vierschanzentournee nebenan am Berg Isel Jahr für Jahr gnadenlos niederzubrüllen, da bejubelten sie nun eine Olympiasiegerin, die nicht wie die Totschnig aus Salzburg kam, sondern von jenseits der Grenze aus dem Chiemgau.
Die Ösis ließen die Rosi hochleben, als sei sie eine von ihnen. Und Hans Falkner, Tirols Tourismuspionier, Gründer der Bergbahnen Sölden, Patriarch des Ötztals, er drückte die Rosi an sich und ihr dann 100 rote Baccara-Rosen in den Arm.
Die Rosi mochten einfach alle. Auch wegen ihrer selbstverständlichen Fairness. Wenn bei Weltcup-Rennen DSV-Läuferinnen aus dem Ziel Funksprüche über die Schlüsselstellen an die Team-Kolleginnen am Start übermittelten, dann war die Rosi, so erzählt es Christian Neureuther, so mitteilsam, dass sie die Infos gleich an die Konkurrenz weitergab. Totschnig, Moser-Pröll, die Nadig. Obacht, ein Loch in der Traverse, das vorletzte Tor lieber hoch anfahren, volle Attacke im Mittelstück.
Mittermaier holt auch Slalom-Gold und Riesenslalom-Silber
Drei Tage nach dem Abfahrts-Triumph die Fortsetzung der Ekstase, 40.000 Menschen im Zielraum und am Hang, mehr als je zuvor bei einem Frauen-Slalom, feierten das zweite Gold der Rosi. Und dass sie am Freitag, den 13., im abschließenden Riesenslalom, damals ausgetragen in nur einem Lauf, nur Silber holte, Christian Neureuther glaubt fast, dass die Rosi im unteren Teil ganz unbewusst schlechter fuhr, langsamer, gebremster. "Drei Goldene, das wär ihr dann zuviel gewesen."
Am 14. Februar wurde Christian Neureuther im Olympia-Slalom Fünfter, es war eine Enttäuschung für ihn. Und dann, zu allem Überfluss, versetzte ihn die Rosi auch noch. Und zwar kam das so.

Rosi Mittermaier versetzte Christian Neureuther in Innsbruck
Sie hatten sich kaum gesehen in all der Zeit zwischen Rennen und Training, für den Abend jenes Samstags aber hatten sie sich schon Tage davor verabredet, 19 Uhr, Ausgang Olympisches Dorf, dann wollten sie um die Häuser ziehen. Aber die Rosi kam nicht, wer kam, war Wolfi Junginger, Neureuthers Slalom-Teamkollege und Zimmergenosse im Dorf. Als Slalom-Sechster blieb auch er ohne Medaille, also fuhren beide zur Frustbewältigung in eine Disco ins Stubaital, schwomas obe.
Beim Frühstück in der Dorfmensa am Sonntag traf Neureuther dann eher zufällig die Rosi, die sich vielmals fürs Fernbleiben entschuldigte. Aber sie habe mal eben nach Dortmund müssen. Mit Blaulicht hatte man sie aus Innsbruck an den Münchner Flughafen eskortiert, von dort flog sie in einem privaten Learjet zu einem Galaabend von Radio Luxemburg in der Westfalenhalle. Und gleich danach wieder zurück.

Es war nur ein kleiner Vorgeschmack auf das neue Leben als Sportidol. Es folgten reihenweise Empfänge und Ehrungen, ob in der Staatskanzlei bei Alfons Goppel oder daheim in Reit im Winkl, die Fahrt dorthin glich ab Bernau einem Triumphzug, links und rechts zehntausende Menschen der Straßen, mehr Trubel hätte es auch nicht gegeben, wären der Papst, Mick Jagger und Queen Elizabeth auf einmal die B305 entlanggerollt.
Rosi Mittermaier durch ihre Erfolge ein begehrtes Testimonial für die Werbung
Und natürlich war die Rosi mit ihren Erfolgen, ihrem Charme, der Persönlichkeit nun auch ein begehrtes Testimonial für die Werbung. Mark McCormack, mit seiner Agentur IMG der Godfather des modernen Sportmarketings, nahm Mittermaier unter Vertrag, so wie davor schon die Golfgrößen Jack Nicklaus und Gary Player, Tennisstars wie Arthur Ashe und Björn Borg, Jackie Stewart, den Rennfahrer.

Plötzlich war die Rosi von der Winklmoos auch in der Vermarktung im erlauchten Kreis der internationalen Sportkoryphäen. Man flog sie von einem PR-Termin von Japan über den Pazifik nach Amerika, einmal wurde sie in San Francisco vor einem NFL-Spiel der 49ers im legendären Candlestick Park an der Mittellinie begrüßt und geehrt. Ein hibbeliger Livemoderator fragte sie, wem sie denn an diesem Tag den Sieg zutrauen würde. Die Rosi sagte ins Stadionmikro: dem FC Bayern. Und über den Köpfen der raunenden Zuschauer im Stadion stiegen in Denkblasen 70.000 Fragezeichen auf.
Es waren Momente wie diese, an denen sie wusste, das alles ist nicht ihre Welt.

1980 heirateten Rosi Mittermaier und Christian Neureuther
Wenig später, erzählt Neureuther, wollte McCormack die Rosi nach Monte Carlo umsiedeln, der Steuern wegen, sie sollte teilhaben an der High Society, sich bei der Formel 1 zeigen, auf schicken Partys. Aber die Rosi winkte nur ab, was soll sie denn in Monte Carlo. "Ich will doch nicht weg aus meinem Bayern und meinen Bergen", meinte sie - und kehrte IMG den Rücken.
Sie blieb in Bayern, heiratete 1980 ihren Christian und statt dem mondän dekadenten Jetset-Leben zu frönen, kümmerte sie sich lieber in Garmisch um ihre Begonien, erklärte im Fernsehen die richtige Skigymnastik und gab Kurse im Nordic Walking.

Zu ihrem persönlichen Glück brauchte die Rosi nur ihre Familie und ihre Berge. Die Medaillen von Innsbruck waren fürs Glück völlig bedeutungslos. Nie habe sie sich wichtig genommen, sagt Christian Neureuther, auch nach der Krebsdiagnose 2022 und der Aussicht auf nur noch wenige Lebensmonate. "Sie hat kein einziges Mal geklagt oder gejammert, sie hat immer nur gesagt, wir sollen uns für die Kinder in unserer Gesellschaft engagieren, dass sie sich genug bewegen und Sport machen, das war ihre Mission."
Christian Neureuther ist am Ende des Treffens schon kurz vor dem Aufbruch zum Geburtstag von der Heidi, als ihm noch der philosophische Sinnspruch einfällt, als Antwort auf die Frage, was nach dem Tod von einem übrig bleibt. Und zwar das, was man im Leben an Liebe ausgestrahlt und bewirkt hat.
Und so bleibt von der Rosi ganz, ganz viel übrig.