Brand über Deckarm: "Meister des Wortwitzes"

Joachim Deckarm wird 60. Sein Freund Heiner Brand nennt ihn „den Ali des deutschen Sports“. Und erinnert in der AZ an das schlimme Unglück, das das Leben des Handballers veränderte.
| Matthias Kerber
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Der ehemalige Handball-Bundestrainer Heiner Brand (l.) mit seinem Freund Jo Deckarm, der 60 wird.
imago Der ehemalige Handball-Bundestrainer Heiner Brand (l.) mit seinem Freund Jo Deckarm, der 60 wird.

Joachim Deckarm wird 60. Sein Freund Heiner Brand nennt ihn „den Ali des deutschen Sports“. Und erinnert in der AZ an das schlimme Unglück, das das Leben des Handballers veränderte.

AZ: Herr Brand, am Sonntag begeht Ihr guter Freund Joachim Deckarm seinen 60. Geburtstag. Sie werden tags zuvor bei dem Festakt zu Ehren dieses großen deutschen Sportlers in Saarbrücken die Laudatio halten. Woran denken Sie als erstes, wenn Sie den Namen Deckarm hören?

HEINER BRAND: Es mag sich vielleicht komisch anhören, aber das, was Jo auszeichnet, ist sein Humor. Ich sehe nicht seine Behinderung, ich sehe nicht den Sportler, ich sehe einen Menschen, der von einem unglaublichen Humor, einer Lebensfreude beseelt ist.

Deckarm verfügt über ungeheuren Wortwitz...

Man muss richtig aufpassen was man sagt, er hat sich auf Wortwitz spezialisiert, da ist er ein Meister. Er wartet nur auf eine Gelegenheit, dass man sich mal verhaspelt. Da gibt es oft schon Momente, da rede ich noch und sehe schon, wie seine Auge anfangen zu blitzen – und ich wiederum fange sofort an, darüber nachzudenken, was ich gerade falsch gemacht habe. Und meist macht man dann noch mehr Fehler. Er wurde mal gefragt, wie oft Heiner Brand vorbeischauen würde. Da hat er nur gesagt: „Vorbeischauen bringt gar nichts, er muss schon auch hereinkommen.“ Das ist sein Humor, ganz trocken. Wie er bei seinem Schicksal diesen Humor bewahrt hat, bewundere ich. Und natürlich den Menschen Jo Deckarm. Er war auf dem Handball-Feld ein ganz Großer. Für mich war er irgendwie immer Deutschlands Handballer des Jahrhunderts. Aber was er danach geleistet hat, wie er sich nach seinem schweren Unfall zurück ins Leben gekämpft hat, macht ihn zum richtigen Vorbild. Für mich ist er eine Art Muhammad Ali des deutschen Sports.

Es ist jetzt fast 35 Jahre her....

Es war der 30. März 1979, ja.

Dass Deckarm sich beim Spiel im ungarischen Tatabánya schwerste Kopfverletzungen zuzog.

Ein fürchterlicher Tag. Ich war erst vor einem Monat an der Stelle, an der es passiert ist und habe seinen Gegenspieler Lajos Pánovics getroffen. Das war sehr bewegend.

Sie hatten Deckarm den Pass zugespielt, den er dann im Konter abschließen wollte.

Ja, und dann kreuzten sich die Wege von Jo und Pánovics, es war noch nicht einmal ein Foul, es war alles in Ordnung, aber die beiden knallten dermaßen mit den Köpfen zusammen, dass Jo noch in der Luft bewusstlos wurde und beim Aufprall auf den harten Betonboden keinerlei Abwehrbewegungen machen konnte.

Wann haben Sie realisiert, dass hier eine unfassbare Tragödie Ihren Lauf nimmt?

Das hat gedauert. Ich habe mich nach der Szene an unseren Torraum zurückgezogen. Ich kann nicht sehr gut Blut sehen, deswegen versuche ich, solche Szenen immer zu vermeiden. Ich stand da und dachte, der Jo, dieser Turm, der steht gleich wieder auf.

Aber er konnte nicht wieder aufstehen. Er hatte einen doppelten Schädelbasisbruch, einen Gehirnhautriss und schwere Gehirnquetschungen erlitten.

Irgendwann kam einer zu mir hinter und sagte: „Das sieht gar nicht gut aus.“ Jos Kopf muss vollkommen angeschwollen gewesen sein. Trotzdem war uns nicht klar, wie schlimm es wirklich war. Das Spiel haben wir ja sogar noch zu Ende gespielt. Aber dann...

In der Kabine erfuhren Sie dann, wie ernst es um Deckarm wirklich stand.

Wir saßen da und waren vollkommen fertig. Irgendwann kam die Meldung, dass Jo auf dem Transport ins Krankenhaus gestorben sei. Wir haben nur noch geheult. Irgendwann später hieß es dann, er sei noch am Leben, schwebe aber in Lebensgefahr. Wir mussten am nächsten Tag zurück, das war alles so unwirklich. Es hieß dann, er liege im Koma. Damals hatte ich aber keine richtige Vorstellung, was das eigentlich ist.

Deckarm lag 132 Tage im Koma, die Ärzte hatten ihn eigentlich schon abgeschrieben.

Ich werde es nie vergessen, wie ich ihn dann das erste Mal wieder gesehen habe. Wir hatten alle eine vollkommen naive Vorstellung davon, was Koma bedeutet. Wir dachten, wir kommen rein und er sagt: Hallo, Jungs, wie geht’s! Nichts hätte weiter von der Realität sein können. Wir haben ihn gesehen...

Er war aufgrund des schweren Hirnschadens auf dem Entwicklungsstand eines Zweijährigen...

Ja, wir haben ihn gesehen und wir mussten das Zimmer wieder verlassen. Wir mussten uns erst einmal richtig ausheulen, so groß war der Schock. Erst nach einiger Zeit konnten wir wieder rein. Es hat lange gedauert, bis er so wurde, wie er jetzt ist. Wenn man gesehen hat – und ich war viel dabei –, wie er sich in der Reha gequält hat, unglaublich. Ich war als Außenstehender erschüttert, wie mit ihm umgegangen wurde, ich habe zu dem Zeitpunkt nicht verstanden, wie hart die Ansprache an ihn war. Aber es hat geholfen. Er hatte zum Glück beste Unterstützung. Es fällt mir in dem Zusammenhang schwer, von einem Privileg zu sprechen, aber wäre er nicht der berühmte Sportler gewesen, der er war, dann hätte er vielleicht nicht all die Unterstützung erhalten. Denn das hat schon ein Vermögen verschlungen.

Wie schwer fiel es Ihnen, Ihren Freund so zu sehen?

Unglaublich schwer. Ich wusste erst auch gar nicht, wie ich mit ihm umgehen sollte. Man hatte Hemmungen, Beklemmungen. Aber er hat sie einem genommen, er war immer noch derselbe Jo. Wenn wir als Weltmeister-Team von 1978 etwa Benefizspiele bestritten, war er oft als Ehrengast am Spielfeldrand. Der Anblick war immer sehr emotional. Aber man gewöhnt sich dran, heute sehe ich das kaum noch. Ich sehe Jo. Er hat einen tollen Weg zurückgelegt. Klar fragt man sich mal, wie könnte er sein, wenn das Ganze heute passieren würde. Wenn er nicht eine Stunde lang auf einer holprigen Landstraße ins Krankenhaus hätte transportiert werden müssen, wenn man den Druck im Hirn hätte absenken können. Aber klar ist auch, man hat damals alles Menschenmögliche getan.

Sie reden immer von Jo, eigentlich will er doch seit einiger Zeit Joachim genannt werden...

Das habe ich auch gehört, aber zu mir hat er das nie gesagt. Und wenn er es sagen würde, würde ich mich auch nicht dran halten. Er war immer Jo für mich, er wird es bleiben. Ich glaube, er mag es nur nicht, wenn Leute, die ihn nicht so gut kennen Jo nennen. Wir waren immer schon Freunde, aber ich denke, dass wir nach dem Vorfall noch enger geworden sind. Und für mich wird er immer Jo sein.

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