Box-Legende Halmich vor Kabayels Mega-Fight: "Er ist der Agit von nebenan"
AZ: Frau Halmich, am Samstag boxt Agit Kabayel, der deutsche Interimsweltmeister im Schwergewicht, in Oberhausen gegen den Polen Damian Knyba. Sie sind als Expertin vor Ort. Für Kabayel geht es um sehr, sehr viel. Mit einem Sieg dürfte der Kampf gegen Superstar Oleksandr Usyk anstehen, Zahltage bei den Events in Riad wären gesichert und das Boxen in Deutschland könnte zudem etwas wiederbelebt werden.
REGINA HALMICH: Ja, das stimmt. Wenn Agit jetzt eine Top-Performance abruft und eindeutig gewinnt - und davon gehe ich aus -, dann hat er sich wirklich das Goldene Ticket für einen Kampf um die Weltmeisterschaft, einen Fight gegen Usyk mehr als verdient. Wenn es dazu nicht kommen sollte - und leider wird darüber ja bereits gemunkelt, dann hat das mit der undurchsichtigen Politik der Verbände zu tun, nicht mit Agit und seiner Leistung.

Sehen Sie Kabayel auf einem Level mit Usyk, Tyson Fury oder auch Anthony Joshua?
Das sind natürlich Hausnummern, gegen solche Gegner hat Agit in seiner Karriere noch nicht geboxt. Das wäre dann der absolute Test für ihn. Ob er wirklich in dieser Liga spielt, muss sich zeigen. Ich persönlich traue ihm viel zu. Er gehört auf jeden Fall zu den Top Five im Schwergewicht und er ist bereit, jetzt diesen nächsten Schritt zu gehen. Er ist mit seinen 33 Jahren jetzt im besten Alter und gerade in den letzten vier, fünf Jahren hat er boxerisch, aber auch mental noch einmal eine gewaltige Entwicklung gemacht. Sein Durchbruch war ja der Sieg 2017 über den Engländer Dereck Chisora. Diesen Erfolg damals hatte ihm kaum jemand zugetraut, da wurde er total unterschätzt. Aber er hat seine Chancen immer genutzt. Dieses Unterschätztwerden ist ja etwas, was ihn immer ein bisschen begleitet hat. Auch in seinen letzten Fights gegen den Kubaner Frank Sanchez oder den chinesischen Riesen Zhilei Zhang war er nicht unbedingt der Favorit, aber er hat gegen Sanchez bewiesen, dass er auch gegen boxerisch starke Gegner bestehen kann und gegen Zhang, dass er erfolgreich ist, wenn der Gegenüber viel größer, viel schwerer ist. Es ist sehr schade, dass ihm in Deutschland noch immer nicht die Anerkennung zuteilwird, die er nach seinen Leistungen eigentlich verdient hat.
Der Kampf um die Anerkennung ist etwas, was sie beide gemein haben, Sie mussten beim Frauenboxen Pionierarbeit leisten und viele Widerstände überwinden, Agit wurde lange von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen.
Natürlich ist das als Frau noch einmal ein bisschen eine andere Geschichte, aber irgendwo ist es dann doch wieder gleich. Also, ich sehe zumindest einige Parallelen, das stimmt. Ich kann also mit ihm sehr gut mitfühlen, wenn er sich über mangelnde Anerkennung beklagt. Denn jedem Sportler geht es ja auch darum, gesehen zu werden. Der Applaus ist unsere größte Währung. Nichts ist schlimmer, als überhaupt nicht wahrgenommen zu werden. Die Ignoranz, die manchmal in den Medien und der Öffentlichkeit herrscht, kann schon knallhart sein. Dagegen kämpft er jetzt auch an, er ist dabei sich in der Öffentlichkeit zu präsentieren. Diesen Frust kann ich gut nachvollziehen. Das macht er auch sehr gut und auf eine angenehme Art und Weise.
Mit seiner ruhigen, bescheidenen Art wirkt Kabayel in der doch teils sehr lauten und krassen Boxwelt erfrischend normal. Er spielt nicht etwa den Ghettoboy, um Aufmerksamkeit künstlich zu kreieren.
Absolut. Er ist immer noch der Agit von nebenan, der bescheiden groß geworden ist. Er stammt aus einer Arbeiterfamilie und hat seine Wurzeln nie vergessen. Das finde ich wirklich bemerkenswert und seine Herkunft erdet ihn auch ungemein. Er setzt auf Bewährtes, ist nicht abgehoben, bildet mit seinem Trainer Sükrü Aksu ein tolles Team. Er hat sich einen Golden Circle um sich herum aufgebaut, dem er blind vertrauen kann. Er hat es wirklich geschafft als Sportler, aber auch im Leben und mir gefällt auch, dass er nicht, wenn er in seine alte Wohnsiedlung fährt, mit einem Protzauto erscheint, sondern er einen ganz normalen Wagen nimmt, weil er es als nicht angemessen empfindet, wenn er da jetzt auf dicke Hose machen würde.
Glauben Sie, dass er es schwerer hat, in der deutschen Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden, weil er eben kurdische Wurzeln hat und Agit Kabayel heißt und nicht Max Mustermann? Er selber hat das ja als Grund für seine mangelnde Würdigung ins Spiel gebracht.
Ich finde es gut, dass er sich nicht hat verbiegen lassen und er sich einen deutschen Kampfnamen zugelegt hat. Er sagt ja selber: Ich wäre kein anderer Mensch, nur, weil ich einen anderen Namen hätte. Natürlich hat es ein Boxer, der einen ausländischen Hintergrund hat, der einen Namen hat, der ausländisch klingt, schwerer, da müssen wir uns nichts vormachen. Wenn du nicht dem Mainstream entsprichst, bist du eigentlich immer gleich in der doppelten Bringschuld. Er wurde noch nie zu Veranstaltungen wie „Sportler des Jahres“ eingeladen. So etwas tut weh, das kenne ich. Klar gibt es auch die Heldengeschichten wie die Klitschkos in Deutschland, aber Agit hat es in der Beziehung sicher schwerer, wahrgenommen zu werden als ein Henry Maske etwa. Aber ich hoffe sehr, dass er am Samstag eine Glanzleistung bringt und ihn dann die Öffentlichkeit sehen und anerkennen muss.

Kann Kabayel das Boxen in Deutschland, das ja am Boden liegt, wiederbeleben?
Agit wird in Oberhausen ein Ausrufezeichen setzen, da bin ich mir sicher. Die Halle wird beben. Er hat ja eine große Fangemeinde, gerade auch bei der kurdischen Community. Der Ticketverkauf hat ja bewiesen, wie gut er ankommt, die Stimmung wird sicher einmalig sein. Ich sage mal so: Es ist angerichtet. Jetzt muss er abliefern.
Bisher hat Deutschland in Max Schmeling erst einen Schwergewichtsweltmeister hervorgebracht. Axel Schulz und Luan Krasniqi scheiterten knapp.
Ich tue mich immer schwer mit diesen Schmeling-Vergleichen, denn das ist eine einzigartige Geschichte. Kabayel kreiert jetzt seine ureigene Geschichte. Das reicht.

Kabayels Kampfname ist der Leberking, weil sein Haken zur Leber berüchtigt ist.
Das ist mit sein bester Schlag. Das Arbeiten zum Körper wird oft unterschätzt und gerade der Leberhaken ist auch nicht einfach, weil man genau den richtigen Winkel finden muss. Das tut er sensationell gut. Er geht erst auf den Kopf und sobald der Gegner oben die Deckung zumacht, ist er unten da und bearbeitet den Körper. Sobald er da die Lücke sieht, ist er auch absolut kaltblütig. Das macht ihn auch unverwechselbar in seinem Kampfstil. Der Leberhaken ist seine Visitenkarte. Dieser Treffer nimmt dir komplett die Luft, der Leberhaken ist einer der schmerzhaftesten Schläge überhaupt. Und wenn es dich trifft, sieht das immer vollkommen doof aus, weil die Wirkung erst mit einer kleinen Zeitverzögerung einsetzt. Es schlägt ein, aber der Schmerz kommt erst nach einer Sekunde. Dann aber so richtig.
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