Boulderer wollen sich emanzipieren - WM in München als Schaufenster

Das Klettern ohne Seil und Sicherheitsgurt wird immer beliebter, in München stehen jetzt die ersten reinen Boulder-Weltmeisterschaften überhaupt an. Und ein deutscher Spitzenathlet will Gold holen.
| dpa
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München - Die drei WM-Tage im Münchner Olympiastadion haben für die weltbesten Boulderer Emanzipationscharakter. Erstmals dürfen die Freikletterkünstler ihre eigenen Welttitelkämpfe austragen und sind nicht nur ein kleiner Teil der Sportkletter-Weltmeisterschaften. "Vielleicht wird man später sagen: Das hier in München war der Anfang, als sich unser Sport ein Stück weit neu aufgestellt hat", urteilt Bundestrainer Udo Neumann vor dem Startschuss zu den Boulder-Festtagen an diesem Donnerstag.

Bouldern gilt als die einfachste aller Kletterdisziplinen. Ohne Sicherungsgurt, Kletterseil oder zusätzlichem Ballast am Körper müssen die weltbesten Athleten um den deutschen Gesamtweltcupsieger Jan Hojer bestehen - als würden sie wie Kinder im Wald versuchen, einen großen Baum hoch zu kraxeln. "Das ist wie physisches Schach. Du musst intellektuell erstmal auf Lösungen kommen, wie du die Wand bewältigen kannst, und das dann körperlich umsetzen", sagt Neumann, dessen Athleten schon zum fünften Mal im Olympiapark gastieren.

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Nach vier Weltcups werden an dem historischen Ort in der früheren Fußballarena nun erstmals WM-Medaillen vergeben. Schon immer in den Vorjahren hätten die Münchner Zuschauer dafür gesorgt, dass "eine Stimmung wie bei einem Champions-League-Endspiel" geherrscht habe, formulierten die Olympiapark-Werber einigermaßen übertrieben. Für Kletterverhältnisse locken die Boulderer aber in der Tat ein großes Publikum. 12 000 Fans waren vor einem Jahr beim Weltcup in München dabei, jetzt werden insgesamt rund 15 000 Zuschauer erwartet. "Nicht umsonst sind Boulderwettkämpfe nach Umfragen in der Kletterszene mit riesigem Abstand die attraktivsten", kommentiert Coach Neumann.

Das WM-Programm musste diesmal auf drei Tage ausgedehnt werden, um 210 Teilnehmern aus 44 Ländern gerecht zu werden. Zehn Deutsche sind dabei, der Frankfurter Hojer und die Gesamtweltcup-Vierte Juliane Wurm (Wuppertal) gelten als Medaillenanwärter. "Ich kann gewinnen, wenn alles perfekt läuft", sagt der 22 Jahre alte Hojer. Mit dem Selbstvertrauen von drei Weltcupsiegen und Platz eins im Endklassement startet er noch einen Tag vor Wurm in die Heim-WM. Die Männer-Qualifikation steht am Donnerstag an, die Frauen streiten sich am Freitag ums Weiterkommen. Alle Entscheidungen fallen am Samstag.

Vier bis fünf Minuten Zeit haben die Boulderer jeweils, um mehrere Hürden an den rund 4,50 Meter hohen Kletterwänden zu überwinden. Wer die meisten schafft oder - bei Gleichstand - die wenigsten Versuche dafür braucht, gewinnt. Professionelle Routenschrauber werkeln vor jeder neuen Runde mächtig an den Wänden herum und bauen neue Elemente ein, um Hojer & Co. vor immer neue Probleme zu stellen.

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Sich gegenseitig zuschauen dürfen die Athleten anschließend nicht - denn der Gedankengang, den besten Weg bis ganz nach oben zu finden, ist schon vorentscheidend. "Die ersten paar Minuten stehen die Sportler meist nur unten und wägen ab, welche Strategie am besten ist", sagt Neumann: "Die Zeit ist kein Faktor. Es geht darum, vorher im Kopf alles durchzuspielen und die Bewegungen dann umzusetzen." Geschick und Kreativität ist meist mehr Wert als pure Kraft.

Hojer ist 1,88 Meter groß, schlank und sehr schnellkräftig. Er kann große Distanzen in der Vertikale so schnell überbrücken wie kaum jemand sonst, hat mit seinen 80 Kilogramm aber Nachteile, wenn die Routenschrauber viele kleine Griffe einbauen. "Vieles hängt von der Tagesform und den aufgestellten Problemen ab", sagt er. München, wo bereits 2005 eine Kletter-WM im Stadtteil Riem ausgetragen wurde, ist auch für ihn das Highlight schlechthin. "Gerade, weil wir hier unsere ganz eigenen Weltmeisterschaften austragen können", schwärmt er. Ob das eine Fortsetzung findet, ist unklar. Der Kletterweltverband IFSC hat zumindest vorerst geplant, die Boulderer 2016 und 2018 wieder in seine allgemeinen Weltmeisterschaften einzubetten.

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